Wirtschaft

Martin Neumeyer ist Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Staatsforsten. (Foto: BaySF)

10.07.2015

„Wir müssen in einen Walddialog eintreten“

Matin Neumeyer, Chef der Bayerischen Staatsforsten, über nachhaltige Forstwirtschaft, Gewinnmaximierung und die Sehnsucht der Menschen nach dem Wald

Vor etwas über zehn Jahren fand die Forstreform in Bayern statt, und das Unternehmen Bayerische Staatsforsten (BaySF) mit Sitz in Regensburg wurde gegründet. Wir sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Martin Neumeyer über eine Dekade BaySF und die Herausforderungen der Zukunft.

BSZ: Herr Neumeyer, was ist die Kernaufgabe der Bayerischen Staatsforsten?
Neumeyer: Den bayerischen Staatswald mit allen seinen Facetten vorbildlich zu bewirtschaften unter Berücksichtigung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Kriterien, also etwa auch den bayerischen Markt ausreichend mit heimischem Holz zu versorgen.

BSZ: Aber viele Menschen glauben, dass die BaySF die bayerischen Wälder niedermachen, um das Holz mit möglichst hohem Gewinn auf dem Weltmarkt zu verkaufen.
Neumeyer: Das ist leider immer noch in den Köpfen der Menschen. Dies rührt noch aus den Zeiten der Forstreform, als solche Schreckensszenarien an die Wand gemalt wurden. Unser Markt ist im Wesentlichen regional, also Bayern. Wir verkaufen unser Holz vornehmlich im Freistaat und in der Regel nicht über 50 Kilometer über die bayerischen Landesgrenzen hinaus. Alles andere wäre mit unserem staatlichen Auftrag, die gut 800.000 Hektar Staatsforst nachhaltig zu bewirtschaften, nicht vereinbar.

BSZ: Das heißt, die Staatsforsten sind kein gewinnorientiertes Unternehmen?
Neumeyer: Gewinnorientiert schon, aber Gewinnmaximierung ist nicht oberstes Ziel. Dafür ist der Wald ein viel zu sensibles Gut. Da sind wir hier in einer sehr glücklichen Lage.

BSZ: Das ist in anderen europäischen Ländern nicht so, wie ich aus eigener Erfahrung aus Nordschweden weiß.
Neumeyer: Leider. Wir hatten vor kurzem eine Konferenz in Finnland. Dort wurde klar, dass das Verständnis unseres Eigentümers, des Freistaates Bayern, für eine umfassende nachhaltige und naturnahe Bewirtschaftung des Staatswaldes beispiellos ist. So gibt es in manchen anderen europäischen Ländern bindende Gewinnvorgaben.

BSZ: Und das ist bei uns nicht so?
Neumeyer: Nein, unsere Vorgabe ist die Nachhaltigkeit. Nehmen wir zum Beispiel die vielen umgeknickten Bäume durch Sturm Niklas. Wir haben dem Forstministerium gesagt, dass wir im Sinne der Nachhaltigkeit aufgrund des Holzüberangebots aus diesem Jahr im kommenden Jahr 2016 unsere Einschlagquote reduzieren. Das hat man im Ministerium akzeptiert, weil wir eben nachhaltig und vorbildlich agieren wollen.

BSZ: Dieses Vorbild scheint aber offensichtlich in Skandinavien nicht zu interessieren.
Neumeyer: Ich will die Waldbewirtschaftung in anderen Ländern nicht bewerten, aber wir haben mittlerweile viele Exkursionen aus dem Ausland im bayerischen Staatswald und die schauen sich ganz genau an, wie wir integrative Waldbewirtschaftung betreiben. Und vielleicht hat dies ja Auswirkungen. Denn im Sinne der Nachhaltigkeit müssen unsere Einschläge immer unterhalb des Zuwachses bleiben. Holz ist ein begrenzter Rohstoff, kann aber für das zu Ende gehende Ölzeitalter ein wichtiger Ersatzrohstoff sein.

BSZ: Wie meinen Sie das?
Neumeyer: Bioökonomie ist ein starker Trend. Sie wird uns meiner Meinung nach in ein Holzzeitalter führen. Man kann heute schon viele Produkte aus Plastik durch Holz ersetzen. Das fängt ganz simpel mit der Plastiktüte im Supermarkt an. Die kann auch aus dem Wald kommen. Denn Erdöl ist endlich, Holz aber ist ein nachwachsender Rohstoff.

BSZ: Ist das Bewusstsein für die vielfältigen Möglichkeiten von Holz schon vorhanden?
Neumeyer: Holz ist ein super Rohstoff der Zukunft, dessen ganz große Zeit noch bevorsteht. Aber wir müssen noch stärker daran arbeiten, mehr Bewusstsein für den Wertstoff Holz zu schaffen.

BSZ: Da kommen ja auf die Staatsforsten noch glänzende Zeiten zu. Muss da nicht angesichts der vielen Vorurteile, die über das Unternehmen im Umlauf sind, erst einmal eine Sympathiekampagne lanciert werden?
Neumeyer: Unsere Mitarbeiter machen eine sehr gute Arbeit im Wald, sie sind mit Idealismus und Leidenschaft dabei. Und für uns arbeitet zum Glück das Grundgefühl der Mehrheit der Menschen. Die meisten Menschen gehen gern in den Wald und schätzen dessen Erholungs- und Entspannungsfunktion. Man kennt das ja von sich selbst. Sobald man im Wald ist, fallen Stress und Sorgen von einem ab. Das ist unser großes Plus. Denn daraus resultiert die Sorge der Menschen, ob es dem Wald gutgeht. Das ist viel besser als Gleichgültigkeit. Die Sympathie der Menschen für den Wald ist unser größter Verbündeter. Für uns bedeutet das, dass wir uns stärker öffnen müssen und die Arbeit unserer Förster vor Ort den Menschen erklären müssen.

BSZ:
Was heißt das?
Neumeyer: Wir müssen in einen Walddialog eintreten. Denn wir stehen als sechstgrößtes Forstunternehmen Europas in einer besonderen Verantwortung. Unsere rund 2700 Mitarbeiter in 41 Forstbetrieben sollen Botschafter für eine nachhaltige, naturnahe Arbeit im Wald sein. Es ist daher eine wichtige Aufgabe, rauszugehen und zu erklären, was unser Auftrag ist.

BSZ: Und dürfen die Menschen mit ihren Wünschen auch zu den Staatsforsten kommen?
Neumeyer: Selbstverständlich. Wir sind offen für Vorschläge und Anregungen.

BSZ: Kommen wir noch einmal auf den wirtschaftlichen Aspekt rund um die Staatsforsten zurück. Wie viel Gewinn machen sie?
Neumeyer: Wir haben in den zehn Jahren insgesamt über 500 Millionen Euro an unseren Eigentümer, den Freistaat Bayern, abgeliefert.

BSZ:
Wer profitiert außer dem Finanzminister noch von den BaySF?
Neumeyer: Der gesamte ländliche Raum. Denn wir sorgen bei mittelständischen Betrieben für Stabilität und Arbeit, stellen Brennholz für die Bürger bereit. Und darüber hinaus profitieren Sägewerke, Zimmereien, Schreinereien und das Bauhandwerk von unserem nachwachsenden Rohstoff. Insgesamt hängen rund 200.000 Arbeitsplätze von der Holzbe- und -verarbeitung in Bayern ab. Man sieht also, dass auch im wirtschaftlichen Aspekt der BaySF nachhaltiges Handeln steckt. Das macht sich beispielsweise auch bei Holzbauten bemerkbar.

BSZ:
Wie?
Neumeyer: Wenn man in einem Holzhaus lebt oder arbeitet, hat man ein ganz anderes Lebensgefühl, wenn nicht sogar eine ganz andere Lebensqualität. Holz ist ein natürlicher Stoff, der positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen wirkt.

BSZ: Gar nicht positiv wirkt auf viele Einheimische im Bayerischen Wald der Nationalpark mit den vielen abgestorbenen Bäumen.
Neumeyer: Totholz, oder wie es der Funktion eigentlich besser entspricht, Biotopholz ist ganz besonders wichtig. Denn totes Holz lebt! Abgestorbene Bäume sind der Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen im Wald – vor allem für Insekten Pilze, Vögel etc. Damit hilft es, die Artenvielfalt zu bewahren. Somit sind wir bei einem weiteren Thema, dem wir uns stellen müssen: Naturschutz als Unternehmensziel.

BSZ: Also nicht Holzverkauf?
Neumeyer: Holzverkauf und Naturschutz. Wir integrieren den Naturschutz in unsere tägliche Arbeit und kombinieren Nutzen und Schützen auf ein und derselben Fläche. Das ist der bayerische Weg und damit unser Weg.

BSZ: Wie geht das?
Neumeyer: Beispielsweise indem wir dauerhaft zehn Biotopbäume pro Hektar belassen, die in Ruhe alt werden dürfen. Mit diesem dynamischen Ansatz schaffen wir immer wieder von neuem ökologisch wertvolle Naturschutzinseln. Oder etwa, indem wir ökologisch besonders wertvolle Flächen unter Schutz stellen, die werden dann nicht mehr angetastet. Dort soll möglichst viel Biodiversität entstehen, zum Beispiel im Steigerwald sowie überall in Bayern. Wichtig hierbei ist, dass wir unsere Ansätze wissenschaftlich evaluieren lassen, um künftig den besten Weg gehen zu können.

BSZ: Welche Ziele gibt es für die Zukunft noch?
Neumeyer: Wir wollen wie bei Nahrungsmitteln ein Label schaffen, das Holz aus Bayern propagiert. Denn viele Menschen kaufen sehr bewusst ein. Das kann man am Erfolg der Marke „Qualität aus Bayern“ sehen. Gleiches wollen wir beim Holz erreichen. Denn es ist nicht nachhaltig, Holz aus Polen, Weißrussland oder noch entfernteren Ländern zu importieren. Die langen Transportwege und der Treibstoffverbrauch verhageln die gute Ökobilanz von Holz.

BSZ: Kommen wir zum Schluss noch zur Energiewende. Wie viele Waldwindparks wollen die Staatsforsten noch errichten?
Neumeyer: An bestimmten Standorten ist dies sicher noch möglich. Aber wir wollen nicht das Landschaftsbild über Gebühr strapazieren. Insofern war die umstrittene 10H-Regelung aus meiner Sicht richtig. Wenn wir im Einvernehmen mit den Nachbarn geeignete Standorte entwickeln können, werden wir das tun.

BSZ: Und wie sieht es mit den Stromtrassen aus?
Neumeyer: Die werden sicherlich Waldfläche kosten. Aber als Erdkabel verlegt, werden die jetzt politisch festgelegten Trassen sicher weniger Fläche in Anspruch nehmen. Das kommt unserem Nachhaltigkeitsziel entgegen und vereint Ökonomie und Ökologie. Denn Bayern braucht eine verlässliche Stromversorgung.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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Kommentare (1)

  1. Stefan Eul am 14.07.2015
    Sehr geehrter Herr Neumeyer,
    ich gebe Ihnen absolut Recht, lassen Sie uns in einen "Walddialog" eintreten.
    Eine weitere wichtige Aufgabe des Waldes ist nämlich die, als Lebensraum für Wildtiere zu dienen, und zwar nicht nur für Käfer, Spinnen und Ameisen, die das Totholz beleben, sondern auch für Säugetiere, insbesondere für Schalenwild wie Reh, Hirsch und Wildschwein.

    Leider wird hier immernoch mit zweierlei Maß gemessen und völlig antiquiert in Nützlinge und Schädlinge eingeteilt. Rehen, Hirschen und Gams fällt dabei die Rolle des Waldschädlings zu, weshalb sie gnadenlos gejagt und im Falle des Hirsches sogar weitgehend aus den bayerishcen Wäldern ausgesperrt werden.
    Fuchs, Wolf und Wildschwein sind dagegen Nützlinge und dürfen sich fast ungehemmt ausbreiten, da sie zumindest am Produktionsziel Holz keinen wirtschaftlichen Schaden anrichten.
    Das hat aber Auswirkungen auf landwirtschaftliche Nutflächen, die an den Staatswald angrenzen.

    Nach 20 jahren "Wald vor Wild" als Kampfparole im Bayerischen Waldgesetz, ist es an der Zeit, wieder etwas mehr Augenmaß, Ausgewogenheit auch bei der Bejagung und ökologisches Miteinander herzustellen.
    Deshalb ist die Idee wirklich gut, wir müssen in einen "Walddialog eintreten".

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