Wirtschaft

Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbandes E-Mobilität, informierte in Amberg rund um das Thema Elektromobilität. (Foto: Schweinfurth)

21.09.2012

„Wir müssen Strom statt Gas geben“

SPD-Landtagsfraktion informierte sich in Amberg über Elektromobilität

Ein familientaugliches Elektroauto mit ausreichendem Kofferraum und entsprechend großer Reichweite wird von einem deutschen Hersteller frühestens 2014, eher 2015 zu haben sein. Dies erklärt Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbandes E-Mobilität (BEM) der Staatszeitung am Rande der Infoveranstaltung Elektromobilität, die die SPD-Landtagsfraktion jetzt in Amberg durchführte. China und die USA hätten hier längst die Nase vorn. „Die sind uns etwa drei bis vier Jahr voraus“, sagt der in Ingolstadt beheimatete Sigl.
Dies wird umso deutlicher, als der BEM-Präsident von seinem jüngsten USA-Aufenthalt von vor zwei Monaten berichtet. Der Hersteller Tesla, der hierzulande bisher nur mit seinem Roadster bekannt ist, werde im Oktober einen Sechssitzer auf den Markt bringen, der eine rein elektrische Reichweite von 450 Kilometern haben wird. „Wir müssen in Deutschland also Strom geben – nicht Gas geben – damit wir hier mithalten können“, so Sigl, der von 1985 bis 1993 für Audi arbeitete.


Klare Rahmenbedingungen vom Staat gefordert

In der von den oberpfälzer SPD-Landtagsabgeordneten Reinhold Strobl, Annette Karl, Margit Wild und Franz Schindler initiierten Veranstaltung verdeutlichte Sigl, welche arbeitsmarktpolitische und volkswirtschaftliche Dimension für Deutschland auf dem Spiel steht, wenn die Fahrzeughersteller hierzulande sich beim Thema Elektroauto weiterhin so viel Zeit gönnen: „Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt an der Automobilindustrie.“ Deshalb fordert er vom Staat klare rechtliche Rahmenbedingungen, um für die Unternehmen Planungs- und damit wirtschaftliche Sicherheit herstellen zu können.
Und die Orientierungslosigkeit bei Elektromobilität hierzulande sei groß. Darum müsse man auch für den rein elektrisch angetriebenen Renault Twizy auch Kraftfahrzeugsteuer zahlen, obwohl Elektroautos hierzulande auf Beschluss der Bundesregierung eigentlich steuerfrei sind. „Das Problem liegt darin, dass die Behörden den Twizy wegen seiner vier Räder als Quad einstufen. Und damit ist er steuerpflichtig. Hätte er nur drei Räder, wäre er steuerfrei“, so Sigl. Sein Verband kämpft unter anderem dafür, dass derartige Missstände beseitigt werden.
Doch auch in anderen Bereichen sei der BEM aktiv. So gibt es laut Sigl derzeit keine Bank, die ein Elektroauto finanzieren würde. Auch das will der BEM ändern. Und kaum ein Verkehrsbetrieb einer Stadt würde einen Elektrobus für seine Flotte kaufen, da der Anschaffungspreis derzeit noch 40 Prozent höher liegt als bei einem herkömmlichen Bus. „Doch so ein Elektrobus rechnet sich nach dreieinhalb Jahren“, betont Sigl. Gerade für Kurorte, die ja auf eine ruhige und damit erholsame Umgebung für ihre Kurgäste setzen, könnte so ein Bus eine Alternative sein. „Es würde ja schon genügen, wenn in einem Modellversuch einmal ein Elektrobus zum Einsatz käme, um Erfahrungen zu sammeln“, meint der BEM-Präsident. Doch bisher sei noch kein Verkehrsbetrieb bereit, so einen Versuch zu unternehmen. Statt jährlich dreistellige Milliardensummen für Lärmschutzmaßnahmen auszugeben, sollten Bund und Länder lieber dreistellige Millionensummen für neue Elektrobusse bereitstellen, meint Sigl.
Weitere Aktionsfelder des BEM in Sachen Elektromobilität sind auch Pedelecs (im Volksmund: E-Bikes), E-Scooter, Intermodalität (zum Beispiel Bahnfahren und Carsharing) und Flugzeuge. Allein durch den Einsatz von Radnaben-Elektromotoren könnten die Jets wesentlich leiser sein. Das Rollen der Flieger wäre komplett geräuscharm und auch beim Starten könnte über diese Motoren Kerosin gespart und Lärm gemindert werden. „Schauen wir nur einmal zu unserem schönen bayerischen Königsee. Dort fahren die Schiffe schon seit 100 Jahren elektrisch“, verdeutlicht Sigl.
Und vier anwesende Gymnasiasten überzeugt Sigl mit einer einfachen Rechnung. Ein Vespa-Roller verbrauche im Schnitt etwa 4 Liter Sprit. Beim derzeitigen Literpreis von rund 1,70 Euro mache das 6,80 Euro plus etwas Öl. „Also sagen wir 7 Euro auf 100 Kilometer. Ein E-Scooter fährt die gleiche Strecke für 70 Cent. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass der Herr Papa dieses Geld wirklich verlangt, wenn ihr Zuhause den E-Scooter aufladet.“
Insgesamt sei ein großer Unwille beim Thema Elektromobilität zu spüren, erklärt Sigl. Das fange schon im Kleinen an. Seine Heimatstadt Ingolstadt sei ein elektrisches Nirvana. Und Audi-Chef Rupert Stadler sowie Oberbürgermeister Alfred Lehmann (CSU) seien auf Sigl nicht gut zu sprechen. „Das alles ist wie damals bei der Einführung des Katalysators. Da hat sich Deutschland bis zuletzt gewehrt. Und jetzt sind wir Weltmarktführer bei der Herstellung von Katalysatoren.“


Landesinitiative E-Mobilität soll angeschoben werden

Also an der mangelnden Ingenieurskunst liegt es nicht, dass es bei der Elektromobilität so schleppend vorwärts geht. Politik und Wirtschaft müssten es wollen. Darum will jetzt die bayerische SPD Druck machen. Annette Karl, die stellvertretende Landesvorsitzende der Bayern-SPD, kündigte an, dass sich ihre Partei für die Etablierung eines Cluster Leichtbau einsetzen will. „Außerdem brauchen wir wie in Baden-Württemberg eine Landesinitiative E-Mobilität, die vor allem kleine und mittlere Unternehmen stärkt, denn aus diesen Firmen kommen die Ideen.“ Das bestätigt auch Sigl. Bei den großen deutschen Fahrzeugherstellern befänden sich höchstens noch 10 Prozent des Know-hows. Der Rest sei vergeben an kleine und mittlere Unternehmen.
Annette Karl will in Bayern auch eine Landesagentur für Elektromobilität und Speichertechnologie einrichten. Denn die Speicherproblematik zu lösen, sei unerlässlich für das Gelingen der Energiewende und die breite Einführung von Elektroautos. Doch bei den Speichern tut sich etwas. So berichtet Sigl, dass nächstes Jahr so genannte Zink-Luft-Batterien auf dem Markt kommen werden. „Diese Batterie wiegt nur noch halb so viel, bringt ein Drittel mehr Leistung und kostet auch nur noch die Hälfte einer Lithium-Ionen-Batterie.“
Insofern tut sich also etwas bei der Elektromobilität. Und zur Ehrenrettung deutscher Ingenieurskunst verrät Sigl noch, dass in jedem E-Renault bis zu 70 Prozent deutsche Technik stecken. Also kann sich der eine Mann aus dem Publikum in Amberg, der bisher treu ein bayerisches Auto mit vier Ringen am Kühler fährt, auch den neuen Zoe von Renault kaufen, der 200 Kilometer Reichweite haben, unter 20.000 Euro kosten und in 35 Minuten zu 80 Prozent nachladbar sein wird.
(Ralph Schweinfurth)

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