Wirtschaft

Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München. (Foto: Sparda-Bank München)

27.04.2012

„Wir müssen uns wehren“

Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München, fordert Transparenz der Kapitalströme

Heftig wettert Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München, gegen Steueroasen und das International Accounting Standards Board (IASB). Gleichzeitig outet er sich als Befürworter der Finanz- transaktionssteuer. Darüber hinaus hat sein Haus für das abgelaufene Geschäftsjahr keinen Nachhaltigkeitsbericht, sondern eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt. Die Staatszeitung sprach mit dem streitbaren Banker.

BSZ: Herr Lind, Sie lassen am IASB in London kein gutes Haar. Zunächst einmal, was ist das IASB und woran entzündet sich Ihre Kritik?
Lind: IASB heißt ja International Accounting Standards Board. Im Kern ist es eine private Organisation, die dafür zuständig ist, Rechnungslegungsvorschriften, wie das Wort „International“ schon sagt, international festzulegen, und damit natürlich auch so genannte Leitsterne zu setzen, für die internationale Rechnungslegung von Unternehmen. So viel zur Bezeichnung. Allerdings kann man sich schon mal darüber unterhalten, ob das so in Ordnung ist, dass eine Institution, die nicht einmal öffentlich legitimiert, sondern eine privatrechtliche Organisation ist, international tätig ist.

BSZ: Die fehlende rechtliche Legitimation ist ein Kritikpunkt. Sicherlich haben Sie noch weitere.
Lind: Das IASB ist für mich nicht am Gemeinwohl orientiert. Das Londoner Board und Basel III zielen insbesondere auf die Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Wir müssen uns wehren, sonst versuchen die, die kleinen Banken zu zerstören. Es wäre schön, wenn die Leute auf die Straße gehen würden, wegen des IASB.

BSZ: Warum protestieren Ihrer Meinung nach die Bürger nicht gegen dieses Board?
Lind: Weil die breite Masse viel zu wenig darüber weiß, dass es das überhaupt gibt und welche Befugnisse es sich herausnimmt.

BSZ: Wie war die Reaktion Ihrer Kollegen hinsichtlich Ihres öffentlich gemachten Wunsches nach Bürgerprotest?
Lind: Wir sprechen in verschiedenen Gremien darüber, wie wir momentan mit all den Vorschriften, die von dort kommen, umgehen und dass immer weniger das Thema regionale Banken und nationale Banken berücksichtigt wird. Mit Blick auf die Trennung zwischen privaten Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken führt die Arbeit des International Accounting Standards Board im Kern dazu, dass das 3-Säulen-System kaputtgemacht wird.

BSZ: Sie haben sich als Befürworter der Finanztransaktionssteuer geoutet. Worin sehen Sie die Vorteile einer solchen Steuer?
Lind: Gigantische Millionenbeträge und Finanztransaktionen könnten nicht mehr komplett an jeglicher Steuer vorbeigehen.
Eine Berechnung sagt, dass bei 0,1 Prozent Finanztransaktionssteuer auf EU-Ebene rund 272 Milliarden Euro herauskommen würden. Der EU-Haushalt für 2011 lag bei 135 Milliarden Euro. Das heißt, man könnte allein mit der Hälfte dieser Steuermittel den EU-Haushalt abdecken, plus Schulden tilgen und noch vieles mehr.

BSZ: Warum wird aber diese Steuer von der Finanzindustrie so vehement ablehnt?
Lind: Das Entscheidende, warum die Finanztransaktionssteuer bekämpft wird, liegt in der Transparenz, die dann entstehen würde. Alle Kapitalströme würden offenkundig – jede Transaktion, sei es zwischen Staaten, Unternehmen oder Finanzinstituten, alles wird sichtbar gemacht. Das ist die größte Angst der Finanzinstitute, denn nun wird sichtbar, über welche Kanäle, über welche Möglichkeiten die einzelnen Häuser Steueroptimierung betreiben.

BSZ: Hat die Sparda-Bank München nie an solche Möglichkeiten gedacht?
Lind: Nein. Wir sind ein regionaler Player, der sich sagt, Schuster bleib bei deinen Leisten oder wie ab und zu in der Presse zu lesen ist, langweilig ist. Allerdings kann man unsere Haltung auch als bodenständig bezeichnen. Wir haben immer brav unsere Steuern bezahlt und uns noch nie Gedanken gemacht, wie wir unsere Steuerlast reduzieren könnten, sei es in der Schweiz, in Lichtenstein, Luxemburg oder anderswo.

BSZ: Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, um diese Steuerumgehungspraxis zu problematisieren?
Lind: Ein gesellschaftliches Selbstverständnis zum Thema Steuern sowie ein gesellschaftlicher Wandel, der jetzt angestoßen werden muss und den man auch braucht.

BSZ: Dem Finanzmarkt geht es aber doch nicht nur um Steueroptimierung, oder?
Lind: Genau. Einigen Institutionen geht es nicht nur um eine Flucht vor Steuern, sondern auch vor Demokratie und Regulierung. Würde das einmal den Bürgern mitgeteilt, dann, würden viele ganz anders damit umgehen. Und dann würde die Bevölkerung nicht wegen der Themen A, B oder C oder einem Unternehmen auf die Straße gehen, sondern deshalb, weil sie sagen, whow, das ist ja wie ein Epizentrum, wo alles darauf aufbaut und wo nicht nur ein Unternehmen, sondern ganze Unternehmenskonzerne davon profitieren. Und da reden wir von ganz anderen Größenordnungen. So gigantisch, das können wir uns gar nicht vorstellen.

BSZ: In Ihrem Wortschatz taucht immer öfter der Begriff Gemeinwohlstreben auf. Was darf man sich darunter vorstellen?
Lind: Der Begriff bedeutet nicht Konkurrenz und Gewinnstreben. Das heißt aber nicht, dass ich keine Gewinne machen und entsprechende Mittel für Investitionen zurücklegen soll. Wenn wir alles auf Gewinnstreben und Konkurrenz ausrichten, wo bleibt da das Gemeinwohl?
Die Wirtschaft muss komplett umdenken. Ich halte Gemeinwohlstreben für einen Leitstern, für die Möglichkeit eines neuen Weltbilds. Vor allem dann, wenn sich in den nächsten Jahren das Bewusstsein der Menschen weiter mit der Dynamik verändert, wie es in letzter Zeit passiert ist.

BSZ: Wie kommt dieses Verhalten in Ihrem Haus zum Tragen?
Lind: Die Sparda-Bank München eG hat sich zum Beispiel von allen Spekulationsgeschäften zurückgezogen. Früher haben wir ein Prozent der Personalkosten für Anreizsysteme zur Verfügung gestellt. Diese Summe ist nun komplett in Fixgehälter umgewandelt worden.

BSZ: Wie ordnen Sie die aktuelle Schuldenkrise ein?
Lind: Wir erleben im Moment keine Finanzkrise, sondern eine umfassende Systemkrise. Ich meine damit nicht Runderneuerung, sondern komplette Veränderung. Allerdings ist meiner Ansicht nach die Zeit für einen Umbruch noch nicht reif. Ich rechne in zwei Jahren mit einem Finanzfukushima, das die globalen Märkte komplett erschüttern wird.

BSZ: Nun zu einem anderen Thema. Die Sparda-Bank München hat keinen Nachhaltigkeitsbericht für das abgelaufene Geschäftsjahr 2011 erstellt, sondern erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt. Was darf man sich darunter vorstellen?
Lind: Die Gemeinwohl-Bilanz ist eine ganz neue Form des unternehmerischen Handelns sowie der Bilanzierung – die Ausrichtung der Geschäftspolitik am Gemeinwohl.

BSZ: Eine „Erfindung“ der Sparda-Bank München?
Lind: Nein. Die Gemeinwohl-Bilanz beruht auf der Reformbewegung Gemeinwohl-Ökonomie, die von einem Kreis österreichischer Unternehmer 2010 ins Leben gerufen wurde. Dabei soll der Erfolg eines Unternehmens nicht mehr nur auf monetärer Ebene dargestellt werden, sondern auf dem Engagement und den Investitionen für Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt.
Die Vision ist ein alternatives Wirtschaftssystem, das auf gemeinwohlfördernden Faktoren aufgebaut ist. Menschenwürde, Solidarität, Kooperation, Vertrauensbildung, Verantwortung und Mitgefühl sollen dabei die zentralen Werte des Wirtschaftens bilden.

BSZ: Warum kein Nachhaltigkeitsbericht?
Lind: Im Zug der Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz habe ich unheimlich viele Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen gelesen und je mehr ich gelesen habe, umso mehr habe ich das Gefühl bekommen, dass alle auf eine Textdatenbank zugreifen, weil gewisse Textschablonen in den diversen Berichten immer wiederkehren. Und wenn man tolle Nachhaltigkeitsberichte liest, aber weiß, was in Wahrheit in dem Unternehmen abläuft, dann bin ich froh, dass wir eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben.

BSZ: Wie viele Mitstreiter haben Sie noch in Bayern?
Lind: Im Herbst 2011 haben wir gemeinsam mit acht anderen Pionierunternehmen in Süddeutschland erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz vorlegt. Dazu gehören zum Beispiel ein Maschinenbauunternehmen aus dem Allgäu und ein Landschaftsgärtner aus Olching. Die Bewegung wächst stetig an.

BSZ: Was beleuchtet die Gemeinwohl-Bilanz?
Lind: Die Gemeinwohl-Bilanz der Bank beleuchtet die unternehmerische Situation und Entwicklung anhand von 18 ethischen Generalkriterien wie Mitbestimmung und Gerechtigkeit und spart dabei auch Lieferanten und Geldgeber nicht aus. Insgesamt sind 1000 Punkte zu erreichen. Unsere Bank erzielte 332 Punkte.
Allerdings darf man nicht in die Denke verfallen, was mir anfangs auch passiert ist: was, nur so wenig Punkte. Das Punkteschema ist letztendlich nur ein Hilfsmittel, das vermeintliche Mängel sichtbar macht – woran müssen wir noch arbeiten, wo entwickeln wir uns hin und wo sagen wir ganz bewusst, das ist jetzt so und das bleibt auch so – beziehungsweise zeigt, dass bei uns im Haus schon ganz viel passiert ist. Wir wollen damit der Wirtschaft neue Denkanstöße bieten.

BSZ: Herr Lind, haben Sie schon ein Feedback aus der Politik auf Ihre Gemeinwohl-Bilanz erhalten?
Lind: Bei mir hat sich noch niemand gemeldet. Aber darauf kommt es mir auch gar nicht an. Sie wissen ja, wie sehr die Politik mit der Wirtschaft verbunden ist. Und wenn der weitaus überwiegende Teil der Wirtschaft nicht will, dann hält sich auch die Politik zurück. Wichtig ist mir vielmehr, dass wir Pionierarbeit leisten mit dem Ziel, ein Werkzeug in Händen zu haben, wenn bestimmte andere Dinge zusammenbrechen und Neues entsteht.
(Interview: Friedrich H. Hettler / Ralph Schweinfurth)

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