Wirtschaft

Wirtschaftsminister Martin Zeil testet den Hybrid-Audi des Fraunhofer-Instituts in Erlangen. (Foto: Schweinfurth)

07.05.2010

„Wir sind in Bayern schon weiter“

Während in Berlin der Elektromobilitäts-Gipfel der Kanzlerin Weichen stellen will, werden in Erlangen Fakten für die Zukunft des E-Autos geschaffen

Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) reiste zum Spatenstich für den Erweiterungsbau des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie (IISB) nach Erlangen. Das Institut soll beim Ausbau der Elektromobilitäts-Forschung im Freistaat helfen.
„Wir sind hier in Bayern schon ein ganzes Stück weiter“, meinte Zeil in Anspielung auf den Kanzlergipfel zur Elektromobilität in Berlin, der gleichzeitig stattfand. Leistungselektronik sei die Kernkompetenz für dieses Zukunftsfeld und diese liege in Erlangen. „Mit dem Neubau wird das Fraunhofer IISB seine Forschungsinfrastruktur erweitern. Durch ihre finanzielle Unterstützung leistet die bayerische Staatsregierung einen wichtigen Beitrag zum Ausbau des Forschungsschwerpunkts Elektromobilität“, erklärte Zeil.
Der Neubau soll bis Ende 2011 fertig sein. Er wird Laborflächen und Büroräume enthalten, in denen künftig rund 50 Mitarbeiter an der Entwicklung der Leistungselektronik für Elektromobilität forschen werden. Gemeinsam mit dem Bund unterstützt der Freistaat den Bau mit insgesamt 8 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II. Weitere 6 Millionen Euro Landesmittel stehen für die zweite Ausbaustufe bereit.
Hauptsächlich genutzt wird der Erweiterungsbau für die Leistungselektronik, die für die elektrische Energieversorgung der Zukunft und für die Elektromobilität immer größere Bedeutung gewinnt. Die Wissenschaftler des Fraunhofer IISB können hier bereits erste Erfolge verzeichnen. Wirtschaftsminister Zeil konnte das vom Fraunhofer IISB entwickelte Hybridfahrzeug auf Basis eines Audi TT selbst testen und war begeistert, wie leise es ist. Ein etwa zehn Zentimeter dünner Kasten, der die gesamte Kofferraumbodenfläche bedeckt, liefert aus Batterien den Strom für die Elektromotoren, die das Fahrzeug über die Hinterachse antreiben. Sämtlichen Stromverbrauchern im Auto – egal ob Motor, Fensterheber, Radio, Klimaanlage oder Beleuchtung – stellt diese „smarte Kiste“ ihre Energie in der richtigen Voltzahl zur Verfügung.
„Wir haben uns den Audi selbst gekauft, damit wir unabhängig von Herstellervorgaben entwickeln konnten“, betont IISB-Institutsleiter Lothar Frey. Für ihn ist klar, dass Hybridfahrzeuge, also solche, die sowohl einen Elektro- als auch einen Verbrennungsmotor haben, die Zukunft sein werden. Komplett elektrisch werde man in Deutschland als ganz normaler Autofahrer wohl nicht unterwegs sein, denn man sei ja gewohnt, einfach auch mal größere Strecken zu fahren. „Dieser Audi fährt rein elektrisch 5 bis 7 Kilometer“, so Frey. Das reiche im innerstädtischen Bereich für viele Fahrten aus, aber nicht über Land.
Bis Batterieleistungen für Reichweiten von 200 bis 300 Kilometer machbar sind, wird es wohl noch bis zum Jahr 2050 dauern, prophezeit der IISB-Chef. „Aber man muss eben auch über andere Mobilitätskonzepte nachdenken“, so Frey. Zum Beispiel könnte man sich durch die Anschaffung eines Elektrofahrzeugs auch das Recht erwerben, drei bis vier Mal im Jahr einen normalen Benziner für jeweils zwei Wochen kostenlos zu leihen, um in den Urlaub fahren zu können. Denn der tägliche Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen oder zur Naherholung im Umkreis von bis zu 100 Kilometern sei ja bereits heute mit Elektroautos zu bewältigen.
Der Ausbau des Forschungsschwerpunkts Elektromobilität am Fraunhofer IISB ist Teil der Zukunftsoffensive Elektromobilität der bayerischen Staatsregierung, so Wirtschaftsminister Zeil. Sie sei eine bedeutende Zukunftstechnologie, weil sie umweltfreundlich, effizient und konkurrenzfähig sei. „Mit unserer breit aufgestellten Zukunftsoffensive wollen wir die Kompetenzen der bayerischen Industrie und Forschungseinrichtungen stärken, sie weiter miteinander vernetzen und den Technologietransfer zwischen Wirtschaft und Forschung fördern“, erklärte Zeil. Geradezu vorbildlich hierfür ist das so genannte Erlanger Modell. Es beschreibt die Kooperation zwischen Universität und Fraunhofer. „Die Uni profitiert von der industrienahen Forschung und Fraunhofer nutzt die Grundlagenerkenntnisse der Uni – eine perfekte Win-Win-Situation“, stellte Christoph Korbmacher, Vizepräsident der Universität Erlangen-Nürnberg, heraus.
Bei aller Freude über den Spatenstich zum Erweiterungsneubau des IISB gab es auch kritische Töne. So monierte Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis (CSU), dass die deutsche Automobilindustrie das Thema Elektromobilität 10 Jahre lang verschlafen habe. Erst jetzt, seit Elektromobilität weltweit in aller Munde ist, bewegten sich die deutschen Hersteller. „Bereits 1996 bei meinem Amtsantritt habe ich den Dienstmercedes gegen einen Audi Duo mit Hybridantrieb getauscht, um ihn ein Jahr lang zu testen.“ Balleis mahnte deshalb, dass gute technologische Entwicklungen, zu denen deutsche Ingenieure nach wie vor fähig seien, nicht so lange in den Schubladen schlummern dürften, bis andere sie entdecken, um daraus für sich Profit zu schlagen.
Balleis erinnerte auch daran, wie das Fraunhofer IISB 1985 an den Start ging. Mit Fördergeldern der Stadt Erlangen konnten Räume angemietet werden. Diese in Deutschland einmalige Form der kommunalen Wissenschaftsförderung dürfte damals einmalig in Deutschland gewesen sein. „Doch heute, 25 Jahre später, sieht man, dass sich dieser innovative Schritt Erlangens gelohnt hat“, betonte Balleis. Der Spatenstich für den Neubau des IISB sei die Fortsetzung einer wichtigen Erfolgsgeschichte. Dass der Erfolg des IISB nicht nur aus der heimischen Perspektive so gesehen wird, verdeutlichte Ministerialrat Maximilian Metzger vom Bundesforschungsministerium: „Die kontinuierlich erstklassige Arbeit des IISB macht es weltweit zu einem begehrten Partner.“
Am Rande der Spatenstichveranstaltung waren sich viele Teilnehmer einig, dass die eigentlichen Absatzchancen für rein elektrisch betriebene Fahrzeuge wohl eher in Schwellenländern wie China liegen, da man dort noch andere Mobilitätsgewohnheiten hat. Man wolle eben nicht mit dem eigenen Wagen 800 bis 1000 Kilometer – oder mehr – in den Urlaub fahren. Dort sei es schon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität, wenn man statt mit dem Fahrrad mit dem Elektroauto in die nächstgelegene Stadt fahren kann, die vielleicht nur 15 Kilometer entfernt ist.

(Ralph Schweinfurth)

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