Wirtschaft

Zirka 300 000 Zuschauer kommen pro Jahr ins Staatstheater Nürnberg. Unter der Ägide von Intendant Peter Theier konnten die Abonnentenzahlen von 7500 auf über 12 000 gesteigert werden – ein Plus von über 50 Prozent. (Foto: Schweinfurth)

09.02.2018

„Wir stellen einen hohen Freizeitwert für Firmen dar“

Nürnbergs Staatsintendant Peter Theiler über den Wirtschaftsfaktor Staatstheater

Kunst und Kultur gelten gemeinhin als weiche Standortfaktoren. Doch was Oper und Schauspiel wirklich für die Wirtschaft bedeuten, bleibt meist im Nebulösen. Die Staatszeitung sprach mit Peter Theiler, Intendant des Staatstheaters Nürnberg.

BSZ: Herr Theiler, wie wichtig ist das Staatstheater Nürnberg für die nordbayerische Wirtschaft?
Theiler: Erst einmal möchte ich betonen, dass Kultur ein wichtiger Faktor für unsere Zivilgesellschaft ist. Für einen Investor, der einen Standort prüft, ob er sich dort ansiedelt, oder auch nur, ob er sein bestehendes Engagement ausweitet, stellt so ein Staatstheater einen hohen Freizeitwert dar. Denn sein Personal möchte ja auch jenseits der Arbeit ein attraktives und lebenswertes Umfeld haben. Gerade bei Hochqualifizierten ist ein Theater, ist eine Oper sehr wichtig. Denn beides ist unmittelbar, ist direkt. Das ermöglicht eine ganz andere persönliche Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur als beispielsweise ein Kinobesuch.

BSZ: Geht es bei der Rezeption von Produktionen aus Ihrem Haus nur um Bespaßung der Wirtschaft? Oder findet ein Diskurs statt?
Theiler: Es geht um mehr als um Bespaßung. Wenn wir zum Beispiel die Belegschaft eines Unternehmens hier haben, gibt es immer eine Einführung zum jeweiligen Stück. Wir vermitteln mit unseren Produktionen Werte. Im idealistischen Sinne sind wir aktiv für eine permanente Aufklärung und tragen so zur Humanisierung unserer Gesellschaft bei. Denn wir hören nie auf, tagesaktuelle Themen zu hinterfragen. Insofern tragen wir zum Erhalt der Demokratie bei, die ja Basis für ein florierendes Wirtschaftsleben und weltweiten Freihandel ist.

BSZ: Sieht das die Wirtschaft auch so?
Theiler: Wir stoßen bei den Unternehmen auf ein großes Wohlwollen. Allgemein ist unsere Akzeptanz bei der Wirtschaft in den letzten Jahren sehr gestiegen. Zum Beispiel nutzen sie uns, um sich zu präsentieren.

BSZ: Wie ist das zu verstehen?
Theiler: Wir führen für ein Unternehmen beispielsweise eine Vorveranstaltung zu einer Aufführung durch. Im Rahmen dieses Empfangs stellt sich das Unternehmen seinen Gästen vor. Dann gibt es die bereits erwähnte Einführung in das Stück und anschließend geht es ins Theater. Aber das ist nicht die einzige Form der Kooperation mit der Wirtschaft.

BSZ: Welche gibt es noch?
Theiler: Zur Einwerbung von Drittmitteln habe ich den Gesangswettbewerb „Die Meistersinger von Nürnberg“ aus der Taufe gehoben. Hierfür kommen immer wieder rund 200.000 Euro zusammen. Da gibt es zwei Möglichkeiten für Unternehmen, sich zu präsentieren: einmal bei den Vorentscheiden und einmal beim Preisträgerkonzert auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Gerade die Vorentscheide können den Firmen internationale Kontakte vermitteln.

BSZ: Inwiefern?
Theiler: Wir führen diese außerhalb Nürnbergs durch, zum Beispiel in Moskau oder Paris. Dorthin werden auch Unternehmen eingeladen.

BSZ: Also betreiben Sie eine Form der Außenwirtschaftsförderung?
Theiler: Das könnte man so sagen. Denn die dortigen Unternehmer können mit fränkischen Unternehmern in Kontakt kommen und Geschäftsbeziehungen anbahnen. Das machen wir übrigens auch bei Koproduktionen mit Theatern aus dem Ausland so.

BSZ: Wie geht das vor sich?
Theiler: Ganz aktuell haben wir eine Opernproduktion, Mussorgskis Boris Gudonow, die wir zusammen mit Göteborg in Schweden auf die Beine stellen. Premiere wird dort am 21. April sein und Unternehmer aus der Metropolregion Nürnberg kommen mit. Es wird einen Empfang mit dem deutschen Konsul und schwedischen Unternehmern geben. Also wieder eine Möglichkeit für Netzwerken und Geschäftsanbahnung.

BSZ: Wie viel müssen Sie denn an Drittmitteln beschaffen, damit alle Kosten gedeckt sind?
Theiler: Wir haben einen Gesamtetat von über 46 Millionen Euro für das Staatstheater Nürnberg. Knapp 80 Prozent werden durch Bezuschussung vom Freistaat Bayern und von der Stadt Nürnberg gedeckt. Die restlichen 20 Prozent müssen wir selbst erwirtschaften. Das geschieht durch die Eintrittsgelder, die Vermietung unserer Räume für Firmenveranstaltungen oder durch Events wie den Gesangswettbewerb. Dazu kommen die Hauptsponsoren, Sparten- und Projektsponsoren und die sechs Fördervereine.

BSZ: So ein Staatstheaterbetrieb stellt aber auch ein Unternehmen dar. Denn Sie produzieren Stücke, müssen hierfür Personal beschäftigen und Material einkaufen. Wie stellt sich denn dieser Wert dar?
Theiler: Da kommen wir zur sogenannten Umwegrentabilität, die leider nur mit einem vagen Wert vom Deutschen Bühnenverein dargestellt werden kann. Dort wurde einmal errechnet, dass jeder investierte Euro in ein Theater oder eine Oper zweimal an die öffentliche Hand zurückkommt.

BSZ: Was heißt das konkret?
Theiler: Dass zum Beispiel unsere festen Ensemblemitglieder hier im Großraum Nürnberg Steuern zahlen, Produkte und Dienstleistungen für ihren privaten Lebensunterhalt konsumieren oder wir als Theaterbetrieb Mehrwert- und Umsatzsteuer entrichten.

BSZ: In welcher Größenordnung beschafft das Staatstheater Nürnberg denn Waren und Dienstleistungen? Theiler: Das hat bisher leider niemand untersucht. Ich kann nur ein Beispiel geben. Für eine üppig ausgestattete Opernproduktion schlägt allein das Bühnenbild mit bis zu 70.000 Euro zu Buche. Aber nicht jedes Bühnenbild ist so teuer. Wenn ein Regisseur entscheidet, dass er in schwarzem Aushang inszeniert, kostet das Bühnenbild natürlich weniger.

BSZ: Wie viele Produktionen bringen Sie pro Jahr heraus?
Theiler: Pro Spielzeit produzieren wir zwischen sechs und sieben Opern, drei Ballette und etwa 14 Schauspiele. Das sorgt für Nachfrage bei hiesigen Unternehmen. Denn die Zuschauer stellen ihr Auto in einem Parkhaus in der Nähe ab, oder nutzen den ÖPNV. Sie kaufen sich vielleicht ein neues Kleid oder einen neuen Anzug für den Opernbesuch. Sie gehen vor der Aufführung in ein Restaurant und vielleicht auch danach noch in eine Bar etwas trinken.

BSZ: Wie viele Zuschauen haben Sie pro Jahr?
Theiler: Zirka 300.000. Allein bei den Abonnenten haben wir in meiner Amtszeit eine Steigerung von über 50 Prozent erreichen können – von 7500 bei meinem Antritt auf jetzt über 12.000.

BSZ: Wie haben Sie das geschafft?
Theiler: Durch gute Produktionen und den Einsatz von Theaterpädagogen und Dramaturgen, die den Zuschauern die Stücke erklären. Man kann heute nicht mehr nach dem Friss-oder-stirb-Prinzip verfahren, wie das früher an den Bühnen üblich war. Man muss im Dialog mit dem Publikum sein und auch auf kritische Anmerkungen reagieren.

BSZ: Das heißt?
Theiler: Wir hatten einmal eine Aida-Produktion, in der Müllsäcke im Bühnenbild zu sehen waren. Das gab böse Zuschriften, wie wir denn die Verdi-Oper so verunstalten können. Was die Leute aber nicht erwartet haben ist, dass ich sie zum Kaffee und Gespräch eingeladen und ihnen das Ganze erklärt habe. Das kam sehr gut an und die einstigen Kritiker haben in ihrem persönlichen Umfeld Werbung gemacht und neue Zuschauer gebracht. Wir haben aber auch das Vorderhausmanagement professionalisiert.

BSZ: Was bedeutet das?
Theiler: Die Zuschauer werden nicht mehr wie früher von auf Stundenbasis bezahlten Kartenabreißern empfangen, sondern von professionellen Kräften. Diese können qualifiziert Auskunft geben und sorgen sich um unsere Gäste wie in einem Hotel. All das hat dazu beigetragen, dass wir das Publikum massiv verjüngen konnten.

BSZ: Zum Ende der Spielzeit wechseln Sie an die Semperoper. Geht dann die positive Entwicklung in Nürnberg weiter? Haben Sie Ihren Nachfolger entsprechend gebrieft?
Theiler: Der ist genauso professionell wie ich und wird sicher den guten Weg fortsetzen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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Kommentare (1)

  1. Friesenfranke vor 1 Woche
    Leider steht zu befürchten, dass Herr Theiler seine eigenen Worten glaubt. Seine wundersame Abonnentenvermehrung ist ein von ihm viel gepflegtes Ammenmärchen: Durch die Verfielfachung der Abo-Portionen und Auswahlmöglichkeiten mit kleineren Vorstellungskontingenten vergleicht der Herr Staatsintendant hier Äpfel mit Birnen. Aussagekräftiger (und ehrlicher) wäre es, wenn er die Zahlen jener Kunden aufgelistet hätte, die bei seinem Amtsantritt noch ein Gesamt-Abo hatten und es heute auf drei Wahl-, Misch- oder Schnupper-Abos aufteilen. So hat Theiler nämlich aus ein und demselben Besucher drei gemacht... Ein ähnlicher Trick bestimmt die Philharmonischen Konzerte: Durch Herausnahme von hunderten Sitzplätzen rechnet man sich am Staatstheater die Auslastungsquote schön. Besonders amüsant: Der Passus über die Qualität des Willkommenspersonal. Da tendieren die Beobachtungen der Theaterbesucher und die der Theaterleitung eindeutig auseinander. Und rund 300.000 Zuschauer hat das Nürnberger Theater seit Mitte der 50er Jahre übrigens kontinuierlich...

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