Beruf & Karriere

85 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich durch ihre Arbeit gestresst, fast jeder Fünfte klagt über Burnout oder ähnliche Erschöpfungsphasen. (Foto: dpa)

23.02.2018

Ausgebrannt im Büro

Nicht zuletzt aufgrund der Digitalisierung steigt das Risiko von Burnout und krankheitsbedingter Frühverrentung

Während sich die körperlichen Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben, nehmen heute psychosoziale Belastungen wie Leistungsdruck und mangelnde Anerkennung zu. Was Mitarbeiter dagegen unternehmen können – und warum auch Chefs ein Interesse an gesunden Kolleginnen und Kollegen haben sollten.

Tom Kraus (Name geändert) ist verzweifelt. Erst vor vier Wochen hat er einen neuen Job begonnen – und ist schon jetzt total gestresst. „Ich habe im letzten Monat zwölf Kilo abgenommen“, erzählt der 33-Jährige. Selbst seine Freunde hätten ihn schon auf sein kränkliches Aussehen angesprochen. Das Problem: „Der Betriebsarzt meint, es wäre alles okay.“ So wie Tom ergeht es vielen Menschen: 85 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich durch ihre Arbeit gestresst, fast jeder fünfte Deutsche klagt über Burnout oder ähnliche Erschöpfungsphasen. Sie fühlen sich „ausgebrannt“ und „leer“. Burnout, Erschöpfung, Ermüdung, Depression und Angst sind häufig Folgen von diesem Stress.

Egal ob Leistungsdruck, zu wenig Personal oder Kosteneinsparungen: Der Druck auf Arbeitnehmer steigt – das zeigt auch eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Darin kommen die Experten für Krankheitsvorbeugung in Betrieben zu dem Schluss, dass Stress der häufigste Grund für psychische Erkrankungen ist. 2011 wurden deswegen bundesweit 59,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage registriert – das ist ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den letzten 15 Jahren. Auch längere Arbeitszeiten und die Arbeit zu „sozial wertvollen Zeiten“ wie beispielsweise an den Wochenenden wirken sich negativ auf die Gesundheit der Arbeitnehmer aus.

Krankenkassen kommen zu einem ähnlichen Schluss. Laut der DAK-Krankenkasse sind etwa 15 Prozent der Krankheitstage von Arbeitnehmern auf psychische Störungen zurückzuführen. Zudem steigt die Zahl derer, die wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig in Rente gehen müssen. Lag deren Anzahl im Jahr 2000 noch bei 50 000 Krankmeldungen, waren 2014 bereits 75 000 Menschen betroffen. Insgesamt 41 Prozent aller Neuzugänge zur Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit waren auf psychische Störungen zurückzuführen. Natürlich ist nicht jedes Zipperlein gleich ein Burnout. „Aber wenn die Beschwerden länger als 14 Tage dauern, sollte man etwas unternehmen“, rät Arbeitsmediziner Detlef Glomm.

Doch was stresst die Menschen eigentlich? Laut Orizon Arbeitsmarktstudie 2017 sorgt der Faktor „Zu viele Aufgaben, zu wenig Personal“ mit deutlichem Abstand für den größten Stress im Job. Für 20- bis 39-jährige Mitarbeiter ist auch häufig Ärger mit Kollegen ein Stressfaktor. Die geforderte Erreichbarkeit außerhalb der Kernarbeitszeiten sieht über ein Drittel der Menschen bis 40 Jahre als große Belastung an. Ein Viertel macht keine Pause, 18 Prozent stoßen oft an ihre Leistungsgrenzen und viele kommen sogar krank zur Arbeit (siehe Infokasten). Eine emotionale Erschöpfung ist jedoch meistens ein Zusammenspiel mehrere Faktoren.

Stressgrund Nummer 1: Zu viele Aufgaben, zu wenig Personal

Ein Grund für die Zunahme von Stress und Burnout ist nach Ansichten von Gewerkschaften auch die Digitalisierung. Arbeitgeber in stark digitalisierten Arbeitsbereichen geben in einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zu 46 Prozent an, dass ihre Arbeitsbelastung dadurch größer geworden ist. 45 Prozent sehen keine Veränderung, nur neun Prozent fühlen sich durch die Digitalisierung entlastet. Der DGB fordert daher, die ständige Erreichbarkeit bei neuen digitalen Möglichkeiten wie Home-Office und mobilem Arbeiten stärker einzuschränken, um Stress und unbezahlte Überstunden zu vermeiden.

Wer sich ausgebrannt fühlt, sollte dringend sofort zur Beratung gehen. In Zweifelsfällen können Betroffene online selber testen, ob sie betroffen sind. Zwar raten Experten, solche Tests nicht überzubewerten. „Es gibt immer wieder Männer, die sind laut Fragebogen kerngesund und in Wahrheit schwer erkrankt“, erklärt Facharzt für Psychologie Hans-Peter Unger. Seriöse Tests werden zum Beispiel auf der Webseite der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität angeboten. Dort finden Betroffene mit Ellen von Rebeur-Paschwitz auch einen Ansprechpartner bei akuten Problemen.

Unternehmen sollten immer darauf achten, dass Mitarbeiter nicht gestresst sind – auch aus eigenem Interesse. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und -medizin verursachten die Krankheitstage 2014 volkswirtschaftliche Produktionsausfälle und verlorene Bruttowertschöpfung in Höhe von 57 Milliarden Euro. „Es ist wichtig, dass ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter wertschätzt, offen ist, ihnen Rückmeldungen gibt, Erfolge sichtbar und die Indikatoren transparent macht, anhand derer er Entscheidungen trifft“, betont Arbeitspsychologe Tim Hagemann in der Wirtschaftswoche.

Wie so etwas gelingen kann, zeigen jedes Jahr Deutschlands beste Arbeitgeber. Den Spitzenplatz in der Kategorie der Großunternehmen mit über 5000 Beschäftigten in Deutschland belegt aktuell der Halbleiterproduzent Infineon Technologies aus Neubiberg im Landkreis München (Staatszeitung berichtete). 89 Prozent der Mitarbeiter sagen, ihr Unternehmen sei ein sehr guter Arbeitgeber, der auch in puncto kompetentes Führungsverhalten, Betriebsklima, Anerkennung guter Arbeit, Unterstützung der beruflichen Entwicklung und betrieblicher Gesundheitsförderung punkten könne.

Wer mit seinem Arbeitgeber weniger Glück hat, sollte laut Experten sieben Aspekte beachten, um Stress zu vermeiden. Der wichtigste Punkt: Auch mal Nein sagen. Außerdem sollte man regelmäßig Pausen machen – und wenn es nur eine schnelle Mittagsmahlzeit zwischendurch ist. Des Weiteren sollten Mitarbeiter keine zu hohen Erwartungen an sich stellen. Häufig sind von Burnout Menschen betroffen, die viel Ehrgeiz, ein besonders hohes Verantwortungsbewusstsein oder ein „Helfersyndrom“ haben. Auch sollten Stressfaktoren identifiziert werden und klare Ziele gesetzt werden.

Des Weiteren sollte man Stress nicht unterdrücken und zum Abbau regelmäßig Sport treiben. Ebenso wichtig sind vermeintliche Banalitäten wie gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Spaß an der Arbeit. Letzteres ist natürlich nicht immer möglich. „Akzeptieren Sie dann zumindest das Unvermeidbare“, rät der Berliner Coach Heiko Schwardtmann. Nicht zuletzt helfen To-Do-Listen gegen Prokrastination, auch „Aufschieberitis“ genannt. Hans-Werner Rückert von der Freien Universität Berlin warnt in der Welt: „Wer etwa an Herzrhythmusstörungen leidet und es ständig aufschiebt, zum Arzt zu gehen, für den kann das sogar tödlich ausgehen.“ (BSZ)

UMFRAGE: Zwei Drittel gehen krank zur Arbeit
Trotz Krankheit arbeiten zu gehen, ist für viele deutsche Arbeitnehmer keine Besonderheit. Bei einer Umfrage im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) unter 4800 Beschäftigten, die letzte Woche veröffentlicht wurde, gaben 67 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal zur Arbeit erschienen zu sein, obwohl sie sich „richtig krank gefühlt“ hätten. 29 Prozent gingen sogar zwei Wochen oder noch länger krank zur Arbeit.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) warnt vor „Präsentismus“, der Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Krankheit. „Wenn man krank ist, bleibt man zu Hause, wenigstens für ein paar Tage“, sagt Infektionsepidemiologe Udo Buchholz. „Denn dann wird man schneller wieder gesund.“ Zudem seien Patienten in den ersten beiden Tagen besonders ansteckend.

Hände waschen hilft, die Zahl der Viren und Bakterien klein zu halten. Influenzaviren können sich auf Oberflächen wie Türklinken, Lichtschaltern, Telefonhörern oder Computer-Tastaturen halten. Wer kann, sollte diese im Büro regelmäßig desinfizieren. (BSZ)

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