Beruf & Karriere

Brett vorm Kopf: In vielen Firmen kommen Veränderungen kaum voran, fast täglich tauchen neue Probleme auf. Schuld sind immer „die Anderen“. (Foto: dpa)

02.03.2018

Fokus aufs Ziel, nicht aufs Problem

„Wir kommen kaum vom Fleck“: Ein systemischer Ansatz kann Organisationen und Unternehmen bei Veränderungsprozessen helfen

Nur durch Veränderung bleiben Unternehmen und Institutionen handlungs- und wettbewerbsfähig. Doch in vielen Firmen gibt es sogenannte blinde Flecke. Systemische Methoden können dazu beitragen, einen klaren Blick auf Alternativen zu gewinnen und Hürden zu überwinden.^

„Eigentlich ist doch allen klar, wohin es gehen soll“, so eine Führungskraft aus einem mittelständischen metallverarbeitenden Betrieb, der im Hinblick auf veränderte Marktanforderungen gravierende Umstellungen im Produktionsprozess planen und umsetzen muss. „Und trotzdem kommen wir hier kaum vom Fleck.“ Die Wünsche der Kunden haben sich in den letzten beiden Jahren gravierend verändert, die Produktion soll individueller und gleichzeitig kostengünstiger laufen. Dafür wurde seitens der Geschäftsführung und leitenden Mitarbeitern bereits ein Maßnahmenpaket geschnürt, das zeitnah in die Praxis kommen soll.

Allerdings funktioniert die Umsetzung nicht wie gedacht, fast täglich tauchen neue Probleme auf: „Manche Mitarbeiter stellen sich stur, wollen einfach nicht mitziehen.“ Die Ursache des Übels ist vermeintlich meist schnell ausgemacht: Oft sind es angeblich „die“ aus der anderen Abteilung oder technische Unzulänglichkeiten, die einen neuen Anlauf zu Fall bringen. Von oben betrachtet, also seitens Geschäftsführung und Führungskräften, wird das Problem immer größer. Gleichzeitig sinkt die Motivation der Beteiligten ebenso wie die Aussicht auf eine weiterführende Lösung.

In einer solchen Situation mit Bordmitteln weiterzumachen, verstärkt und verhärtet meist die Schieflage. Dazu kommt, dass hierzulande das Festbeißen an Problemen besonders ausgeprägt ist. Es gehört gewissermaßen zur Kultur, sich intensiv mit den Ursachen und Ausprägungen des „Problems“ zu beschäftigen, statt zügig und beherzt nach neuen Lösungsoptionen und möglichen Handlungsspielräumen zu suchen. Meist liegen diese gar nicht weit weg – doch der Problemfokus behindert einen freien Blick auf vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten.

Mit externer Hilfe den Blickwinkel wechseln

Ein systemisches Vorgehen setzt hier an und gibt den Beteiligten Hilfestellung bei der Veränderung der eigenen Perspektive. Beraterinnen oder Berater, die auf Basis seriöser systemischer Grundlagen und Methoden arbeiten, gehen im ersten Schritt analytisch vor und versuchen, ein möglichst neutrales Bild der Lage zu erlangen. Dazu gehört die Beobachtung von Interaktionen im Klientensystem ebenso wie die Auswertung bereits vorliegender Informationen, Berichte etc., um möglichst viele Facetten einzubeziehen und „blinde Flecke“ zu vermeiden.

Bereits die Beschäftigung mit dieser neutralen Beobachterrolle bringt für die Verantwortlichen und Entscheider im System manchmal wertvolle Impulse, was die Optionen für Handlungen und Lösungen anbelangt. Darüber hinaus werden in einem interativen Prozess Hypothesen entwickelt, welche Wirkungen durch sogenannte Interventionen im System erzielt werden können und sollen. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Grundgedanke, dass die Lösung für problematische Verhaltensweisen und Prozesse im System selbst liegt und nicht, oder zumindest nicht in erster Linie, durch Expertenwissen von außen aufgesetzt werden muss.

Dieses Vorgehen hat seinen Ursprung in der Familientherapie: Pioniere wie die US-amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir, die bereits Mitte des letzten Jahrhunderts das erste familientherapeutische Ausbildungsprogramm der USA leitete, entwickelten einen Therapieansatz, der nicht mehr auf eine isolierte Betrachtung von psychischen Problemen bei einem einzelnen Familienmitglied abzielte. Satir ging vielmehr davon aus, dass Wechselwirkungen innerhalb einer Familie als System Einfluss auf Störungen haben und insofern auch auf Lösungen.

Im kalifornischen Palo Alto, wo sie längere Zeit praktizierte und lehrte, formierte sich im gleichen Zeithorizont eine Gruppe von Psychologen und Psychotherapeuten, zu der Paul Watzlawick gehörte. Mit seinem umfangreichen Werk legte er, zusammen mit Kollegen wie Gregory Bateson und Milton H. Erickson, ebenfalls wichtige Grundsteine für einen lösungsorientierten therapeutischen Ansatz.

Dieser wurde mittlerweile vielfach erweitert und auch auf die Organisationsberatung adaptiert. Hier kann er wesentlich dazu beitragen, in komplexen Veränderungsprozessen aus der Sackgasse einer unproduktiven Problemfokussierung herauszufinden. Dass dies in der Praxis erst punktuell zum Tragen kommt, liegt vor allem daran, dass die Entscheider mit dem Begriff systemisch ein eher vages Wissen verbinden, das manchmal sogar in eine esoterische Richtung geht.

Zudem erscheint es in Beraterkreisen fast schon modisch, diesen Ansatz ins Spiel zu bringen – nicht immer mit dem Hintergrund, der ihm tatsächlich zustehen würde. Insofern lohnt es sich in jedem Fall, Haltung und Nutzen von fundierter systemischer Arbeit genauer unter die Lupe zu nehmen. (Frank Beck)

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