Kommunales

Geöffnet ist das Café an der Friedensstraße 12 von Montag bis Freitag, jeweils von 10 bis 17 Uhr. Die häufig denkmalgeschützten Gräber und Mausoleen liegen nur wenige Schritte entfernt. (Foto: ELKB)

26.11.2021

Kaffee und Kuchen auf dem Friedhof

Sozial- und Ausbildungsprojekt der Regensburger Lebenshilfe für geistig Behinderte kommt nicht nur bei Trauernden gut an

Mancher mag es morbide nennen: Kaffee trinken und Kuchen essen, umgeben von Gräbern und Mausoleen. Doch das neue Café Vielfalt auf dem Regensburger Zentralfriedhof bietet geistig behinderten Menschen einen vollwertigen Arbeitsplatz.

Ein junger Mann schneidet sorgfältig ein Stück Schokoladentorte. Seine Kolleg*innen servieren den Gästen Kaffee und Kuchen. Es herrscht eine ebenso frohe wie respektvolle und aufmerksame Betriebsamkeit im Café Vielfalt – keine Selbstverständlichkeit auf einem Friedhof; eher die Ausnahme. Doch das Team des im Oktober dieses Jahres eröffneten Café Vielfalt ist für sich genommen schon eine Ausnahme. Alle sieben Mitarbeitenden sind sogenannte Betreute der Regensburger Lebenshilfe und leben mit einem – zumeist kognitiven – Handicap.

Wenn Gruppenleiter Dominik Winter sieht, mit welchem Eifer seine Mitarbeiter*innen ihren Job machen, dann wird ihm ganz warm ums Herz. Gut, am Anfang lief nicht alles rund. Da wurde viel geflucht“, sagt er. „Das war okay – erst einmal. Nach und nach haben wir dann gemeinsam die Fluchfrequenz eingeschränkt.“ Er schmunzelt. Auch die Abläufe haben sich gut eingespielt. „Wir sind alle Lernende“, sagt er. „Da bin ich auf einer Ebene mit meinen Leuten.“


Im Innenraum und auf der Terrasse Platz für 55 Gäste


Ein Friedhof ist ein ungewöhnlicher Ort für ein Café. Die Idee kam aus der Friedhofsverwaltung. Friedhofswärter Martin Baumer konnte nicht länger zusehen, wie die alte Bet- und spätere Maschinenhalle aus dem Jahr 1898 vergammelte. Das Haus im Neorenaissance Stil liegt in der Mitte des 125 Jahre alten Friedhofs. Vom Café aus hat man einen Blick auf die zum Teil denkmalgeschützten Gräber und Mausoleen, die sich idyllisch einfügen in die Parkanlage am Hang.
Der Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Evangelische Zentralfriedhof zählt wegen seiner historischen Grabmale und der natürlichen Anlage im Stil eines englischen Landschaftsgartens zu einem der schönsten in Bayern. Saniert hat das Bauwerk das Architektenbüro Die Hausfreunde. 35 Gäste finden heute im Gastraum Platz und noch einmal 20 auf der Terrasse.

Viele Gäste haben lange darauf gewartet, dass aus der verwaisten Anlage wieder ein lebendiger Treffpunkt wird. Gemeinsam haben die Evangelische Kirchgemeinde und die Lebenshilfe Regensburg hier ein inklusives Projekt gestaltet. „Leben und Tod gehören doch zusammen“, sagt eine ältere Dame. Sie findet den Friedhof als Ort für ein Café gar nicht ungewöhnlich. „Es tut den Besuchern gut, wenn sie ihre verstorbenen Verwandten besucht haben und anschließend in netter Atmosphäre einen Kaffee zu trinken“, bestätigt auch Winter.

Zwei Jahre in der Werkstatt geprobt


Für das Caféhaus-Team ist der Ort etwas Besonderes, nichts was ängstigt. Viele genießen einen Pausen-Spaziergang und die besondere Atmosphäre. Rund zwei Jahre lang haben die Betreuten geprobt in der Werkstatt. Aus einem Job ist längst Leidenschaft geworden. Nicht nur für Gruppenleiter Winter. Melanie Irnstetter kann sich kaum noch etwas anderes vorstellen. Eine Ausbildung in Gastronomie hat sie nicht. Die ist auch nicht notwendig. Gastfreundschaft steht im Café Vielfalt an erster Stelle. Die hat man oder man hat sie eben nicht.

Melanie hat dieses freundliche Wesen, das anderen gerne eine gute Zeit bereitet. Nur das Rechnen falle ihr etwas schwer, sagt sie. Melanie arbeitet Vollzeit. Eine frühkindliche Hirnschädigung hat es ihr im Leben nicht leicht gemacht. Der Frage, ob sie gerne in einem Lokal im ersten Arbeitsmarkt arbeiten würde, weicht sie aus. Ja schon. Das Café Horn aus Lappersdorf hat bereits einen Mitarbeiter vom Café Vielfalt testweise arbeiten lassen. „Es kommt auf die Entwicklung an“, sagt sie. Im Grunde aber würde sie gerne bleiben.

Ihr Kollege Wolfgang bringt Beerenkuchen an einen Tisch, Kaffee und noch etwas Zucker. Die Gäste verwickeln ihn in ein Gespräch und er pariert gekonnt und genießt es. Dabei haben die jungen Servicekräfte keine leichte Aufgabe. Stets müssen sie auch mit Gästen rechnen, die eine leidvolle Lebensphase erleben. Die erste Trauergesellschaft am zweiten Öffnungstag haben sie aber mit Bravour bewirtet. „Ich glaube, ich war nervöser als meine Leute“, sagt Winter. Ihre fröhliche Unbekümmertheit – wenn sie gepaart ist mit Respekt vor den Trauernden – tut auch den Gästen gut.

 

Als Ausbildungs-Café konzipiert


Wird eine Situation schwierig, ist Hilfe sofort zur Stelle. „Ich nehme den Mitarbeiter dann raus und arbeite das im Nebenraum zügig auf“, erklärt Winter. Es ist wichtig, dass man im Setting familiär ist und dass Vertrauen da ist, sagt er. „Der Flo kann mir sagen, du Dominik, ich fühle mich gerade mit der Situation nicht wohl, weil die Gäste so viel weinen. In so einem Augenblick stehen meine Leute an erster Stelle. Wenn es denen gut geht, geht es auch dem Gast gut.“ Winter kennt seine Betreuten und erkennt an kleinen Veränderungen, wenn sie Befindlichkeiten ändern. Das Inklusions-Projekt ist schließlich als Ausbildungs-Café konzipiert.

Neben dem Kaffeehausbetrieb wollen die Kirchenverantwortlichen in einer geschützten Ecke des Lokals auch Seelsorgegespräche anbieten. Das Evangelische Bildungswerk plant Infoveranstaltungen zu Beisetzungen und Testament, der Hospizverein Trauerbewältigungskurse.

Aber auch an Konzerte und Hausmusik sei gedacht. „Gerne werden Tod und Trauer weggeschoben, aber der Tod gehört einfach zum Leben dazu“, sagte Klaus Neubert, Geschäftsführer des Kirchengemeindeamts in Regensburg.

Das Café Vielfalt zeigt: Inklusion ist keine Einbahnstraße. Viele kommen selten mit Menschen in Kontakt, die ein geistiges Handicap haben. So ist das Café Vielfalt auch ein Inklusionsprojekt in die andere Richtung. Wo sonst kann man Ängste und Vorbehalte vor dem Anderssein abbauen? „Es ist normal, verschieden zu sein“, lautet denn auch der Leitspruch der Regensburger Lebenshilfe. (Flora Jädicke)

Reservierungen sind möglich per Telefon: 0941/4637 3417 oder per E-Mail: cafe-vielfalt@rws-lh.de

 

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