Kommunales

Für Demenz zu sensibilisieren, darum geht es nahezu allen lokalen Allianzen. Dies geschieht unter anderem beim Theaterspielen. (Foto: Pat Christ)

21.06.2019

Viele bayerische Demenz-Allianzen müssen deutlich abspecken

Anschubfinanzierung ausgelaufen

Manchmal können schon kleine Kürzungen im Sozialsystem für Betroffene verheerende Folgen haben. Nach dem Auslaufen der Anschubfinanzierung in Höhe von 10 000 Euro kämpfen die Lokalen Allianzen Demenz in Bayern um Geld für ihre Arbeit. Viele von ihnen können künftig, was sie tun möchten, nur noch mit halber Kraft machen.

Weil die Finanzierungsnot so groß ist, lädt die Netzwerkstelle „Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ am 24. Juni in Würzburg zu einem Workshop unter dem Titel „Ohne Moos nix los!?“ ein. Bartholomäus Meister von der Lokalen Allianz Regensburg hat vor, daran teilzunehmen. Dass er eine zündende Finanzierungsidee erhält, ist für ihn allerdings ganz und gar nicht sicher. „Ich war schon auf mehreren Tagungen, bisher kam nie etwas Konkretes raus“, sagt er der Staatszeitung. Dabei bräuchte es dringend zündende Ideen. Denn seit die Förderung des Bundesfamilienministeriums 2017 auslief, lebt man in Regensburg „von der Hand in den Mund“. Mangels Finanzen scheiterte bisher auch der Versuch, in einzelnen Gemeinden des Landkreises Gesprächskreise für pflegende Angehörige aufzubauen: „Wir bräuchten dafür Personal, das sich in diese Arbeit richtig reinkniet.“

Bartolomäus Meister kämpft seit Langem für die Idee der „Demenzfreundlichkeit“. Früher tat er das als Altenseelsorger. Heute ist er, rein ehrenamtlich, Motor der Lokalen Allianz Demenz in Regensburg. Die wird getragen von der Regensburger Katholischen Erwachsenenbildung. Durch die Allianz habe sich die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen schon deutlich verbessert, sagt der Seelsorger. So wurde ein Helferkreis namens „Auszeit“ aufgebaut. Vermittelt über das Regensburger Landratsamt kommen aktuell 44 Helfer in betroffenen Familien zum Einsatz.

Eine gute, umfassende Demenzarbeit hängt vom Faktor „Zeit“ ab, meint Waltraud Lobenhofer, Geschäftsführerin der „Arbeitsgemeinschaft Obere Vils – Ehenbach“ (AOVE) mit Sitz im Landkreis Amberg-Sulzbach. 2013 schmiedete die AOVE mit den Allianz-Fördermitteln aus dem Familienministerium die „Demenzfreundliche Region Obere Vils – Ehenbach“. Viele Ideen wurden gesammelt und realisiert, wie man Menschen mit Demenz in ihrem häuslichen Umfeld unterstützen könnte. Als die Fördergelder nach zwei Jahren wegfielen, ging das Demenznetzwerk im Projekt „Alt werden zu Hause“ auf. Lobenhofer: „Natürlich in bedeutend geringerem Umfang.“

Demente ohne Lobby

Zu wenig Geld, zu wenig Zeit. Immerhin sei das Thema „Demenz“ jetzt stärker in der Öffentlichkeit, freut sich die AOVE-Geschäftsführerin. Auch findet bis heute eine Angehörigengruppe mit jeweils bis zu zwölf Teilnehmern statt: „Wir bedauern es dennoch sehr, dass wir als AOVE nicht mehr Zeit für das Thema Demenz haben.“ Doch mit den vorhandenen personellen Ressourcen sei es unmöglich, das aufgebaute Netzwerk weiter zu betreuen. Was aktuell im Projekt „Alt werden zu Hause“ passiert, wird von den in der AOVE zusammengeschlossenen Kommunen sowie über das Amt für Ländliche Entwicklung im Rahmen der ILEK-Umsetzung finanziert.

Wieder einmal drohen ehrgeizige Pläne mangels nachhaltiger Finanzierung zu scheitern, so Ex-SPD-Chef Franz Müntefering, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Mit den Allianzen, meint er, werde so umgegangen, wie mit vielen anderen guten Ideen: „Man macht Muster und alle sagen: ja, die Modelle sind gut, dann stellt man sie in den Schrank und verweist darauf, dass man das gut machen kann.“ Auch mit der Gesamtzahl von bundesweit 500 geförderten Allianzen ist Müntefering nicht einverstanden: „Wir brauchen das Zigfache.“ Es könne nicht sein, dass ein Betroffener, je nachdem, wo er wohnt, mehr oder weniger Unterstützung bekommt.


Dass Geldfragen den Kampf für Demenzfreundlichkeit schwierig machen, bestätigt man auch in Kaufbeuren. „Wir hatten nach dem Wegfall der Fördermittel ebenfalls Einbußen, so können wir keine Honorarkosten mehr zahlen“, sagt Felix Franke, Vorsitzender des Allgäuer „Netzwerks Altenhilfe & Gerontopsychiatrie“. Dennoch läuft im Netzwerk nach wie vor viel. So können inzwischen 200 geschulte Demenzhelfer eingesetzt werden.


Natürlich habe man gewusst, dass es nur für zwei Jahre Fördermittel gibt, meint Dagmar Pawelka von der Koordinierungs- und Beratungsstelle „Pro Senioren“ in Rosenheim. In die oberbayerische Stadt flossen bis August 2016 Fördermittel für das Allianz-Projekt „Rosenheimer Weg gegen Vergesslichkeit“. Seit der Geldstrom versiegte, wird das Projekt aus Mitgliedsbeiträgen des Vereins, aus Stiftungsgeldern und kommunalen Zuschüssen finanziert.

Von den Bezirken gibt es kein Geld, erklärt auf Nachfrage Celia Wenk-Wolff: „Uns ist kein Bezirk bekannt, der Allianzen finanziert.“ Der Bezirk Unterfranken fördere allerdings drei Gerontopsychiatrische Vernetzungsstellen. Was der Verein „Pro Senioren“ an Finanzhilfe erwarten kann, reicht längst nicht aus, um die ursprüngliche Projektidee zu verwirklichen, sagt Vorstandsfrau Inge Ilgenfritz: „Wir wollten Rosenheim zu einer demenzfreundlichen Kommune machen, das ist uns nicht geglückt.“

Ex-SPD-Chef Müntefering übt heftige Kritik

Dazu bräuchte es eine 450-Euro-Kraft, wie es sie während der beiden Förderjahre gab. Diese Mitarbeiterin versuchte, Rosenheims Geschäftswelt für die Bedürfnisse dementer Menschen zu sensibilisieren. Wie sich herausstellte, heißt dies, dicke Bretter zu bohren. „Wir schrieben 56 Frisierurbetriebe und alle Banken an, ob sie eine Schulung möchten, doch es gab keinerlei Interesse“, so Ilgenfritz.

Grundsätzlich bot das Modellprogramm eine große Chance, sagt Sabine Distler vom Curatorium „Altern gestalten“ mit Sitz im mittelfränkischen Hartenstein: „Wir konnten dadurch ein wissenschaftliches Kinoprojekt in der Praxis realisieren.“ Das Projekt nennt sich Silberfilm und gilt als erstes Teilhabe- und Kinokonzept für hochbetagte Menschen. Begonnen wurde mit zwei Standorten in und bei Nürnberg: „Inzwischen sind wir bayernweit an fünf Standorten aktiv.“ Die Fördermittel flossen ins Marketing, also etwa in Programmhefte. Was nach Auslaufen der Anschubfinanzierung wegfiel, muss nun durch Sponsorengelder kompensiert werden. 

„Der Mangel an Mittel für Demenzprojekte, sieht auch Sabine Distler, konterkariert streckenweise die Idee der „Lokalen Allianzen“. Sie kennt aus dem Raum Nürnberg ein Projekt, das ab 2014 gefördert wurde, und in das sie als Geschäftsführerin einer Altenpflegeeinrichtung integriert war: „Als die Förderung auslief, hat sich das Projekt komplett zerschlagen.“ In diesem Fall seien die Fördergelder verschwendet gewesen. Wünschenswert wäre für Distler, dass Projekte, die sich in der Anlaufphase bewährt haben und deren Notwendigkeit nicht angezweifelt wird, weiterhin mit staatlichen Mitteln unterstützt würden.

Fördermittel können jenen, die sie nehmen, durchaus einen Bärendienst erweisen, meint dazu Hubert Plepla von der Koordinationsstelle „Seniorenpolitisches Gesamtkonzept“ im Landratsamt Unterallgäu: „Sind die Mittel weg, wird es sehr oft schwierig.“ Er rät davon ab, sich allzu voreilig auf Förderprogramme einzulassen: „Wenn wir selbst das tun, dann tun wir das nicht in erster Linie wegen der Förderung, sondern wegen des Themas, das wir ohnehin angehen wollen.“ (Pat Christ)

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