Kommunales

Investionen in neue Wintersportanlagen wirken angesichts des Klimawandels mitunter bizarr. (Foto: dpa)

12.02.2018

Weißes Band in grüner Landschaft

Die Mittelgebirgsregionen zwischen Wintertourismus und Klimawandel

Am Ochsenkopf im Fichtelgebirge rattert unermüdlich die Seilbahn und bringt Skifahrer auf den Gipfel. 1900 oder 2300 Meter geht es auf Süd- oder Nordabfahrt zurück ins Tal. Freilich, im Vergleich zu kilometerlangen Abfahrten und Hightech-Bergbahnen in den Alpen mutet das kleine Skigebiet in Nordbayern pittoresk an. Aber für Gäste etwa aus Nürnberg, Plauen oder Bamberg ist der Ochsenkopf rasch zu erreichen. Und so mancher Anfänger oder Wiedereinsteiger hat hier seine Schwünge verbessert. Dieser Tage ist viel los am Ochsenkopf, in Bayern haben gerade die Faschingsferien begonnen.

Auch andere Mittelgebirgs-Regionen setzen auf einen starken Februar. Gebaut und investiert wird fleißig - in Willingen (Hessen) im Sauerland etwa entsteht ein neuer Sessellift, im Thüringer Wald gibt es Pläne, auch Loipen künstlich beschneien zu lassen. Kürzlich ist die "Winterwelt Schmiedefeld" eröffnet worden, wo überwiegend aus Landesmitteln für 3,8 Millionen Euro die Bedingungen für Alpinfahrer verbessert wurden. Im Fichtelgebirge will der Landkreis Bayreuth die in die Jahre gekommenen Sesselbahnen durch eine Gondelbahn ersetzen.

Verschlechterte Planungssicherheit


Doch im Hintergrund ahnen die Verantwortlichen: Wer weiß schon, wie lange es noch so läuft mit dem Wintersport angesichts des Klimawandels? Es hat ja auch in diesem Winter recht lange gedauert, bis Schneefall und Kälte sich so zuverlässig einstellten, dass die Pisten präpariert und die Loipen gespurt werden konnten.
"Die Planungssicherheit für Betreiber von Wintersportanlagen in den Mittelgebirgen wird sich mittelfristig eher verschlechtern, da länger andauernde Witterungsbedingungen für Wintersport abnehmen", sagt Peter Hoffmann, Meteorologe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Bereits jetzt sind die Winter in Deutschland deutlich milder geworden im Vergleich zu den 1980er Jahren. Die Zahl der Tage mit Dauerfrost schrumpft, und das wirkt sich negativ auf die Schneesicherheit in den Skigebieten der deutschen Mittelgebirge aus." Dabei könne es durchaus vermehrt Kälteextreme geben. "Klimawandel, das ist nicht nur Erwärmung, sondern vor allem: mehr Extreme."

Langfristig müsse sich Deutschland vom Skitourismus verabschieden, sagt Professor Jürgen Schmude vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Eine Ausnahme sei die Zugspitze. Viele in Deutschland glaubten, das Problem ließe sich technisch lösen. Doch Kunstschnee könne nur eine Zwischenlösung sein. Langfristig sei künstliche Beschneiung zu aufwendig und zu teuer - und damit keine tragfähige Lösung. Zudem wisse man aus Umfragen, dass Skifahrer auf Dauer in kein Skigebiet fahren, wo die Piste nur ein weißes Band in grüner Landschaft ist.

Seilbahnen werden auch im Sommer eingesetzt



Doch gerade in den ländlich geprägten Regionen der Mittelgebirge ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Ein Übernachtungsgast im Fichtelgebirge gab durchschnittlich pro Tag 107 Euro aus, ein Tagesgast 26,90. Der Tourismusverband zählte 1,64 Millionen Übernachtungen pro Jahr und 11,4 Millionen Tagesgäste (Stand: 2015).

Damit die Einnahmequelle für Hoteliers, Gastwirte oder auch Sportgeschäfte im Winter nicht wegbricht, laufen fast überall Investitionen an. Beispiel Thüringer Wald: In Masserberg am Rennsteig (Landkreis Hildburghausen) sollen rund 3,4 Millionen Euro in den Wintersport fließen. "Die Konkurrenz hat richtig viel Geld in die Hand genommen, zum Beispiel das Sauerland", sagt Bürgermeister Denis Wagner. Das zahle sich auch bei den Besuchern aus. Im Thüringer Wald schwächeln die Übernachtungszahlen seit Jahren. In der Wintersaison 2016/17 blieben sie erstmals seit zehn Jahren unter 800 000. (Kathrin Zeilmann, dpa)

Doch wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zeigt: Die meisten Verantwortlichen in den Mittelgebirgs-Regionen investieren bewusst mit dem Ansatz, die Anlagen das ganze Jahr über nutzen zu können. "Alles, was wir tun, sind Ganzjahresinvestitionen", sagt Andreas Munder, Chef der Tourismus-Region Ochsenkopf im Fichtelgebirge. Die geplante neue Gondelbahn beispielsweise werde längst nicht nur im Winter genutzt - im Sommer könnten Mountainbike-Fahrer ihre Räder an die Gondel hängen und dann die Downhill-Strecke Richtung Tal nehmen. "Wir denken sehr wohl darüber nach, was zu tun ist, wenn schneeärmere Winter kommen. Winterwandern zum Beispiel geht immer."

Alle Skigebiete im Harz setzten auf Ganzjahreskonzepte, sagt auch Christin Wolgemuth vom Tourismusverband. "Ein toller Winter ist das I-Tüpfelchen. Das Gros der Übernachtungen findet aber außerhalb der Wintermonate statt." Viele Seilbahnen brächten Gäste auch im Sommer nach oben, zu Aussichtspunkten und Wanderwegen.

2016 wurden in der Harzregion in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 7,2 Millionen Übernachtungen gezählt - knapp zwei Millionen davon in den Wintermonaten von Januar bis April. Mangelndes Interesse von Winterurlaubern lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten. 2010 gab es in den Wintermonaten nur rund 1,8 Millionen Übernachtungen. Auch im Erzgebirge steuert man um: Man habe für diese Saison ein neues Konzept entwickelt, das sich nicht nur auf die klassischen Wintersportarten fokussiere, sondern auch schneeunabhängige Angebote bewerbe, sagt Doreen Burgold vom Tourismusverband Erzgebirge.

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