Kultur

Das „amarcordplus“-Vokalensemble mit und die „lauten compagney BERLIN“ begeistern mit Monteverdi. (Foto: ION)

14.06.2018

Ein Wald voller Musik

Bei der Internationalen Orgelwoche Nürnberg begeistert ein Monteverdi-Konzert

Im vom Dreißigjährigen Krieg überzogenen Deutschland pflegten die Dichter und Musiker höchstens mal ein bescheidenes Musen-„Gärtlein“. In Italien jedoch stellte Claudio Monteverdi einen ganzen „Wald“ seines kirchenmusikalischen Schaffens zusammen, für dessen Druck der venezianische Verleger allein zwei Jahre brauchte: „Geschöpfe“ nannte er die nahezu 40 Stücke, die in diesem „moralischen und geistigen Wald“ Unterschlupf fanden. Dem Barockspezialisten Wolfgang Katschner, der zur Zeit am Staatstheater Nürnberg auch Monteverdis Oper „Il ritorno d’Ulisse in patria“ dirigiert, war das für seinen Auftritt bei der Internationalen Orgelwoche (ION) immer noch zu wenig: Angereichert durch Teile der 30 Jahre früher entstandenen „Marienvesper“,  stellt er das Programm „Pianto della Madonna“ zusammen -  es war ein Höhepunkt des Nürnberger Musica-Sacra-Fests und passte bestens zu dessen Thema „Zeit“. Denn Monteverdi wollte, inzwischen 74 Jahre alt, sich und seinen musikalischen Nachlass auf den Tod vorbereiten. 1743 ist er in Venedig gestorben - und durch solche Aufführungen wie jetzt in Nürnberg unsterblich geblieben.

Katschner brachte für seine maßstabsetzende Aufführung das erweiterte „amarcordplus“-Vokalensemble mit und seine „lauten compagney BERLIN“, allesamt hochspezialisierte Sänger und Musiker mit Langhalsgitarren, einer dreisaitig bespannten Harfe, Zinken und Naturposaunen. Damit inszeniert er die vokalen und instrumentalen Raffinessen, die in der besonderen Akustik und auf den Emporen von San Marco in Venedig vielleicht noch virtuoser geklungen haben als im hohen gotischen Ostchor von St. Sebald. Aber Katschners fulminant-agile Regie brachte auch hier eine überzeugende Balance zwischen der auftrumpfenden Pracht der Posaunen und den madrigalhaft springlebendigen chorischen wie solistischen Wirkungen zustande.

Sein Gang durch den geistig-moralischen Wald führt die schönsten Stellen arioser Ausdruckskraft und deklamatorischer Finesse vor, auch solche zu Herzen gehenden Marienklagen unterm Kreuz, wie sie Hanna Zumsande  zelebriert: mit barock-bildhafter Eindringlichkeit  wie bei „zerfetzt von Nägeln und Dornenkranz“. Überhaupt sind die Sänger  wie verliebt in diese immer wieder gleichen lateinischen Texte, die sie mit unendlicher Virtuosität vielfältig  neu einkleiden.

Natürlich unterstreichen auch die Teile der „Marienvesper“ von 1610 die Spiritualität dieser Zusammenstellung, rühren zudem an die Renaissance-Wurzeln, aus denen Monteverdi geschöpft hat: düstere Feierlichkeit mit den Naturposaunen, den trompeten- und hornnahen Klangfarben der Zinkenisten, leuchtend darüber schweben die Soprane mit ihrem Marienlob. Dieser „Selva“ war  wie ein Zauberkasten, aus dem die Musik bis heute schöpft.

Bis nach Kloster Ebrach im Steigerwald reicht diesmal der für das ION-Selbstverständnis konstitutive Orgelwettbewerb, der am Sonntag (17. Juni) in St. Lorenz von drei Finalisten entschieden wird. Für morgen, 15. Juni) steht noch die ION-Nacht auf dem Programm: vier Stunden Musik in fünf Innenstadt-Kirchen und begleitet von einer 400 Jahre alten Prozessionsorgel. Am Samstag (16. Juni)  noch das ION-Kompositionsforum, dann ist Folkert Uhdes Zeit als  gut vernetzter Künstlerischer Leiter der ION zu Ende. Gerade dieses Jahr hat er großartige Aufführungen ins Programm gelotst, was an „Konzertdesign“ geboten wurde, erinnerte er an heimische Dia-Abende. (Uwe Mitsching

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