Kultur

Ein gutes und verständnisvolles Verhältnis zu ihren Nachbarn hat die Regensburger Tänzerin Louisa Poletti: Sie absolviert ein spezielles Training in High Heels. (Foto: Louisa Poletti)

08.05.2020

Footloose im Schlafzimmer

Tänzer*innen aus Nürnberg, Regensburg und Augsburg erzählen, wie sie in Corona-Zeiten zu Hause trainieren

Nette Nachbarn sind Gold wert. Für Louisa Poletti besonders diejenigen, die unter ihr wohnen. Denn die Balletttänzerin, die seit vier Jahren am Theater Regensburg arbeitet, hat zwar eine schöne Maisonettewohnung (56 Quadratmeter), aber die hat leider keinen schalldichten Fußboden. Und den Ballettsaal des Theaters darf sie nur einmal pro Tag und nur nach Voranmeldung benützen. Damit kommen in Sachen Ballett und Beruf das eigene Wohn- und Schlafzimmer ins Spiel: mit einer Art Stange für die Übungen, mit Musik vom Kopfhörer – und sogar für die nicht eben lautlosen Übungen im Rahmen eines „High-Heel-Trainings“, das sie sich ausgedacht hat und wofür es eine Onlineplattform mit Übungen und Schrittkombinationen gibt: Ein solches Workout auf Absätzen ist für das Tanzen in Operette und Musical unbedingt wichtig. Das Schöne daran: Die Kolleg*innen können per Zoom mitmachen.

Regensburgs Ballettchef Georg Reischl führt in jedes Videomeeting ein. Dann kommen überall in den Wohnungen der elfköpfigen Regensburger Ensemblemitglieder Stuhllehnen und standfeste Kommoden ins Spiel. Georg Reischl, ein gebürtiger Wiener und ehemaliger Tänzer bei William Forsythe in Frankfurt, ist zwar froh über die privaten Möglichkeiten eines Onlinetrainings via Zoom, auch über die Workouts seiner Tänzer*innen im Donaupark – wo man sie schon auch mal mit Hanteln und Gewichten sieht.

Das Soziale fehlt

Aber Reischl bedauert: „Das sind keine Voraussetzungen für die längerfristige Arbeit. Denn mit einer Compagnie zu tanzen, das ist ein sehr sozialer Job. Das Training miteinander, das ist unser Brot. Und das fehlt uns jetzt.“ Dabei hatte er in seinem ersten Regensburger Jahr als Nachfolger von Yuki Mori so etwas wie eine „Tangoklasse“ im Sinn, die Einführung von Methoden, „wo durch Bilder Bewegungsabläufe über das Nervensystem neu geordnet, auch Haltungsfehler korrigiert werden können“. Das muss nun warten.

Strenger Tagesplan

Für den Ballettchef gilt ebenso wie für die Tänzer*innen: Obenan steht in dieser Zeit, in der alle Vorstellungen bis Spielzeitende gestrichen sind, ein geordneter Tagesablauf. An dessen Beginn steht für Louisa Poletti ein Telefongespräch mit ihrer Familie in Australien („Verhältnisse sind ähnlich wie hier“). Es folgen das Hochintensitäts-Cardio-Training, das Onlinetraining mit Jazz und Modern Dance, eine Mittagspause, Telefonkontakte, das Abend-Workout – wenn nicht gerade Pollenflug ist, kann auch ihr Freund den Sport im Park mitmachen.

Bei Georg Reischl sieht die Tagesstruktur ein bisschen anders aus: Yoga morgens, danach Onlinetraining mit der Compagnie, Training mit Gewichten in seiner kleinen heimischen Fitnessecke, dann ins Theater zum Krisenmeeting mit dem Intendanten und den anderen Spartenleitern, anschließend zwei Stunden Fahrrad. Und abends? Da denkt sich Reischl bei viel Musik neue Ballette aus: „Ich arbeite immer erst an einer Idee, und die wird dann mit den Tänzerinnen und Tänzern im Studio weiterentwickelt. Ich muss die Tänzer mit ins Boot holen.“

100 Kilometer weiter westlich kann man dem Chef beim Training zu Hause zuschauen: Goyo Montero vom Staatsballett Nürnberg tanzt daheim im Flur – mit Kinderlachen im Hintergrund. Anwesenheitsnotiz heißt eine Folge von Trainings-/Probeneindrücken seiner 22 fest angestellten Mitglieder der erfolgreichen Compagnie. Man sieht überall die Wohnungen um- und ausgeräumt, das Klappbett an der Wand. Trotzdem bleibt wenig Platz zur Umsetzung der expressiven Musik von Owen Belton. Wegen der Enge ist das irgendwie immer ein Kreisen um sich selbst.

Bei Platzproblemen sind Montero und seine Ballettmeister behilflich: Sie geben kurze Anleitungen zur Positionierung im Raum und zu den Bewegungen, zur Verbindung von Individualität und Kollektiv. Sie leiten auch ein 75-minütiges, klassisch basiertes Training.

Goyo Montero macht klar: „Es ist eine große Herausforderung unter den aktuellen Bedingungen, Choreografien zu entwickeln, die künstlerisch interessant und anspruchsvoll sein sollen.“
Wie anderswo, so verfährt man auch in Nürnberg mehrgleisig: mit einem digitalen Trainingsangebot der Ballettmeister, einem Training in Kleinstgruppen (maximal drei Personen) in den verschiedenen Ballettsälen. Montero betont die Arbeit an einer „gemeinsamen Richtlinie“ der Partnercompagnien auf Bundesebene und für einen „verantwortungsvollen Trainings- und Probenbetrieb“. Und so können die Nürnberger Tänzer*innen sogar digital am Pilates-training von Ballettmeister Asier Uriagereka und dessen Ballett von Monte Carlo teilnehmen.

Virtuelles Erlebnis

Die Frage, ob Tanz überhaupt ohne Berührung denkbar sei, hat das Staatstheater Augsburg auf eine besondere Weise beantwortet: „Wir haben gerade ein Ballett gemacht, extra für VR-Brillen in 360-Grad-Perspektive, und darin werden nur Solos getanzt.“ „Ganz toll“ findet das Eva-Maria Fürstenberger, die Pressereferentin des Hauses: „Es ist eine Art 3-D, man ist in das, was passiert, unmittelbar involviert.“ Für knapp zehn Euro kann man sich die Brille kaufen. „Der Zuschauer ist unmittelbar im Zentrum des Geschehens und nimmt daran teil“, erklären auch Ballettdirektor Ricardo Fernando und Intendant André Bücker und sagen über die Produktion shifting_perspective: „Virtual-Reality-Theater ist ein digitales Theatererlebnis für zu Hause, maximal tänzerfreundlich und mit reibungslosem Ablauf.“

In Augsburg haben die Tänzer*innen offenbar genug Platz zu Hause und kommen ohne ein Fitness-Standardprogramm aus. Hier wie überall: Tänzerinnen und Tänzer stecken die Krise offenbar ganz gut weg: „Keine besondere psychologische Betreuung“, heißt es in Augsburg, Nürnberg erachtet „regelmäßigen Austausch“ und „seriöse Information“ als besonders hilfreich, um die Lage zu meistern.

Georg Reischl in Regensburg sieht seine Ensemblemitglieder beim Training zwar per Computer, aber er gibt ehrlich auch zu: „Wie’s ihnen wirklich geht, das weiß ich nicht, besonders wenn sie neu sind in der Stadt und noch kein soziales Netzwerk haben.“ (Uwe Mitsching)

Abbildungen von oben:
Georg Reischl, der Regensburger Ballettchef, auf dem heimischen Balkon.    (Foto: Georg Reischl)

In der Rubrik „Digitaler Fundus“ des Staatstheaters Nürnberg zeigt Ballettchef Goyo Montero im Improvisationsprojekt „Fooling/Falling“, wie man auf engstem Raum ausdrucksstarke Tanzbewegungen bewältigen kann. (Film: Stefan Kleeberger/Schnitt und Bearbeitung, Screenshots: BSZ)

Der Nürnberger Compagnietänzer Alexsandro Akapohi hat für seinen Part in „Fooling/Falling" das Bett zur Seite geklappt.     (Film: Stefan Kleeberger/Schnitt und Bearbeitung, Screenshots: BSZ)

Tägliches Training ist ein Muss: Samuel Maxted vom Augsburger Ensemble. (Foto: Samuel Maxted)

Scheinbar lässig trainiert Momoko Tanaka vom Augsburger Ballettensemble in ihrem Bett. (Foto: Momoko Tanaka)

Ria Girard (Staatstheater Augsburg) beim heimischen Sprungtraining. (Foto: Ria Girard)

Keiko Okawa vom Augsburger Ballettensemble übt auf einer speziellen Bodenmatte. (Foto Keiko Okawa)

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