Kultur

Da wird sogar die Schweinshaxn kalt, und mit der Gemütlichkeit in der Bauernhausstube ist es vorbei, wenn Horst Pernickel (Killen McNeill) einen der dubiosen Briefe studiert. Ob vielleicht seine Bekannte Martha Reinberger (Carmen Laub) etwas damit zu tun hat? (Foto: Elke Walter)

01.02.2019

Fragiles Lügenkonstrukt

Das Freilandtheater Bad Windsheim erzählt in seinem Winterwandelstück „In alter Freundschaft“ von Briefen, die ein ganzes Dorf aufscheuchen

Mit seinem neuen Winterwandelstück In alter Freundschaft, geschrieben von Intendant Christian Laubert, geht das Freilandtheater Bad Windsheim in seine neunte Winterspielzeit im Fränkischen Freilandmuseum. Inszeniert hat das Stück der Theaterchef diesmal gemeinsam mit einigen Schauspieler-Kollegen: Eckhard Ischebeck, Rolf Kindler, Levent Özdil sowie Peter Pruchniewitz.
Vom warmen Theatersessel aus das Bühnengeschehen verfolgen: Das geht beim Winterwandeltheater nicht. Dort müssen sich die Besucher Szene um Szene quasi erlaufen: Sie gehen durch eine Gaststube, die alte Ziegelei, einen Schuppen oder auch zur ehemaligen Korbes-Villa, in der der Witwe Korbes gerade der restliche Besitz gepfändet wird.

Nur ein makabrer Scherz?

Das Publikum geht also auf Spurensuche nach der Herkunft und Bedeutung der dubiosen Briefe, die einige Bürger des Orts von einem, seit elf Jahren für tot gehaltenen ehemaligen Bewohner bekommen haben – mit aktuellem Poststempel. Der Inhalt ist bei allen nahezu identisch. Offensichtlich hat da noch einer eine Rechnung offen, so der Tonfall. Vermeintlich geschrieben von Hans Korbes, der, so lässt es sich in allen Szenen erahnen, damals bei einem Unwetter in den Fluten umgekommen sein soll. Seine Leiche hatte man allerdings nie gefunden. Später war er für tot erklärt worden. Lebt Korbes doch noch? Oder erlaubt sich da jemand einen makabren Scherz?

Um das herauszubekommen, wandern die Besuchergruppen durch das Gelände. Es ist dunkel, kalt und im Schein der zahllosen Taschenlampen ein wenig unheimlich. Aber genau das macht den Reiz dieser speziellen Theaterform aus. Bei Tageslicht wäre die Geschichte nur halb so spannend.
Hans Korbes war einst als schlesischer Flüchtling im fränkischen Dörfchen angekommen. Den jungen Kerl habe man, so einer der Briefempfänger, doch gut aufgenommen, gedankt habe er es letztlich aber nicht. Fleißig sei er gewesen, aber eben auch ein Frauenheld und gewiefter Geschäftsmann, der sich vielleicht sogar zu breit im Ort gemacht hatte? Von seinem Verschwinden hatte mancher profitiert, andere waren froh, ihn einfach nicht mehr treffen zu müssen.

Im Verlauf des „bewegten“ Theaterabends kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass damals nicht alles seine Ordnung hatte, die Wahrheit in einem dörflichen Kartenhaus aus Lügen verborgen scheint. Wie wackelig das Fundament dieses Lügen-Konstrukts doch auch nach so langer Zeit noch ist, machen die Reaktionen auf die dubiosen Briefe deutlich. Aufregung macht sich breit, Ängste vor der Vergangenheit sowie vor Entdeckung kommen hoch. Das Lügen-Dorf wird zum Ameisenhaufen, in den man gezielt hineingestichelt hat.

Das Ensemble, Laien wie Profis, macht seine Sache sehr gut. Die Figuren stimmen, outen sich nachvollziehbar in ihren Nöten und Ängsten, lassen aber auch so manchen Fleck auf der vermeintlich weißen Weste aufblitzen (Kostüme: Marette Oppenberg). Langsam kommen auch die Besucher immer näher an die wahren Geschehnisse dieser Unwetternacht heran, bis beim dramatischen Finale in der Gaststube des Kommun-Brauhauses, dort, wo der erste Brief aufgetaucht war, das verlogene Kartenhaus dramatisch in sich zusammenfällt. (Elke Walter)

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