Kultur

Kubin entwirft düstere Bildwelten: Monströses entdeckt man in „Verpuppte Welt“. (Foto: VG Bild-Kunst/Eberhard Spangenberg)

11.01.2019

In der Dunkelkammer der modernen Seele

„Alfred Kubin und der Blaue Reiter“ im Münchner Lenbachhaus zeigt die Beziehungen Kubins zum Künstlerkreis um Kandinsky

Einfach gruselig, diese nackte männliche Gestalt mit Strubbelhaaren, die von eklem Gewürm bedrängt wird. Ihre ausgestreckte Rechte steckt bereits im Maul eines glupschäugigen Aalwesens, aber das Beunruhigendste ist, dass der Mann widerstandslos, ja sogar bereitwillig dem Gezücht sich zu ergeben scheint. Sauger heißt diese 1901 entstandene Zeichnung Alfred Kubins (1877 bis 1959), die nur durch wenige andere Wahn-Szenerien des Künstlers übertroffen wird.
Da gibt es etwa die Tuschfeder-Zeichnung von 1900, die eine Femme fatale mit Zylinder, schwarzem Kleid und Reitpeitsche darstellt, wie sie im Damensitz auf einem überdimensionalen Schaukelpferd reitet. Dessen Kufen allerdings bestehen aus großen, geschwungenen Wiegemessern, weshalb unter ihnen dutzende Körperteile zerstückelter Menschen herumliegen.
Biografische Bezüge
Sicher ist jedenfalls: All diese schwarz-weißen Albtraumbilder aus dem Schreckenskerker des Unbewussten, für die Kubin berühmt ist, haben überhaupt nichts gemein mit dem leuchtenden Farbidealismus jener Maler, die man der Künstlergruppe des Blauen Reiter zuordnet – Kandinsky und Jawlensky, Macke und Marc, die Münter und die Werefkin veranstalten mit ihren bunt glühenden Gemälden die optimistische Feier einer geheiligten Wirklichkeit im Gegensatz zu Kubins düsteren Bildwelten.
Insofern wirkt es ziemlich kühn, wenn das Münchner Lenbachhaus jetzt einer Ausstellung den Titel gibt: Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter. Aber natürlich geht es in dieser Schau nicht um ästhetische, sondern um biografisch-historische Bezüge. Denn in seinen Münchner Jahren zwischen 1898 und 1906 knüpfte Kubin enge Verbindungen zum Künstlerzirkel um Kandinsky, aus dem 1911 der Blaue Reiter hervorging.
Zu der Zeit lebte Kubin zwar bereits wieder in seiner österreichischen Heimat, aber umso reger war der Briefwechsel, den er mit den Münchner Freunden führte, an deren Ausstellungen er sich ebenfalls beteiligte. Dieser Briefwechsel, eine wahre Fundgrube für Kunsthistoriker, befindet sich im Kubin-Archiv, das dem Lenbachhaus 1971 geschenkt wurde. Es handelt sich dabei um das größte Archiv zu einer einzelnen Künstlerpersönlichkeit, das überhaupt in einem deutschen Museum existiert.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Lenbachhaus fleißig an der Digitalisierung dieses außergewöhnlichen Schatzes gearbeitet, der nun auch online zugänglich ist auf der Website des Lenbachhauses. Einen nicht nur kleinen, sondern richtig kulinarischen Vorgeschmack darauf bietet diese Ausstellung, die neben einer Fülle von Bildern auch Vitrinen mit Briefen und Postkarten der Kubin-Korrespondenz präsentiert. Wie schrieb der Künstler doch am 10.3.1913 an Franz Marc: „...wir haben ja immer wieder gegen das geschlossene Unverständnis, für unsere Ziele zu kämpfen.“ (Alexander ALtmann)

Information: Bis 17. Februar. Di. 10-20 Uhr, Mi. bis So. und feiertags 10-18 Uhr. Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstraße 33, 80333 München.
www.lenbachhaus.de

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