Kultur

Kesses Techtelmechtel: Sebastian Blomberg hat als Ferdinando Kollegin Sibylle Canonica in der Rolle der Sabina am Hals. (Foto: Thomas Aurin)

11.07.2014

Tänzeln in Badelatschen

Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" als fetzige Ferien-Revue

Von dieser schrillen Bella-Italia-Sause wird man gleich richtig eingestimmt auf den dräuenden Freizeit-Irrsinn: Mit Carlo Goldonis Trilogie der Sommerfrische von 1761) schickt das Münchner Residenztheater sein Publikum in den Urlaub. Und weil Hochdruck-Regisseur Herbert Fritsch den Rokoko-Schwank als fetzige Ferien-Revue inszenierte, lässt er einen italienischen Amore-Schlager nach dem anderen abfeuern, herrlich ironisch im Chor intoniert von den stimmstarken Schauspielern. Kongenial begleitet werden sie von einem Mann am Klavier (Carsten Meyer), der zwar im Pyjama auftritt, aber alles andere als verschnarcht musiziert.
Der Clou in dieser Dolce-Vita-Farce sind auch die Kostüme (Victoria Behr): die rosa Fräcke und 50er-Jahre-Badehosen der Herren, die mit ihren Goldkettchen und blondierten Föhnfrisuren Latin-Lover-mäßig rumgockeln, während die Damen im pinkfarbenen Puschelbikini kieksen und quietschen, dass man Angst hat, am Tinnitus zu erkranken.

Inhalt ist Nebensache

Den Vogel schießt Sebastian Blomberg ab, wenn er als Schmarotzer Ferdinando in Badelatschen über die Bühne tänzelt, halb tuntig, halb wie ein Supermacho posiert – und mit der reichen Tante (spröd-lüstern: Sibylle Canonica) poussiert.
Der Inhalt, das macht die Inszenierung sehr witzig sichtbar, ist bei Goldonis Oberflächen-Komödie Nebensache. Aber soweit man beim Sprechtempo der Akteure was mitkriegt, geht es in diesem italienischen Komödienstadl aus dem Settecento um zwei Familien, die eigentlich pleite sind. Doch um sich vor den Mitbürgern großzutun, zieht man standesgemäß samt einer Entourage aus Gästen und Dienstboten im Sommer aufs Land. Wobei sich die Clanmitglieder kreuzweise und durcheinander hassen, verlieben und betrügen.
Am Ende sind die Ferien vorbei – Gewitterdonner grollt aus den Lautsprechern, man hört den Regen prasseln. Und die Heimkehrer stehen als begossene Pudel da: Nicht nur ihre Gewänder und Frisuren triefen und spritzen bei jedem Schritt, sondern in den Vorzimmern drängen sich die Gläubiger. Kein Wunder, dass die Akteure im Schlussbild zu einer verzerrten Zombie-Gruppe erstarren. Denn Urlaub ist auch nur Eskapismus in der bürgerlichen Gesellschaft, deren Heuchelei, Status-Konkurrenz und Hochstaplertum keiner entkommt.
So saukomisch und vergnüglich das alles ist – Herbert Fritschs Theater der grellen Überdrehungen kann seine Wirkung diesmal nicht restlos entfalten, weil ihm kein hochkarätiges Stück als Kontrastmittel zu Grunde liegt.

Geniale Bühnendekoration

Trotzdem schafft es der Regie-Hysteriker dank seiner genialen Bühnendekoration, eine leicht alberne Petitesse nicht nur in die Parodie hochzuschrauben, sondern im Wohlklang den Hohlklang der Existenz anzudeuten: Auf einem riesigen bunten Streifen-Paravent, der an Gerhard Richters Strip-Bilder erinnert, zeichnen sich die Scherenschnitt-Silhouetten der Akteure ab wie in einem barocken Schatten-Spiel. Das ist wunderschön, und zugleich erscheinen die Figuren so wie Puppen, wie zweidimensionale Marionetten, die grazil und fremdbestimmt überm Abgrund tänzeln. (Alexander Altmann)

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