Kultur

Zahnreißszene um 1715. (Foto: Medizinhistorisches Museum Ingolstadt)

29.05.2019

Wenn der Arzt kommt

Das Medizinhistorische Museum Ingolstadt zeigt Beispiele aus seiner Gemäldesammlung

Man könnte zum Beispiel Nierensteine in Öl oder Beinbruch in Acryl in der Ausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt erwarten. Immerhin: Es gibt in dieser Schau mit dem Titel „radikal analog“ einen Gehörnten Schädel mit Zitrone und eine Hirnschau aus dem Fundus der 130 Bilder aus fünf Jahrhunderten, die die Gemäldesammlung des Museums an der Ingolstädter Anatomiestraße umfasst. In ihr geht es nicht um prominente Maler, sondern um medizinische Porträts und Motive mit musealem Wert, auch wenn sie vom Flohmarkt stammen.

Allegorisch warnen

Das alles ist doppelt und dreifach übereinander im großen Saal des inzwischen aufs Feinste umgebauten Museums vereinigt. Da fehlt als Motiv auch nicht, wie die alte Anatomie früher ausgesehen hat, bevor sie Anfang der 1970er-Jahre umgebaut wurde und ein Maler mit Staffelei zwischen den Baumaschinen erschien. Die damalige Direktorin Christa Habrich hat jenem Künstler Stefan Vucmanovic drei seiner Bilder abgekauft – jetzt hängen sie im Kunterbunt der Ausstellung, für die man unbedingt das kleine Begleitheft braucht.

In der Schau begegnet man Johann Freiherr von Mikulicz-Radecki, einem Schüler des berühmten Wiener Chirurgen und Brahms-Freunds Theodor Billroth, und einem von Anton Graff gemalten Professoren-Porträt. Bei dem von Georg Oswald May verfertigten Bildnis des Ansbacher Hofleibarzts Seufferheldt gibt das Museum zu, dass es eher zu den „Küchenbildern“ des Ansbacher Schlosses gehört hätte.

Aber den Besucher interessieren vermutlich mehr die medizinspezifischen Bilder aus der Ingolstädter Sammlung. Etwa die Warnung vor der venerischen Krankheit, die man auf den ersten Blick nicht ins 16. Jahrhundert datiert hätte. Man traute sich die Warnung offenbar nur allegorisch auszusprechen, aber immerhin drastisch genug, denn aus den Brüsten einer Venusstatue fließt Wasser, das der Hirtenknabe Syphilus nach diversen Verunreinigungen durstig schlürft: Und schon hat er sich angesteckt. Und Wagners Tannhäuser wird Jahrhunderte später noch vom „Wunderbronnen“ im Venusberg singen.

Manches in der Ausstellung muss man mit Fragezeichen hinsichtlich der Provenienz belassen, manches kann man genau bestimmen. Zum Beispiel, wer auf dem Ölbild auf Metall und mit Spieluhr alles dargestellt ist und sich um die Genesung des österreichischen Kronprinzen Ferdinand sorgt: Nach Attentat und Schock ist das Opfer noch blass, aber überraschend erholt. Dank eines Schutzengels, der das Totengerippe mit ausgestrecktem Schwert zur Tür hinausweist. Da helfen vielleicht auch die Gebete der Umstehenden: von Ferdinands Frau Maria Anna von Sardinien-Piemont, des Kanzlers Metternich und des Kaiserpaars Franz I. und Karoline Auguste. Das Ganze ist recht putzig und wie eine Theaterszene mit drapierten Vorhängen inszeniert.

Das kleine Ausstellungskabinett gleich neben dieser Szene sollte man keinesfalls versäumen: Was für ein Gesicht macht ein Patient mit Magenkrebs, wie sieht einer mit Gelbsucht aus oder mit deren Steigerungen Schwarzsucht, Blausucht oder Bauchwassersucht?

Blödsinn galt einst als veritable Krankheit. Die erklärenden Farblithografien wurden in der Biedermeierzeit zur Unterweisung von Studenten angefertigt, damit die wissen: Wie schaut einer aus der Bettwäsche, der Wahnwitz hat? (Uwe Mitsching)

(Bis 8. September. Deutsches Medizinhistorisches Museum, Anatomiestraße 18-20, 85049 Ingolstadt.
www.dmm-ingolstadt.de)

(Der Aderlass ist um 1600 von unbekannter Hand gemalt, ebenso das Memento mori - Fotos: Medizinhistorisches Museum Ingolstadt)

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