Kultur

Laiendarsteller Rochus Rückel empfiehlt sich mit seiner Darstellung des Wilhelm Tell als künftiges Mitglied des Passionsspielensembles. Den Landvogt Geßler spielt Andreas Richter. (Foto: Arno Declair)

13.07.2018

Zeitlose Tyrannei

„Wilhelm Tell“ in Oberammergau als Casting für die nächsten Passionsspiele

Der Rauch aus verkohlten Ruinen zieht immer wieder über die Bühne. Da ist nicht mehr zu erkennen, ob habsburgische Soldateska Schweizer Hütten oder Bomben die Altstadt von Aleppo vernichtet haben. Aber so etwas war bei Wilhelm Tell im Passionstheater Oberammergau ja zu erwarten, wenn Christian Stückl inszeniert. Er lässt die Tyrannei von damals in einem Überall von heute spielen, die mittelalterlichen Schweizer Kantone werden zu Syrien oder dem Gazastreifen, Uniformen gibt es auf beiden Seiten.
Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters und der Oberammergauer Passionsspiele, hat sich auch vor Schillers Frage nach der Rechtfertigung des Tyrannenmords nicht gedrückt, vor der Schlussszene mit dem Kaisermörder Johannes Parricida, der aus eitlen persönlich-politischen Motiven mordet – im Gegensatz zu Tell. Der hat den Pfeil aus der „gerechten Notwehr des Vaters“ gegen den Landvogt gelenkt: „Ich habe mein Teuerstes verteidigt.“

Verlorene Heimeligkeit

Das bringt auch ein Laiendarsteller wie Rochus Rückel mit seinen 22 Jahren glaubhaft über die Rampe: Wann ist Mord gerechtfertigt? Eine Frage höchster Aktualität zu Schillers Zeiten (Hinrichtung Ludwigs XVI., Napoleons Kriegsfurie durch ganz Europa), heute mit Attentaten in der Disko, auf der Straße.
Es gibt in diesem Wilhelm Tell keinen Rest von trauter Schweizer Heimeligkeit mehr, daran lässt auch die klagende Musik von Markus Zwink hinter der Einheitsbühne von Stefan Hageneier keinen Zweifel.
Der Landesherr hat gewütet, seine schwarze Totenkopf-SS ist über die Bühne getrampelt. Da lässt Stückl nicht mehr viel reden und diskutieren, sondern fokussiert auf die großen plakativen Szenen, die jeder kennt: Rütli-Schwur oder Apfelschuss.
Was auch damit zu tun hat, dass es 2020 mit den Passionsspielen wieder ernst wird und schon jetzt geprobt wird: Die Bärte wachsen, und ganz Oberammergau bewegt die Frage: Wer spielt die großen Rollen? Rückel gehört sicher zur engen Auswahl oder einer aus den Wilhelm Tell-Familien, die Stückl oder Stoiber heißen. So sagt das der vergnügt-optimistische Stückl auch bei der Begrüßung des Premierenpublikums: Junge Leute will er jetzt noch ausprobieren, dann im Oktober das „Passionspersonal“ vorstellen – Schillers Klassiker jetzt also als Casting.

Prügelnde Horden

Die Zitatendichte hat Stückl ziemlich rigoros ausgedünnt. Düster schlagen die Ammergauer Bauern drein, die Frauen haben gerade noch einen Suppentopf, um die Wäsche drin zu waschen. In ihren grau-braunen Lodenkostümen haben sie alle wenig Möglichkeit zu individuellem Profil. Genauso wie die prügelnden Horden der Staatsmacht, aus deren Reihen sich der Rudenz von Martin Güntner auch sprachlich angenehm emanzipiert.
Als Landvogt Geßler hat man in Oberammergau einen früheren Jesus, jetzt einen psychopathischen Sadisten (Andreas Richter) mit blonder Habsburg-Frisur, der sich attraktiv zu Tode röchelt. Da wird der Rütli-Schwur mehr als verständlich.
Am Ende sind die Schwyzer siegreich vereint in einem martialischen „Wir reißen nieder“ – die Zerstörung hat kein Ende. Der Retter und Beschützer Tell jedenfalls fühlt sich ziemlich unwohl in seiner Haut. (Uwe Mitsching)

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