Leben in Bayern

Am alten Zeughaus, in dem die Designfakultät der Hochschule München untergebracht ist, hängen gerade zwei Flaggen mit Fotos des Künstlers Francesco Giordano. Dabei handelt es sich um eine neue Kunstaktion mit dem Titel Flaggenzeug. (Foto: Hochschule München)

29.11.2025

Flaggen als Kunstaktion: Dem Thema die Schwere nehmen

An der Designfakultät der Hochschule München soll eine neue Kunstaktion auch den deutschen Umgang mit der Flagge normalisieren

Wer in jüngster Zeit durch die Lothstraße im Münchner Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg gegangen oder gefahren ist, dem dürften sofort die zwei riesigen Flaggen aufgefallen sein, die an der Fassade des ehemaligen Zeughauses hängen. Darauf abgebildet sind eine ältere Frau und ein junger, schwarzer Mann. Es handelt sich um ein neues Format der Fakultät für Design der Hochschule München, die seit 2019 in dem Backsteingebäude beheimatet ist. Woanders künden Flaggen eine Ausstellung an, hier sind die Flaggen die Ausstellung.

Flaggenzeug nennt sie sich – was erst mal sehr salopp klingt, aber damit hilft, dem Thema die Schwere zu nehmen. Als Erstes denkt man ja beim Begriff Flagge an Nationalflaggen – und da verkrampft man in Deutschland wegen der eigenen Historie schnell. „Schade“ findet das Designprofessor Markus Frenzl. „Andere Länder gehen spielerischer, lustiger und unbefangener damit um. Bei uns ist es nur während einer WM oder EM okay, Flagge zu zeigen.“

Raus aus dem problematischen Kontext

Jenseits von sportlichen Großereignissen sei ein Bekenntnis zur Nationalflagge eher verpönt. So überlasse man vor allem den Rechtsextremen das Feld, die kein Problem damit haben, bei ihren Aufmärschen Schwarz-Rot-Gold – freilich auch andere Farben – zu tragen. Dabei solle die Nationalflagge doch identitätsstiftend für die gesamte Gesellschaft sein, findet Frenzl. Ein Ziel des neuen Formats sieht er darin, die Flagge aus ihrem problematischen Kontext herauszuholen.

Der Ort bietet gute Voraussetzungen für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Zeughaus war früher ein Militärgebäude. Und die zwei langen Fahnenmasten links und rechts vom Eingang sind dort schon lange befestigt. Sicher zeigten sie schon etliche Symbole der Macht – die Flaggen ja auch meist sind. „Vermutlich hingen hier in der NS-Zeit auch Flaggen mit Hakenkreuzen“, sagt Frenzl. Nur habe sich das bislang nicht verifizieren lassen. Auch nach langer Suche in den Archiven hätten sie keine Fotos vom Zeughaus aus dieser Zeit gefunden.

Seit dem Einzug der Hochschulfakultät waren die Masten meistens leer, ab und zu wurde nur auf eine Veranstaltung hingewiesen. Nun sollen sie zweimal im Jahr, jeweils acht Wochen lang, zu Exponaten werden.

Zum Auftakt von Flaggenzeug sind zwei Bilder des in München lebenden Fotografen Francesco Giordano zu sehen, kuratiert von Frenzl und Tina Barankay. Giordano, ein Alumnus der Fakultät, befasst sich in seinen Werken mit Geschlechtsidentität und Migration. Das eine Bild zeigt die Transfrau Brini Olsen, das andere den geflüchteten queeren Edward Mutebi. Sie auf jeweils sechseinhalb Meter großen Flaggen abzubilden, verschafft ihnen natürlich eine große Sichtbarkeit – eine Ermächtigung. „Die beiden Porträtierten waren begeistert“, sagt Frenzl. 

Bis kurz vor Weihnachten sollen die Porträts hängen. Die nächsten Flaggen der Reihe folgen am 24. März 2026. Zu sehen sein werden dann Textilarbeiten der in München lebenden türkischen Modedesignerin Ayzit Bostan. Der weite Begriff Flaggenzeug gewährt auch größtmögliche Freiheit bei der Auswahl der Themen.

Größtmögliche Freiheit bei der Themenauswahl

Man darf gespannt sein, was noch alles kommt. Es sei für ihn und seine Kollegin faszinierend, immer weiter in die Welt der Vexillologie, die Flaggenkunde, einzutauchen, sagt Frenzl. Gelernt habe er etwa, dass es für die Verwendung hoheitlicher Flaggen, etwa die Bundesdienstflagge mit dem Adler-Wappen, strenge Vorgaben gebe. Die dürfte nur von Bundesbehörden genutzt werden. Bei nicht hoheitlichen Flaggen gebe es dagegen keine Einschränkungen.

Und welche Flagge sagt ihm als Designer am meisten zu? „Unglaublich schön ist die japanische Flagge: maximal reduziert, aber auch sehr symbolhaft“, sagt Frenzl. „Ich finde aber auch die Bayernflagge sehr charmant. Die ist identitätsstiftend und prägnant.“ (Thorsten Stark)
 

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