Wirtschaft

Große Dynamik herrscht im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe. (Foto: Bilderbox)

01.08.2016

Harsche Kritik an "Blauer Plakette"

Das Handwerk in Bayern ist weiter auf Wachstumskurs

Die bayerische Handwerkskonjunktur hat im 2. Quartal weiter Fahrt aufgenommen, erklärte Franz Xaver Peteranderl, Vizepräsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Die gute Stimmung der Verbraucher, die maßgeblich von der stabilen Arbeitsmarktsituation und steigenden Löhnen getragen werde, halte an und sorge auch bei den Betrieben für gute Laune. 92 Prozent der Handwerksbetriebe im Freistaat rechnen auch im 3. Quartal 2016 mit einer guten oder mindestens befriedigenden Geschäftsentwicklung, das sind laut Peteranderl zwei Prozent mehr als gegenüber dem Vorjahr.

Im 2. Quartal 2016 waren 90 Prozent der bayerischen Handwerksbetriebe mit ihrer aktuellen Geschäftslage zufrieden. Im Vergleich zum Vorjahr blieb der Wert unverändert. Die ohnehin schon hohe Betriebsauslastung stieg binnen Jahresfrist um einen Punkt auf 81 Prozent an, erklärte Peteranderl vor der Presse. Auch die Auftragsbestände konnten im Berichtszeitraum um 0,4 auf 8,1 Wochen zulegen. Nach einer ersten Schätzung setzten die Handwerksbetriebe in Bayern im 2. Quartal 2016 etwa 26,3 Milliarden Euro um. Dies entspricht einem nominalen Anstieg von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (real: + 1,8 Prozent).

Zum Ende des 1. Halbjahrs waren in den bayerischen Handwerksbetrieben 919 700 Personen tätig. Binnen Jahresfrist wuchs die Beschäftigung damit um ein Prozent, so Peteranderl. Die Investitionsneigung der bayerischen Handwerksbetriebe blieb im Vergleich zum Vorjahr im 2. Quartal 2016 unverändert: 31 Prozent der Betriebe investierten geschätzte 805 Millionen Euro in neue Fahrzeuge, Maschinen oder Gebäude. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das ein Plus von drei Prozent. Die Zahl der Handwerksbetriebe im Freistaat sank im 2. Quartal 2016 um 0,3 Prozent auf 201 000.

Verzicht auf kostentreibende Auflagen


Der Kammer-Vizepräsident geht davon aus, dass trotz der Brexit-Unsicherheit und der Türkei-Krise die starke Binnenkonjunktur in Verbindung mit steigenden staatlichen Ausgaben das Handwerk durch das gesamte Jahr tragen dürfte. Erwartet werde ein nominales Umsatzwachstum von mindestens 2,5 Prozent. Der reale Zuwachs dürfte bei einem Prozent liegen. Bei der Beschäftigung wird mit einem Plus von 0,8 Prozent gerechnet, die Investitionen dürften um drei Prozent zulegen.
In puncto Erbschaftssteuerreform zeigte sich das Handwerk sehr überrascht und auch enttäuscht, dass der Gesetzesvorschlag vom Bundesrat an den Vermittlungsausschuss verwiesen wurde, nachdem es zwischenzeitlich so aussah, als ob das Problem gerade noch termingenau gelöst worden wäre. „Eigentlich müssten gerade diejenigen, die das Vermittlungsverfahren angestrengt haben, an einer Lösung interessiert sein, die es kleinen und mittleren Be-trieben erlaubt, im Zuge der Übergabe Arbeits- und Ausbildungsplätze zu erhalten“, sagte Peteranderl.

Was dem Handwerk auch zu schaffen machen wird, ist nach Peteranderls Ansicht das offensichtliche Aus für die geplanten Steueranreize zur Ankurbelung des Miet-wohnungsneubaus in Gebieten mit angespannter Wohnungslage. Allein in Bayern werden aktuell rund 90 000 Wohnungen jährlich benötigt und zwar überwiegend im unteren und mittleren Preissegment. Gebaut werden in diesem Jahr voraussichtlich gerade aber mal nur 60 000 Wohnungen und diese vorwiegend im oberen Preissegment, erklärte der Kammer-Vizepräsident.

Damit mehr bezahlbarer Wohnraum entsteht, müssten seiner Meinung nach Berlin und die Kommunen auf immer neue kostentreibende Regulierungen und Auflagen verzichten. Wie der Landesverband bayerischer Bauinnungen errechnet habe, resultiere mehr als die Hälfte des Kostenanstieges der Baupreise von 2000 bis 2014 aus geänderten steuerlichen und baurechtlichen Regelungen von Bund und Ländern, immer umfassenderen kommunalen Auflagen sowie aus der Entwicklung der Baulandpreise. „Vor diesem Hintergrund ist der Pakt der Bayerischen Staatsregierung für bezahlbares Wohnen ein richtiger Schritt.“

Wohnungsneubau und Sanierungen würden auch unter der deutschen Umsetzung der EU-Wohnimmobilienkreditrichtlinie leiden. Daher habe das Handwerk zusammen mit den IHKs und den Bankenverbänden in Bayern in einem gemeinsamen Positionspapier eine zügige Korrektur dieser Umsetzungsrichtlinie gefordert. Der Bayerische Landtag habe einem Dringlichkeitsantrag der CSU-Fraktion zugestimmt, der fordert, dass sich die Staatsregierung auf Bundesebene für eine Korrektur einsetzt, erklärte Peteranderl.

Große Sorgen bereitet dem Münchner und oberbayerischen Handwerk die im Raum stehende Einführung einer sogenannten Blauen Plakette. Damit soll mittelfristig neben gering emittierenden Benzin-, Elektro- und Hybridfahrzeugen nur noch Dieselfahrzeugen mit geringen Emissionen die Einfahrt in belastete Gebiete – dazu gehört auch München – erlaubt werden. „Das ist starker Tobak für unsere Betriebe. Eine blaue Plakette würde laut ADAC rund 13 Millionen Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten aussperren – etwa 90 Prozent des Bestands. Nicht auf dem Schirm scheinen Umweltverbände und Politik zu haben, dass dem Handwerk nach wie vor keine praxistauglichen Fahrzeuge mit alternativen Antrieben als Benzin oder Diesel zur Verfügung stehen, die die Kriterien eines Handwerkerfahrzeugs in der Gewichtsklasse zwischen 3,5 und 7,5 Tonnen erfüllen“, kritisierte der Vizepräsident.

Eine Sonderumfrage der Handwerkskammer belegt die Brisanz des Themas: Dieselfahrzeuge spielen für 79 Prozent der Handwerker eine zentrale Rolle im betrieblichen Alltag. Entweder fahren sie selbst damit oder ihre Kunden beziehungsweise Lieferanten sind zwingend darauf angewiesen. Im Bauhaupt- und im Ausbaugewerbe erreicht diese Quote sogar 90 Prozent und mehr. München kommt bei der Leistungserbringung der oberbayerischen Handwerksbetriebe eine besondere Bedeutung zu – daher träfe eine Verschärfung der Einfahrverbote drei von vier oberbayerischen Betrieben unmittelbar, weil sie in die Münchner Umweltzone Waren/Dienstleistungen liefern beziehungsweise von dort beziehen.

Viele sehen sich in
ihrer Existenz bedroht

Daher überrascht es auch nicht, dass sich 31 Prozent der oberbayerischen Handwerksbetriebe bei der Einführung eines sofortigen Diesel-Einfahrverbots in die Münchner Umweltzone in ihrer Existenz bedroht sehen. Weitere 31 Prozent müssten zumindest deutliche Umsatzeinbußen verkraften. Besonders dramatisch stellt sich die Situation für Münchner Handwerker dar: In der Landeshauptstadt stünde laut Peteranderl jeder zweite Betrieb vor dem Aus.

Nach Übergangsfristen vor der Einführung eines Diesel-Einfahrverbots befragt, gaben zwei von drei Betrieben an, eine Modernisierung ihres Fuhrparks sei innerhalb von zwei Jahren nicht finanzierbar. Ein Drittel der Betriebe glaubt nicht daran, so der Vizepräsident, dass die Industrie überhaupt so schnell saubere Fahrzeuge oder Nachrüstungen zur Verfügung stellen kann.
Gerade für mittlere Unternehmen mit fünf bis neun tätigen Personen werde die schnelle Umstellung zum Problem, denn in dieser Größenklasse sei die Fuhrparkmodernisierung für 80 Prozent nicht finanzierbar. „Bis zur Schaffung annehmbarer Alternativlösungen sind weitreichende Ausnahmeregelungen für unsere Betriebe erforderlich, um auch weiterhin innerstädtisches Leben zu ermöglichen“, forderte Peteranderl. (Friedrich H. Hettler)

(Franz Xaver Peteranderl, Vizepräsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern - Foto: HWK München)

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