Wirtschaft

Knautschen statt aufspießen, sonst gibt's keine Bestnote mehr beim Euro-Crashtest. (Foto: dpa/Guido Kirchner)

02.04.2019

Mehr Schutz für den Unfallgegner

Neuer Crashtest kommt

Die Sicherheitsexperten der europäischen Autoclubs müssen dieses Jahr weit mehr Autos zu Schrott fahren als gewöhnlich. Denn nächstes Jahr gibt es nicht nur eine neue Dummy-Puppe und strengere Maßstäbe für Gurte und Airbags, sondern auch einen neuen europäischen Crashtest. Da wollen sich einige Autohersteller lieber noch Bestnoten nach dem alten Testverfahren sichern.

"Wir sehen in der Unfallforschung, dass die Fahrzeuge mit Blick auf die Testverfahren optimiert wurden", sagt Reinhard Kolke, Leiter des ADAC-Technikzentrums, am Dienstag bei einer Expertentagung in München. Wer die Insassen des eigenen Autos und Fußgänger optimal schützt und den Fahrer mit Assistenzsystemen unterstützt, bekommt fünf Sterne. Doch ab 2020 wird auch benotet, was ein Auto beim Unfallgegner anrichtet. Und das kann für manchen Hersteller richtig teuer werden.

"Wenn sich der Längsträger durchbohrt bis zum Sitz des anderen Autos, kann sich das jeder vorstellen", sagt Volker Sandner, Leiter der Crashtests beim ADAC. Der große Audi-SUV Q7 gegen einen Fiat 500, Peugeot 308 gegen Ford Fiesta, VW Golf gegen Smart - immer wieder fanden die im europäischen Testkonsortium NCAP zusammengeschlossenen Autoclubs und Behörden nicht kompatible Knautschzonen, und sie stellten fest: "Partnerschutz leistet auch einen großen Beitrag zu mehr Eigenschutz."

Thema ist auf dem Tisch


Honda habe das Thema Kompatibilität früh aufgegriffen, andere hätten es aus Kostengründen wieder in die Schublade gelegt, der VW-Konzern habe Nachholbedarf, sagt Sandner. "Aber jetzt ist das Thema auf dem Tisch." Wer sich beim Frontalcrash mit einem normierten Kompaktklasse-Fahrzeug nicht partnerschaftlich verhält, bekommt ab 2020 Punkte abgezogen beim NCAP-Test. "Vor allem kleinere Fahrzeuge mit steifer Frontstruktur werden Punkte verlieren", erwartet Sandner.

Da ziehen einige Autobauer den 2019 noch geltenden Test vor. Im Durchschnitt testen die NCAP-Mitglieder 40 Fahrzeuge im Jahr. "Dieses Jahr werden es etwa 60 sein", sagt Sandner.

Allerdings setzen nicht alle Hersteller gleichermaßen auf Sicherheit als Marketinginstrument. So hat der Fiat Panda beim NCAP-Test 2018 null Sterne bekommen, der neue Jeep Wrangler aus demselben Konzern nur einen Stern. Beim Kauf eines Neuwagens ganz oben stehen Zuverlässigkeit, Aussehen und Preis, erst an vierter Stelle folgt Sicherheit, heißt es beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

"Sicherheit ist für sich kein Kaufargument", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach. "Aber wenn ein Auto als unsicher gilt, ist das ein Kaufhindernis. Das hat man bei chinesischen Herstellern gesehen."

Wieder mehr Unfallopfer


Dabei ist die Zahl der Unfallopfer im vergangenen Jahr wieder gestiegen - 3265 wurden getötet, fast 68.000 schwer verletzt. Das verursacht nicht nur unermessliches Leid, sondern auch enorme volkswirtschaftliche Kosten: Die Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach, die ebenfalls NCAP-Tests durchführt, beziffert die finanziellen Folgen der Todesfälle und Verletzungen auf 13 Milliarden, die Sachschäden auf 21 Milliarden Euro jährlich.

Versicherungen geben keinen Extra-Rabatt für Autos mit NCAP-Bestnoten. Ihr Gesamtverband GDV teilt die 29 000 Automodelle auf deutschen Straßen je nach Schadenhäufigkeit und Schadenhöhe in Typklassen ein, und danach berechnet jeder Versicherer seine Beiträge.

Mit dem zusätzlichen Crashtest und dem neuen Dummy namens "Thor" ist der NCAP-Test nach Einschätzung des ADAC ab 2020 einen großen Schritt weiter. Bei Frontalzusammenstößen seien heute schwere Brustkorb- und Bauchverletzungen typisch, sagt Sandner. "Thor" sei flexibler und mit viel mehr Messpunkten "gefühlsechter" als der heutige Dummy. Er zeige, was passiert, wenn sich der Körper beim Aufprall seitlich verdreht oder der Bauch unter dem Beckengurt durchrutscht. Beim Gurt, beim Airbag, "die Hersteller reagieren schon, da werden Verbesserungen schneller kommen", sagt der Testleiter. "Wie schnell das bei den Rohbau-Strukturen geht - da bin ich noch gespannt."

Zumal die Autobauer weltweit mit sinkenden Verkaufszahlen kämpfen und viel Geld in die Elektromobilität investieren müssen. Und ab 2022 fordert die EU auch den obligatorischen Einbau vieler Assistenzsysteme, um das Fahren sicherer zu machen.
(Roland Losch, dpa)

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