Bauen

Sanierungsarbeiten an den meterdicken Mauern. (Foto: Bergmann)

21.12.2012

Bedeutendes Baumonument

Instandsetzung der Renaissancefestung Wülzburg über Weißenburg

Die einschüchternd imposante Wülzburg über Weißenburg genießt noch nicht annähernd die Aufmerksamkeit, die ihrer architekturhistorischen Bedeutung entspräche: Frankens martialisches Pentagon, begonnen 1588 für den Ansbacher Markgrafen Georg Friedrich d. Ä., gehört zu den bedeutendsten Festungsanlagen Europas und zu den ganz wenigen Höhenfestungen der frühen Neuzeit, die als kompletter Neubau entstanden ist. Alle anderen Festungen in Bayern gingen aus mittelalterlichen Burgen hervor, die mit vorgelagerten Bastionen und Wallmauern der modernen Kriegstechnik angepasst wurden.
Die Wülzburg steht in einer Reihe mit den Zitadellen von Jülich (ab 1549) und Spandau (ab 1560); Vorbilder lieferten das Kastell von Turin und die Antwerpener Zitadelle des Italieners Francesco Paciotto. Ähnlich wie Jülich verkörpert die Wülzburg den Typus des „Palazzo in fortezza“: Das Schloss im Innenhof war als uneinnehmbarer Fluchtort des Herrschers konzipiert.
Die Weißenburger versuchten vergeblich, den Bau über ihren Köpfen zu verhindern. Sie sahen darin einen aggressiven Akt. Der Markgraf betonte den rein defensiven Charakter seines Rüstungsprojekts. Die Argumentation klingt vertraut. Obwohl die Festung neueste Theorien der Befestigungskunst umsetzte, erfüllte sie nie ihren eigentlichen Zweck. Den Rüstungswettlauf mit der immer effektiveren Kriegstechnik konnte die schwerfällige Architektur nur verlieren.
Tilly wiederum demütigte gezielt das Paradestück markgräflicher Unbesiegbarkeit, das in Lage und Anspruch deutlich den Geist eines resoluten Absolutismus und den energischen Willen zur repräsentativen Machtdemonstration vor dem Hintergrund einer gewissen Selbstüberschätzung atmet. Im Herbst 1631 erzwingt er kurz und bündig die kampflose Übergabe mit der Drohung, sich sonst an Ansbach schadlos zu halten.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlor die Wülzburg ihre militärische Bedeutung, diente fortan allen möglichen Zwecken, erfuhr dabei bauliche Veränderungen. Schließlich drohte ein Ende als Steinbruch, da kaufte 1882 die Stadt Weißenburg die sperrige Immobilie, wohl nicht ohne eine gewisse Genugtuung. Sie erwarb eine Anlage der Superlative: Umfang ein Kilometer, Grundfläche 73 000 Quadratmeter, Wallmauern bis zu zwanzig Meter hoch, Kasematten mit Raumhöhen bis sechs Metern, der Brunnen 143 Meter tief.
Seit den 1960er Jahren kämpft die Stadt nun um den Erhalt der Anlage, die in der exponierten Höhenlage Witterungseinflüssen in besonderem Maß ausgesetzt ist. Wasser drang in Bastionen und Wallmauern, Wurzelwerk ließ Gewölbe bersten. Unterstützung für das als Denkmal von nationalem Rang eingestufte Projekt erhielt die Stadt vom Freistaat und dem Bezirk Mittelfranken.
Als vor einigen Jahren die Zuschüsse gestrichen wurden, spitzte sich die Situation dramatisch zu. Die Stadt konnte pro Jahr nicht mehr als 350 000 Euro aufbringen und erwog 2006 als letzten Ausweg sogar den kontrollierten Einsturz. Daraufhin kam doch noch ein Fünfjahresprogramm über 4,38 Millionen Euro zustande, mit Mitteln des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, der Bayerischen Landesstiftung und dem Bezirk Mittelfranken. In diesem Herbst wurde die Kampagne abgeschlossen.
Nachdem man sich über Jahre allein auf die Notsicherungen und Rekonstruktionen der Bastionen und Kurtinen konzentrieren musste, ist man nun in der Lage, Einstürzen zuvorzukommen. Der Bestand der Wülzburg ist gesichert, so er weiter gepflegt wird.
Die Stadt ließ den „Gedeckten Weg“ sanieren, der außerhalb des Grabens um die Festung führt. Dazu wurden die eingestürzten Trockensteinmauern wieder hergestellt und Bäume auf dem Glacis gefällt. Der Spazierweg bietet nun ein großartiges Panorama; außerdem ist die Bergfestung wieder als monumentale Stadtkrone sichtbar.
Auch bei der Sanierung der Wülzburg zeigte sich erneut, dass nicht der Ursprungsbau die Probleme verursacht, sondern spätere Eingriffe. Insbesondere die Veränderungen und Reparaturen des 19. Jahrhunderts setzten dem Bestand schwer zu. Deshalb wurde das ursprüngliche Entwässerungssystem so weit als möglich instand gesetzt; die Kavalierplattformen erhielten wasserführende Auflagen. Deckplatten wurden ersetzt, ausgewaschene Mauerfugen geschlossen, Hohlräume mit Mörtel verfüllt, vom Frost zerstörte Jurakalksteine der Außenschalen ersetzt und ausgebauchte Partien mit Gewindestangen aus Edelstahl bis in den festen Kern der meterdicken Mauern zurückgeankert, Gewölbe stabilisiert, der Bewuchs von Bastionen, Kurtinen und aus Mauerritzen entfernt.
Im Innenhof wurde ein Flügel des Schlosses neu eingedeckt, der hässliche Sendemast der Deutschen Bahn abgebaut und ein attraktives Besucherzentrum eröffnet. Erst im Vergleich mit alten Fotos kann man den gewaltigen Fortschritt bei dieser Instandsetzung ermessen. Noch in den 1980er Jahren suchte man Einstürzen mit großflächigem Einsatz von Spritzbeton zu begegnen; die Festung machte insgesamt einen ruinösen Eindruck.
Nun hat Bayern ein bedeutendes Geschichtsmonument zurückgewonnen und obendrein ein weiteres attraktives Ausflugsziel erhalten. Kommt es nicht zu unvorhergesehenen Schadensereignissen, lässt sich die Wülzburg zukünftig mit einem jährlichen Aufwand von 500 000 Euro erhalten. Zum Vergleich: ein Kilometer der umstrittenen Autobahn A 84 durch das Isental wird mit 12,5 Millionen Euro kalkuliert. (Rudolf Maria Bergmann)

(Das neue Besucherzentrum und das Portal der Wülzburg - Fotos: Bergmann)

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