Bauen

Überschwemmungen auf allen Kontinenten im letzten Jahr brachten Extremergebnisse. (Foto: Bilderbox)

07.07.2017

Klima, Katastrophen, Kriminalität

Fachdiskussion über ein effektives Risikomanagement für eine urbane Sicherheit

Urbane Sicherheit – Leben und Bauen in riskanten Zeiten“ stand als topaktuelles Thema auf der Agenda der zweitägigen Konferenz in der Akademie für Politische Bildung Tutzing. In Zusammenarbeit mit der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und dem Forschungszentrum RISK der Universität der Bundeswehr in Neubiberg erörterten Fachleute diese facettenreiche Thematik. Denn die unterschiedlichen Risiken in einer komplexen Welt in den Griff zu bekommen, setzt umfangreiche Analysen in technischer, sozialer und politischer Hinsicht voraus. Um diese Problematiken zu veranschaulichen, wurden insbesondere urbane Räume in den Vordergrund gestellt, die in unser aller Focus stehen und deren Riskotendenzen deutlich ablesbar sind.

Der Mediziner und Autor Klaus Heilmann stellte den Begriff Risiko in den Mittelpunkt seines Vortrags. „Risiko ist eine variable Größe, während die Gefahr stets gleich bleibt“, behauptete er. „Ein Löwe ist immer gefährlich, doch das Risiko wächst für uns je näher wir uns ihm nähern.“ Doch die Einstellung der Menschen zum Risiko sei vom Empfinden geprägt. Sicherheit, so meint Heilmann, sei der Weg zwischen den Risiken hindurch. „Wähnen wir uns jedoch in Sicherheit, so gerät man leicht in Gefahr.“ Wichtig für die interne Sicherheit, so Heilmann, sei das Abwägen der Ängste. Weder eine Überhöhung, noch Bagatellisierung würden hier zum Ziel führen. Umso notwendiger sei der Einsatz von Geld für die Sicherheit. Die Politik müsse dabei als Seismograph der Lebenswirklichkeit fungieren.
Peter Höppe, Meteorologe und Biologe, tätig in der GeoRisikoforschung der Münchner Rückversicherung, konnte aufgrund seiner eingehenden Erfahrungen im globalen Bereich Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Natur fundiert benennen, welchen Entwicklungsverlauf er nahm und welche Szenarien und Risiken möglich sind. „Die kontinentale Temperaturveränderung ist nur durch den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt zu erklären“, konstatierte der Wissenschaftler und nannte dafür globale Beweise für die Richtigkeit dieser Behauptung. Da sei zum einen die Zunahme von Wasserdampf in der Atmosphäre, zum anderen der Verlust der arktischen Meereseisbedeckung und demzufolge der Anstieg des Meeresspiegels, der bis auf 80 Meter ansteigen kann. Dennoch sind Wasserknappheit wie auch Überschwemmungen realistisch.

Hochhäuser wie Blitzmagneten

„Anhand von 37 000 Datenbanken für Schäden weltweit können wir die Schadensergebnisse ablesen und überblicken“, so Höppe. Das Jahr 2003 mit seiner enormen Hitzewelle zum Beispiel ließ die Todesfälle um das zehnfache ansteigen. Verheerende Gewitter, Stürme, Tornados, Hagelschlag und Überschwemmungen auf allen Kontinenten im letzten Jahr brachten Extremergebnisse.
Bezogen auf den urbanen Raum nannte der Meteorologe die klimarelevanten Eigenschaften wie den hohen Energieverbrauch, die Luftverschmutzung, die großen, versiegelten Oberflächen und höhere LuLufttemperaturen durch den „Wärmeinsel-Effekt“. Zudem erhöhen Städte das Risiko bei Gewitter, da Hochhäuser wie „Blitzmagneten“ wirken.

„Was kann in den Städten verbessert werden, um sich dem Klimawandel anzupassen“, so Höppes rhetorische Frage. Er rät unter anderem, vermehrt die städtischen Dächer für Photovoltaikanlagen und Windenergie zu nutzen, umweltfreundlichen, öffentlichen Personennahverkehr auszubauen und mehr Grün anzupflanzen, denn das reduziert die Erwärmung. Um Hochwasser effektiv abzuleiten, ist es seiner Ansicht nach nötig, das städtische Entwässerungssystem auszubauen und den Hochwasserschutz zu verstärken. Für ebenso wichtig hält er eine Elementarschadenversicherung, die vor den schlimmsten Folgen bewahren kann. Die Klimaveränderung und ihre Auswirkungen auf Natur und Mensch sind für Höppe eine Form der Bedrohung, die es zu verringern gilt. Ebenso notwendig sei es, Sicherheit zu schaffen gegen Anschläge im urbanen Umfeld.

Gebäude sollen nicht
wie Festungen aussehen


Ganz praktische Lösungen zu diesem Thema erläuterte Norbert Gebbeken, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und Sprecher des Forschungszentrums RISK (Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt). Um urbane Räume gegen Anschläge zu schützen, bedarf es des Einsatzes von Fachleuten, die gut vorbereitet sind, mit den Ernstfällen umzugehen wissen und zugleich Gegenmaßnahmen ergreifen können. Gebbeken, auf diesem Gebiet erfolgreich, demonstrierte, wie man beispielsweise die Kraft einer Detonation vermindern oder Beton mithilfe von Stahlnetzen sichern kann. „Gebäude sollen gegen Bombenanschläge gesichert sein und dennoch nicht wie Festungen aussehen. Getarnt hinter Hecken und Buschwerk sind effektive Sicherheitsmaßnahmen gar nicht zu erkennen“, so Gebbeken.

Auch der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä legte Fakten aus seinem Einsatzgebiet auf den Tisch, die die offizielle Lage und das Gefühl der Bürger betreffen. „Obwohl München weltweit auf dem vierten Platz der lebenswertesten Städte rangiert, wird durch die Veröffentlichungen mancher Medien Verängstigung geschaffen“, so Andrä. Anhand von Beispielen beanstandete er die schnelle Onlinetechnik, wodurch schlecht recherchierte Schlagwörter die Klicks erhöhen und damit Geld bringen.
In diesem Punkt stand ihm auch Christian Schicha, Medienprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg bei.

„Be first, but first be shure“, lautet sein Motto. „Fake news kommen eben besonders gut an, wenn sie laut und skuril sind. Produktionsfirmen machen oftmals die Sendungen und werben nur mit der Quote. Dabei sind Skandalisierung, Trivialisierung und Banalisierung der Themen nicht ausgeschlossen.“ Ansonsten zog der Polizeipräsident ein eher positives Resümee.

Ehemalige Problemviertel wie das Hasenbergl, Neuperlach oder das Bahnhofsviertel seien besser als ihr Ruf. Grund dafür sei eine veränderte Wohnstruktur, wodurch sich Mischstrukturen gebildet hätten, die keine Kriminalitätsschwerpunkte bildeten. „Denn Ghettos und Parallelgesellschaften sind in jedem Fall zu vermeiden.“ Dazu gehört, dass die Wohngebäude nicht verfallen und die Integration gelingen sollte. In Kooperation sei es der Bundes- und Landespolizei gelungen, das südliche Bahnhofsviertel nicht zum rechtsfreien Raum werden zu lassen. Videoüberwachung diene der Prävention, ein nächtliches Alkoholverbot und „höchste Reinigungsstufe“ sorgten dafür, dass der Münchner Hauptbahnhof nicht zum kriminellen Brennpunkt wird.

Prävention bedeutet auch für Andrä, in enger Kommunikation mit den Bürgern zu bleiben. „Auch mit Kindern und Jugendlichen unternehmen wir Begegnungsfahrten in der Freizeit und wollen so ein positives Bild der Polizei vermitteln und Vertrauen aufbauen.“
Gebbeken, der sich in erster Linie mit der Sicherheit von Konsulaten und Gebäuden beschäftigt, setzt auf die Zusammenarbeit der interdisziplinären Systeme. Und aus Erfahrung weiß er: „Man muss den Ernstfall denken, in der Hoffnung, dass er nie eintritt.“ (Eva-Maria Mayring)

(Ein heftiger Sturm zieht auf und die Folgen einer Naturkatastrophe - Fotos: Bilderbox/Werner Weigl)

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