Bauen

Die erneuerte Hauptstraße von Altheim (Kreis Neustadt an der Aisch) aus dem Jahr 1970. (Foto: Ausstellung)

21.09.2012

Weg mit dem alten Glump

Das Fränkische Freilandmuseum in Bad Windsheim dokumentiert das ländliche Bauen der 1960er und 1970er Jahre

Die Generation der heute Sechzigjährigen wuchs auf dem Land noch in eine Welt hinein, von der sich unsere Kinder keine Vorstellung mehr machen. Blumenwiesen von überquellender Vielfalt, raunende Alleen, im Dorf neben dem Bach die Straße ohne Asphalt, der Spielplatz aller Dorfkinder, das Revier streunender Hunde, der Auslauf für das Federvieh. Abgesehen von Elektrizität, Telefon und Kraftfahrzeugen, eine seit Jahrhunderten währende Lebenswelt.
In den sechziger Jahren verändert eine maßlose Wachstumseuphorie auch den ländlichen Raum grundlegend. Die Landwirtschaft wird zur Agrarindustrie, die gewachsene Kulturlandschaft durch eine brachiale Flurbereinigung zur Kfz-gerechten Massenproduktionsfläche. Milchseen und Butterberge sind ihre Merkmale. Das neue Zeitalter zerstört binnen weniger Jahre Landschafts- und Siedlungsbilder, ländliche Bauweisen und Bauformen. Wie radikal sich dabei öffentliches und privates Bauen wandeln, zeigt das Fränkische Freilandmuseum Bad Winds-heim in der faktenreichen Ausstellung „Umbruchzeit. Die 1960er und 1970er Jahre auf dem Land“.
Fotografien aus Dörfern, aufgenommen jeweils in den dreißiger und sechziger Jahren vom selben Standpunkt, dokumentieren die erste Abrisswelle: Ganze Straßenzüge sind nicht wiederzuerkennen. Zweistöckige Schuhschachteln mit Balkonen über zwei von drei Fensterachsen schießen in ganz Bayern wie Pilze aus dem Boden. Die neuen Wohnträume kommen als Massenware aus dem Katalog. Der erste Baumarkt eröffnet 1960.

Sehnsucht nach dem Neuen


Wer den Altbau nicht abreißt, mauert wenigstens den steilen Ortgang zum Obergeschoss auf mit dem typischen flach geneigten Satteldach und baut eine Garage an. Unverzichtbar ist ein Balkon, obwohl man ihn nie benutzt. Ausgarniert wird mit gefliester Sockelzone, Bodenplatten aus Waschbeton, Treppenstufen aus Kunststein, Glasbausteinwand, Aluhaustür und Panoramafenstern, hinter denen man sich mit schweren Vorhängen und Plastikblumentöpfen verschanzt. Fachwerk verschwindet unter einem asbesthaltigen Schuppenkleid aus grauen Faserzementplatten. Der Bauerngarten weicht Rasen mit pflegeleichtem Einheitsgesträuch. Händler schwatzen den Bauern ihre alten Möbel im Tausch gegen eine windige Resopalküche ab, wie sie in der Ausstellung zu sehen ist.
Aber es formiert sich auch Widerstand: Die Hausbesetzerszene in den Großstädten, Initiativen zur Gründung von Freilichtmuseen auf dem Land. Nach sechs Jahren Planung und Aufbau eröffnete das Fränkische Freilandmuseum in Bad Windsheim 1982. Beim Spaziergang durch die translozierten Häuser versteht man allerdings auch die damalige Sehnsucht nach dem Neuen: Die Bauernhäuser sind bildschön, aber feucht sowie kalt und die Räume niedrig. In der Regel ließ sich nur eine Stube heizen; im Winter überzog Raureif die Bettdecken. Den Stallgeruch bekam man nicht aus dem Haus, auch wenn das Vieh längst verkauft war. Von einem Badezimmer und der Wassertoilette durfte man nur träumen. Professionelle Angebote für eine sensible Altbausanierung hatte die Industrie nicht im Angebot, auch das wird in der Schau deutlich. Und das 1973 verabschiedete bayerische Denkmalschutzgesetz wirkte durch die starre Haltung der Behörde schon damals auf Bauherrn abschreckend.
Die fundierte Ausstellung ist umso wichtiger, als die dokumentierte Zerstörung weiter fortschreitet und mittlerweile Ausmaße angenommen hat, die selbst die schlimmsten Befürchtungen des Kritikers Dieter Wieland von damals weit übertrifft: Monströse Gewerbegebiete vernichten fruchtbares Land, wuchernde Schlafsiedlungen bedrängen verödende Ortskerne, denkmalgeschützte Häuser verfallen neben protzigen Musikantenstadelkulissen, Toskana-Klonen und anderen autistischen Objekten für eine ortlos designte Welt zwischen Flensburg und Garmisch. Eine erschütternd banale Spaß-Architektur, die an die Vergangenheit keine Fragen stellt und keine Antworten für die Zukunft gibt. Zudem erweisen sich die Neubauträume von damals als Sanierungsruinen von heute. Was auch als mühsam ersparte Altersabsicherung gedacht war, ist nur noch schwer verkäuflich. Den Neubausiedlungen von heute wird es morgen nicht anders ergehen. (Rudolf Maria Bergmann)
Die Ausstellung ist noch bis Oktober 2012 zu sehen. Weitere infos unter www.freilandmuseum.de.

(Verkleidung der Fassade eines Bauernhauses mit Faserzementplatten in Nürnberg-Fischbach - Foto: Ausstellung)

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