Kommunales

Die Zahl der Fahrgäste in den Wiener Verkehrsbetrieben steigt. (Foto: BSZ)

21.02.2014

Für einen Euro täglich unbegrenzt Bus und Bahn fahren

Das ÖPNV-Modell von Wien wird auch für bayerische Kommunalpolitiker interessant

In Bayern und besonders in München klagen Einheimische über die ständig steigenden Preise beim Öffentlichen Nahverkehr – in Wien geht die Stadtverwaltung den genau entgegengesetzten Weg. Für nur einen Euro am Tag im Abo kann man in der österreichischen Hauptstadt Busse, U-Bahnen und Tram benutzen – unbegrenzt. Jetzt stellte die 1. Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) das Konzept bayerischen Kommunalpolitikern vor. „Der Individualverkehr und die Umweltbelastung gehen zurück“, lautet die wichtigste Botschaft. Statt früher 350.000 Dauerkartenbesitzer sind heute laut den Wiener Verkehrsbetrieben 550.000 Abonnenten des ÖPNV unterwegs. Und das Konzept rechnet sich. Im Jahr 2011, dem letzten mit den herkömmlichen Preisen, betrugen die Einnahmen der Verkehrsbetriebe 458 Millionen Euro, 2012, nach der Preissenkung, bereits 484 Millionen Euro. Eine ursprünglich geplante Erhöhung des Jahresabos konnte die Kommune sogar wieder absagen, weil die Einnahmen plötzlich sprudelten.
Flankiert wurde die Preissenkung für Abonnenten – das Jahresabo gibt es nun für 365 Euro statt vorher 460 Euro – von einer Erhöhung der Einzelfahrpreise. Außerdem werden Falschparker noch härter verfolgt, die Autoparkgebühren erhöht. Inzwischen ist jeder Zweite der rund 1,5 Millionen Wiener mit einer Jahreskarte unterwegs. Klar ist aber auch: Während die Ortsansässigen von der Regelung profitieren, sind Touristen und beruflich Reisende, für die sich eine Jahreskarte nicht rechnet, die Benachteiligten.
Skeptiker hatten den Zusammenbruch des Finanzierungssystems für den Nahverkehr vorhergesagt. Auch beim Betreiber der öffentlichen Linien, den Stadtwerken, überwog die Skepsis. Zu den ursprünglichen Zweiflern gehörte auch Herbert König, der Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft. In Relation zur Einwohnerzahl investiert die bayerische Landeshauptstadt einen ähnlich hohen Betrag in ihren Öffentlichen Nahverkehr wie Wien – zuletzt 335 Millionen Euro pro Jahr. Doch in München kostet die Vier-Ringe-Jahreskarte bei einmaliger Abbuchung 678 Euro, ist damit knapp doppelt so teuer wie das Wiener Abo. „In Deutschland gibt es aber auch für Erneuerungsinvestitionen in den ÖPNV bislang keinerlei öffentliche Unterstützung. Hier ist die Politik am Zug“, schimpft Herbert König.
Dasselbe Argument führt Nürnbergs Verkehrs-AG-Chef Josef Hasler an. Für den Franken bedeuten „mehr Fahrgäste höhere Investitionen, vor allem im Schülerverkehr. Niedrigere Preise würden klamme Kassen bringen“. Doch eigentlich sind weder Hasler noch König die richtigen Adressaten für Preissenkungs-Forderungen. Die Kommunalpolitiker selbst müssten entscheiden, wie sie die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel ausgeben wollen, bestätigt der Nürnberger SPD-Stadtrat Jürgen Fischer.
Für die Wienerin Maria Vassilakou geht am österreichischen Konzept langfristig kein Weg vorbei: „Die Städte wachsen bis Mitte des Jahrhunderts um 70 Prozent. Die Luft dort wird immer schlechter, der Platz immer weniger.“ Die Wiener denken inzwischen sogar über die eigne Stadt hinaus. 2015 kommt die Mobilitätskarte als Jahreskarte plus für den Großraum Ostösterreich hinzu.
(Heinz Wraneschitz)

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Kommentare (3)

  1. LILA Gute Launebär am 21.02.2014
    Die Idee mit dem 1 € finde ich fantastisch! Die Freien Wähler würden es sofort in Fürth einführen. Leider ist die SPD nicht so begeistert davon.
  2. Na klar! am 24.02.2014
    Mir ist klar, dass sich die Freien Wähler in Fürth für keinen dümmlichen Populismus zu schade sind.
  3. Günter am 24.02.2014
    Das klingt ja alles klasse und bewundernswert, allein mir fehlt der Glaube, dass was Wien vormacht 1:1 in Bayern umsetzbar ist. Ich habe bislang nirgendwo gelesen ob sich die Idee mit deutschem Recht vereinbaren lässt und wie die Idee sich mit dem Vertragswerk der Verkehrsverbünde in Einklang bringen lässt. Welche Ausgaben kommen auf Nürnberg im Rahmen der Ausgleichszahlungen an den VGN, die Verkehrsunternehmen und Gebietskörperschaften zu?

    Zu den benachteiligten Wenigfahrern dürften in Nürnberg auch die ärmeren Mitbürgerinnen und Mitbürger mit "Nürnberg Pass" zählen. Viele von ihnen kaufen laut einem Gutachten nicht die Monatswertmarke mit Ausschlusszeit zu 31 Euro, sondern Einzelfahrscheine. Was wird sich wohl ändern, wenn ein Jahres-Abo zu 31 Euro im Monat auftaucht das diese Einzelfahrscheine überdurchschnittlich verteuert? Ist es sichergestellt, dass es neben der Entlastung der Fahrgäste mit hohem und mittlerem Einkommen, Minijobber, Arbeitslose, Sozialgeldempfänger nicht über Gebühr belastet werden?

    Das größte Hindernis in Nürnberg dürfte wohl die CSU werden, schließlich wurden zur Gegenfinanzierung in Wien die Parkgebühren erhöht.

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