Kommunales

Zu den Opfern der Euthanasie-Morde der Nazis an seelisch Kranken und geistig Behinderten gehörten auch tausende Kinder. (Foto: dpa)

04.03.2016

"Kain und Abel" uraufgeführt

Karrieresucht, Gefühlskälte und gesellschaftliche Angepasstheit

Mehr als 200 000 Patienten, darunter 5000 Kinder, wurden in psychiatrischen Kliniken und Heilanstalten während der NS-Zeit ermordet. Dass deren Schicksale heute erforscht werden, ist vor allem das Verdienst des ehemaligen Direktors des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Michael von Cranach. Er begann am Ende der 1980er Jahre als einer der Ersten in Deutschland dieses unheilvolle Kapitel der Geschichte aufzuarbeiten. Er legte die Grundlage dafür, dass sich mittlerweile auch Romanautoren oder Filmemacher mit ihm beschäftigen.


Darf die Euthanasie aber zum Thema des Musiktheaters werden? Das Projekt Kain und Abel des 53-jährigen Komponisten Hans-Christian Hauser stellt dies nun eindrucksvoll unter Beweis. Auf der Basis von Cranachs Patientenbiographien aus den Heil- und Pflegeanstalten Kaufbeuren und Irsee schuf der in Isny aufgewachsene und heute an der Münchener Musikhochschule lehrende Hauser ein Werk, dessen mit großem Beifall bedachte Uraufführung im Februar 2016 in München stattfand.


Mittelpunkt des Stückes für elf Sänger und Schauspieler sowie acht Instrumentalisten ist das Schicksal von Ernst Lossa, einem von 200 Kindern, die in Irsee getötet wurden. Lossa, der in mehreren Heimen angeeckt war, galt als „unerziehbar“. Er wurde, obwohl nicht psychisch krank, in die Kaufbeurer Klinik eingewiesen. 1944 ermordete den 14-jährigen die Krankenschwester Pauline Kneissler auf Betreiben des Klinikdirektors Valentin Faltlhauser mit einer Giftspritze. Sein Leben galt ihnen als „unwert“.

 

Karrieresucht, Gefühlskälte und gesellschaftliche Angepasstheit


Hauser verknüpft in seinem Werk Lossas Schicksal mit dem von Berta Weill, einer jüdischen, 1940 ermordet Patientin, mit dem einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, die mit Elektroschocks und Beruhigungsmitteln zu Tode gebracht wurde und mit dem von Kindern, deren Tod die Ärzte Faltlhauser und Hensel durch gewissenlose Experimente mit einem Impfserum billigend in Kauf genommen hatten. Hauser stand dabei vor der Frage, wie er Opfer und Täter musikalisch charakterisieren könne. „Bei Berta Weill sind es, entsprechend ihrer Persönlichkeit, impulsive Melodien, bei Lossa, der Pinocchio gleicht, ist die Musik leicht und mit Anklängen an Vivaldi in ständiger Bewegung, bei der Ukrainerin gibt es zarte Linien und bei den Elektroschocks auch heftige Rhythmen, bei den beiden Ärzten sind es dissonante Chansons, die Karrieresucht, Gefühlskälte und gesellschaftliche Angepasstheit vermitteln“, resümiert Hans-Christian Hauser.


Drei Zielrichtungen verfolge seine Komposition: Sie solle mit dem Medium des Musiktheaters die Erinnerung an die Opfer wachhalten, die Täter charakterisieren und die unfassbaren Geschehnisse in einen religiösen Rahmen stellen. Die 59 Szenen seines Werkes rahmte Hauser deshalb mit zwei Bibeltexten: mit Kain und Abel aus der Genesis und mit dem 59. Psalm Gebet mitten unter den Feinden. Anfang und Ende des Werkes erklingen, dank des souverän geführten Tenors von Han-Bo Jeon, in ausdruckstarkem synagogal-kantonalem Stil. Sie vergegenwärtigen die theologischen Dimensionen des historischen Geschehens, werfen Fragen nach dem Ursprung des Bösen auf, nach Schuld, Verantwortung, nach Rache.
Musik hat Hans-Christian Hauser einmal als „Gefühlserregungskunst“ bezeichnet. Mit Kain und Abel, einem Requiem für die in Kaufbeuren und Irsee – und letztlich für alle in der NS-Zeit – getöteten Menschen hat er diesem musikalischen Credo überzeugend Ausdruck verliehen. (Werner Kraus)


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