Kultur

Je kälter, desto langsamer sind chemische Reaktionen wie jene, die diesem Glasplatten-Negativ aus dem Bestand der Münchner Kammerspiele zusetzen, bei dem sich die Bildschicht teilweise auflöst. (Foto: Stadtarchiv München)

21.12.2012

Bilder mögen’s kalt

Das Stadtarchiv München schützt mit einer neuen Kühlanlage die gefährdete Foto- und Filmsammlung

Wenn es um bedrohtes Archivgut geht, dann werden von Mäusen angeknabberte Urkunden oder von Säure zer- fressene Bücher ins Licht gerückt. Foto- und Filmmaterial jedoch bleibt im Schatten – und wird tatsächlich vielerorts auch stiefmütterlich behandelt, meist allerdings gezwungenermaßen.

Irgendwo unter der Erde, der Orientierungssinn hat beim Gang durch Kellergänge und Treppenhäuser gelitten. Langsam geht eine Tür auf, nur einen Spaltbreit: Kaltes Neonlicht passt zur winterlichen Temperatur, die den Neugierigen ankriecht. Nur flüchtig können die Augen umher huschen – „wir müssen gleich wieder zumachen“, mahnt der Cicerone. Fast automatisch geht sein prüfender Blick zum Thermostat: es sind noch immer 2° Celsius. „Diese Elektronik ist doch immer wieder spannend. Wir sind inzwischen geübt im Interpretieren von Fehlermeldungen“, murmelt Ingo Schwab eher zu sich selbst und überlegt dann lauter, dass es schon komisch sei, man sei als Archivar heutzutage nicht mehr so richtig Herr des Geschehens: Die Abhängigkeit von der Technik nehme zu.
Aber das nimmt der Fachmann für die Lagerung der Archivalien und die Übernahme des städtischen Registraturgutes ins Münchner Stadtarchiv gerne in Kauf, wird diese Herausforderung ans berufliche Selbstverständnis doch um ein Vielfaches aufgewogen vom „Segen“ der Technik. Da ist eben diese Kühlanlage: vier begehbare, zwischen zehn und 30 Quadratmeter große Kammern aus verzinktem und lackiertem Stahlblech, die Wände sind mit 60 Millimeter dickem Hartschaum verkleidet. Die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in ihnen ist individuell steuerbar – je nach Archivgut reicht das Spektrum von 2 bis 12° Celsius und 30 bis 40 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Logik der Etatverteilung

Diese Kühlkammern sind die Tresorräume für einen der bedeutendsten und zugleich empfindlichsten Schätze im Archiv: für das Foto- und Filmmaterial. Längst überfällig war diese bauliche „Ertüchtigung“ – und doch sind die Kammern bislang noch recht leer. Die Archivare sind vom Baureferat Ende vergangenen Jahres regelrecht überrumpelt worden – die Logistik fürs „Innenleben“ konnte mit der Logik der Etatverteilung nicht Schritt halten. Inzwischen weiß man, dass sich in Regalen auf Schienen am meisten unterbringen lässt – doch dazu müssen noch die Böden verstärkt werden. „Aber ab Januar können wir die Kammern sukzessive bestücken“, freut sich die Leiterin der Foto- und Filmsammlung Elisabeth Angermair. Dann haben die viele Jahre dauernden Zwischenlösungen im Münchner Stadtarchiv wohl ein Ende – dann werden in dem großen Eckzimmer, von dem Ingo Schwab sagt: „Mit seinen porösen Mauern steht dieser Magazinraum auf der Kippe“, die vielen Filmrollen gepackt.
Etwa 1,8 Millionen Fotografien (Positive, Negative, Glasplatten), 2300 Filmtitel (Rollen) und noch einmal 2000 bis 3000 Magnetbänder (Tonbänder, Videos) und selbst alte Tonwalzen hütet das Archiv an der Winzererstraße. Da begegnet man einem würdevoll schreitenden Prinzregent Luitpold, kann an der Fronleichnamsprozession 1945 quasi teilnehmen, die Bewerbung Münchens 1966 für die Olympiade 1972 Revue passieren lassen, den Umbau des Stachus verfolgen... Und welch herausragende Theaterabende kann man da nicht noch einmal erleben, wenn erst die angekündigten Magnet-Filmbänder im Archiv abgegeben wurden, die die Münchner Kammerspiele aus Platzgründen abgeben wollen; von dort eingetroffen sind bereits etliche Kartons voller Magnet-Tonbänder mit Lesungen ebenso wie mit Hintergrundgeräuschen zu Aufführungen. Diese Tonbänder warten auf die Aufstellung in der neuen Kühlkammer 4.
Zweifelsohne: Filmisches Archivgut ist eine besondere historische Quelle, die die Genese der Stadt, aber auch den Lebensalltag ihrer Menschen durch das Medium Bild visuell erfahrbar werden lässt.
Aber diese Raritäten sind allesamt potenzielle „Notfallpatienten“, vom schleichenden Tod betroffen: Zu hohe Wärme und zu hohe bzw. zu niedrige Luftfeuchtigkeit setzen ihnen zu – zersetzen sie regelrecht. Schimmel überzieht das Material, Essiggeruch strömt aus, Säuren zerstören die Trägerschichten, Weichmacher diffundieren, das Material schrumpft, bröselt ... Und alte Nitrofilme machen das Horrorszenario perfekt: Da droht einem das ganze Archiv um die Ohren zu fliegen.
Es gibt ein Allheilmittel – das die „Patienten“ zwar nicht gänzlich gesunden lässt, ihnen aber doch wenigstens ein ordentlich verlängertes Leben ermöglicht: Je kälter, desto langsamer gehen die chemischen Prozesse vonstatten.
„Man übersieht geflissentlich in der Öffentlichkeit, übrigens auch in den Ratsgremien, dass Archivare nicht nur schöne Ausstellungen und Bücher zur Stadtgeschichte machen, dass sie nicht nur den Wissenschaftlern ebenso wie den Laien bei der Recherche zur Hand gehen und umfassende Auskunft erteilen“, kritisiert Manfred Heimers, ebenfalls Archivar im Stadtarchiv. „Eine der ersten Aufgaben eines Archivs ist und bleibt es aber, das Material für die Ewigkeit aufzuheben. Und das impliziert bei drohendem Substanzverlust auch die Pflicht, zu restaurieren.“
Das meint freilich nicht, dass die Archivare selbst in Arbeits- oder Laborkitteln Hand anlegen – „in der Regel beschäftigen sich Archivare mit der inhaltlichen Erschließung, das andere machen Restauratoren“, unterscheidet Gerhard Fürmetz vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv, der an der dortigen Archivschule die Fächer Reprografie und Bestandserhaltung unterrichtet.

Komplexe Prozesse

Ja, es gibt Experten, die sich auf den einschlägigen Bestandserhalt verstehen. Und Einrichtungen wie die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) und das Bayerische Hauptstaatsarchiv haben natürlich selbst Spezialisten dafür: Das Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung der BSB kümmert sich beispielsweise um die Patienten im umfangreichen BSB-Bildarchiv. In der Restaurierungswerkstatt des Bayerischen Hauptstaatsarchivs steht die Fotorestaurierung noch nachrangig neben einer Vielzahl anderer Aufgaben. Doch welches Kommunalarchiv kann in seinem Etat Geld freischaufeln für ein solches Engagement? Selbst das Münchner Stadtarchiv, das eines der größeren und prominenteren Kommunalarchive ist, hat seine Fotorestauratorenstelle streichen müssen.
Der Fremdvergabe von Aufträgen geht meist ein händeringendes Abzwacken vom ohnehin beschränkten Etat voraus. Auch im Münchner Stadtarchiv, wo ein Teil der „Pflegemaßnahmen“ am Fotomaterial wenigstens in der hauseigenen „Zuständig-für-alles-Restauratorenwerkstatt“ bewältigt werden kann, gibt es kein Fixum für die Fotorestaurierung. „Wenn mir eine dringende Maßnahme auffällt, dann wird mein Antrag in der Regel genehmigt“, schildert Elisabeth Angermaier ihre momentan recht glückliche Situation. Sie schränkt aber ein, dass sie sich heuer gar nicht so richtig um die Bestandspflege kümmern konnte, weil eine der beiden Stellen im Fotoarchiv unbesetzt blieb, und sie sich deshalb erstrangig mit Benutzeranfragen beschäftigen musste. „Vermutlich ist mir deshalb vieles gar nicht aufgefallen, was man noch dringend tun müsste.“
Genau das ist einer der Knackpunkte: Meist wird der schleichende Tod, der in Fotoarchiven grassiert, gar nicht wahrgenommen, weil sich Archivare aus zeitlichen Gründen nicht ausreichend um ihre Spezialsammlung kümmern können – oder weil sie gar nicht wissen, was denn da überhaupt genau passiert. Foto- und Filmmaterialhersteller waren experimentierfreudig, als es um den chemisch und technisch optimalen Aufbau des Trägermaterials und die Entwickler- bzw. Fixierbäder ging – wie langlebig die „Rezepturen“ sind, stellt sich oft erst nach Jahrzehnten, also heutzutage heraus, und müsste eigentlich intensiv beobachtet werden, damit man restauratorisch effektiv einschreiten kann.
Schon die Frage der Materialidentifizierung fordert Insiderwissen – aber mehr als „Basics“ können die Archivare während ihrer Ausbildung gar nicht erfahren. „Früher“, überlegt Gerhard Fürmetz, „ist es in der Archivarsausbildung tatsächlich noch mehr um fotografische Prozesse, um den Aufbau von Filmmaterial gegangen. Aber jetzt wird ja – abgesehen von der Mikroverfilmung – kaum noch analog fotografiert, also liegt der Schwerpunkt mehr bei digitalen Aufnahmetechniken und auch das nur in geringem Stundenumfang.“ Elisabeth Angermair bestätigt: „Das ist letztendlich eine Sache des persönlichen Engagements, meist in der Freizeit.“

Erschreckende Erkenntnis

Die Historikerin hat Kurse absolviert und sich durch Berge an Fachliteratur gekämpft, verfolgt regelmäßig die „Insidertipps“. Da hat sie zum Beispiel erst heuer von einer recht einfachen Methode gelesen, wie mit einem speziellen Polfilter vor der Lupe Filme auf ihren Acetatgehalt hin untersucht werden können. Man hat sich die Geräte angeschafft, den erfolgreichen Test gemacht – und durfte sich tatsächlich für dieses zeitaufwändige Überprüfen eine Hilfkraft genehmigen. Was herauskam, war erschreckend: „Wir sind bis vor kurzem davon ausgegangen“, sagt Ingo Schwab, „dass wir acetathaltiges Filmmaterial nur bis in die 60er Jahre haben. Die genauere Untersuchung hat aber ergeben, dass wir solches Material haben, das sogar noch aus dem Jahr 2000 datiert.“
Der mangelnden nötigen Sachkompetenz bewusst, gilt in den Archiven deshalb das Präventionsgebot: „Finger weg von den Fotos!“, zumindest von den Originalen. „Der größte Feind der Fotografien ist der Benutzer“, lautet beispielhaft das Motto von Bernhard Strobl im Stadtarchiv Schweinfurt. Sukzessive wird auch dort der Bestand digitalisiert. „Unser Hauptaugenmerk richtet sich darauf, wie wir die Originale in andere Nutzungsformen übertragen und bereitstellen können.“
Die Originale lagern derweil (im Idealfall säurefrei umhüllt) im Verbund mit dem anderen Archivgut – freilich müssen sie das oft auch wegen des Sammlungszusammenhangs, wenn Fotografien zum Beispiel Bestandteil von Verwaltungsvorgängen sind. Gleiche Temperatur, gleiche Luftfeuchtigkeit – für alte Wachssiegel, Pergamenturkunden, Papierakten, Glasplatten, Negativstreifen, Abzüge... Ein mittelmäßiger Kompromiss eben. Freilich ist der allemal besser als die Lagerung in zu feuchten Kellerräumen – wie dies zum Bespiel der Fall im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ist, das in der Alten Münze untergebracht ist, die am unterirdisch noch immer dahin rauschenden Pfisterbach angrenzt. Das einmalige Glasplattenarchiv zieht momentan von dort um ins Bayerische Hauptstaatsarchiv. Aber auch dort ist nur ein einziger individuell steuerbarer Kühlraum zu finden.
Gerade was die Fotografie angeht, ist der öffentliche Druck nicht besonders groß. Es scheint, dass die boomende digitale Privatfotografie ein sinkendes Interesse am Erhalt alter, analoger Fotografien beschleunigt hat. Ohnehin: Kopien von Gemälden großer Meister gibt es zwar auch zuhauf – aber noch immer pilgern die Massen zum Beispiel in die Alte Pinakothek zu Dürers Selbstbildnis, um sich einmal das Original ansehen zu können. Doch wo kriegt man schon einmal eine Original-Daguerrotypie (versilberte Kupferplatte, prinzipiell ein Unikat) zu sehen?

Analog contra digital?

Wenn es um den Bestandserhalt von Archiv- und Bibliotheksgut geht, dann werden von Mäusen angeknabberte alte Urkunden oder von Säure zerfressene Bücher des 19. Jahrhunderts ins Licht gerückt. Aber Fotografien und Filme? Die sind ein Massenmedium geworden, schier beliebig reproduzierbar. Das Bewusstsein fürs „Original“ und für „Einmaligkeit“ ist hier vielleicht stärker verloren gegangen als bei anderen Medien. Freilich sind Bücher mit historischen Fotos beliebt – aber so wie sie in der Regel für den Druck retuschiert und bearbeitet sind, sieht man auf ihnen doch eh mehr, als auf dem Original, mag man sich denken, vielleicht auch in Erinnerung an die letzte Photoshopbearbeitung der eigenen Urlaubsfotos.
Wenn es gilt, das analoge Foto- und Filmmaterial zu restaurieren und/oder zu sichern, ist es nicht mit einem zweitägigen Workshop „Bildbearbeitung“ getan. Aber wer weiß, ob die „Rettung“ und „Restaurierung“ digitaler Foto- und Filmdatenträger in 100 Jahren nicht ebenso intensiv sein wird, wie dies heute bei der „analogen Hardware“ der Fall ist? Der Bau von Super-Speichern für Giga-Datenmengen, obendrein die „Pflege“ der digitalen Daten, die ja in immer kürzeren Zeitabständen neuen Anforderungen angepasst werden müssen, kommt jedenfalls um ein Vielfaches teurer als die Kühlkammern fürs analoge Material, das dort mit recht schlichter Technik eine vermutlich ungleich längere „Lebenschance“ hat als seine „digitale Verwandtschaft“. (Karin Dütsch)

Abbildungen (von oben):

Die Kühlkammern, in denen bislang nur die gefährdetsten Materialien untergebracht wurden, erhalten noch verstärkte Böden für Rollregale. Darin lässt sich am meisten unterbringen. 

Münchner Geschichten auf Ton- und Filmspulen: Eine einmalige Quellensammlung, die jetzt besser gelagert werden kann. (Fotos: Dütsch)

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