Kultur

Das gesamte Ensemble auf der Bühne und im Orchestergraben begeistern in diesem schlüpfrig interpretierten Spaß von Jacques Offenbachs Opera bouffa. (Foto: Stadttheater Fürth)

18.01.2013

Eindeutig zweideutig

Fürths neuinszenierte "Großherzogin von Gerolstein" ist nichts für Prüde

Fürth tritt gegen Nürnberg an: nicht nur in der Bundesliga, sondern auch im Stadttheater. Mit einem Himmelfahrtskommando. Denn das benachbarte Staatstheater war mit Jacques Offenbachs Großherzogin von Gerolstein vor Jahren gründlich gescheitert: Die Operette wurde abgesetzt, kaum dass die Premiere vorbei war. Jetzt malen sich die Fürther ihre eigenen „Rauchzipfel“ auf den Zwischenvorhang und stürzen sich in den Kampf um den 150 Jahre alten satirischen Klamotten-Klassiker: Nein, es sind keine „sauren Zipfel“ geworden!
Wie hatte der Vater der Offenbach-Renaissance nach dem Zweiten Weltkrieg, Walter Felsenstein von der Komischen Oper Berlin, damals nur seine legendären Offenbach-Erfolge geschafft? Bei Jerome Savary Jahre später war das klar: mit zirzensischem Feuerwerk. Und jetzt in Fürth Georg Blüml, theaterbesessenes Urgestein mit besten Jahren an Münchens „Pasinger Fabrik“: Der versteht unter „Gerolstein“, einst Sinnbild für deutsche, spießig-militärische Kleinstaaterei vor der Reichsgründung, das, als was es jeder kennt: ein Mineralwasser-Imperium. Dessen Neukreation „69“ macht süchtig, friedfertig und liebestrunken. Nicht „Champagner I.“, wie in der Fledermaus, regiert dieses burgbekrönte Grenzland-Großherzogtum, sondern der aphrodisierende Pazifistensprudel.
Auf diesen Plot hin hat Blüml die zehn Jahre alte Textneufassung und seine Inszenierung ausgerichtet, hätte allzu zeitnahe (schon wieder Seehofer!) Anspielungen aber ruhig sein lassen können. Denn die Sache funktioniert auch so.
Was zwischen den Kriegen von 1866 und 1870/71 sowohl von Bismarck als auch von der französischen Kaiserreichsgesellschaft als amüsante Bourgeoisie-, Adels- und Militärsatire goutiert wurde, läuft jetzt als grün-erotisches Anti-Kriegs-Kabarett: „Make love, not war!“ oder „Hoffen wir, dass sich keiner weh tut.“ Piff, paff, bumm – erst fürchtet man, wenn der Vorhang aufgeht, um die ganze Chose, wenn Johanna Deffner auf der Bühne des Fürther Stadttheaters eine düstere Kommandozentrale wie für Star-Wars aufgetürmt hat. Aber die schießen sich die Gerolsteiner mit ihren Wunderwaffen selbst in Klump.
Blüml ist auch weiterhin in diesen letztlich um mindestens 15 Minuten zu langen Zweidreiviertel Stunden um keinen optischen, textlichen, anzüglichen Gag verlegen. Man unterhält sich – und das alles hat besonders im Fürther goldigen Jahrhundertwendetheater die richtigen Dimensionen. Das gilt auch für das vorzügliche Nürnberger Ensemble Kontraste im Orchestergraben, dem Friedemann Seitzer Offenbach-Klänge in authentisch spritziger, leichter Perfektion entlockt. Hier hat man die besten Bläser der Region beisammen, Trompeten und Trommeln, die mit Augenzwinkern militärisches Brimborium schmettern – einfach perfekt.
Auf der gleichen Linie liegt auch die Idealbesetzung des Gefreiten Fritz mit dem Spanier Joan Ribalta: Mit kleinem, hübschen Tenor, passendem Akzent, schüchtern und verliebt – er ist eine glaubhafte Offenbach-Figur. Das junge und perfekt auf Blümls Linie eingeschworene Ensemble hat zudem ein hingebungsvoll spielendes, sportliches Militaristentrio, eine mannstolle Großherzogin (Juliane Schenk) mit großen Soprantönen und eine hübsche Verfechterin von Nachhaltigkeit und Tiergnadenbrothof, das alles im wohlgefüllten Dirndl von Melanie Spitau.
Vieles spielt sich auch unterhalb der Gürtellinie ab: Flügeladjudant Nepomuks Feldtelefon kommt aus dem Hosenschlitz, nicht nur der großherzogliche BH schleudert Flak-Feuer. Dazu solche Fragen: Wie heißt „Ruhe im Glied“ beim Exerzieren in der politisch korrekten weiblichen Form? Übertrieben prüde sollte man nicht sein beim Besuch im liebessprudeltrunkenen Großherzogtum: Jeder „Rauchzipfel“, jedes Kanonenrohr ist eindeutig zweideutig, und Stoßtrupps gibt’s überall.
Aber die Seifenblasen, die es am Ende aus dem Fürther Schnürboden regnet, sagen: alles nur Träume aus Georg Blüms Hippie-Zeiten. Und schließlich ist auch noch Fasching. (Uwe Mitsching)

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