Kultur

Hervorragendes Zusammenwirken: Jérôme Jaroussky (Mitte) mit den Streichern von Quator Ebène und dem Pianisten Jérôme Ducros (links). (Foto: Marc Ribse)

16.04.2015

Exzentrisch und sentimental

Der König der Countertenöre, Philippe Jaroussky, begeistert im Neumarkter Reitstadel

In dieser Luxusbesetzung gibt es den Abend nur im Festspielhaus Baden-Baden - oder gestern im Neumarkter Reitstadel: Der König der Countertenöre, Philippe Jaroussky, singt „mélodies francaises“ und lässt sich bei den „Neumarkter Konzertfreunden“ mal vom fabelhaften Quatuor Ebène,dann wieder vom Pianisten Jérôme Ducros begleiten. Sie alle gestalten einen hinreißenden Abend aus den Zeiten der „belle époche“ und mit „mélodies“ nach Gedichten von Paul Verlaine.

Man hört schnell: Das ist nicht das, was man in Frankreich „le lied“ nennt und was  von Schubert oder Schumann stammt, sondern die spezielle, französische Liedform, die sich  zum „chanson“ entwickelt hat – Musikgeschichte von über hundert Jahren und mit den Größen der französischen Komponisten von Chausson, Fauré, Caplet bis hin zu Debussy.

Annähernd 30 Verlaine-Vertonungen sang Jaroussky mit absoluter Stilsicherheit, androgyner vokaler Ausstrahlung und einer Stimme, die immer den passenden Ausdruck findet: für die „chansons douces“, für viel „tristesse“, auch für ein paar aufgekratzte Liedszenen, die an die commedia dell’arte erinnern. Da hört man schwebend-irisierende Ungewissheit, ist fasziniert von Jarousskys unglaublichem Piano und einer gleichwohl prägnanten Artikulation, einer diskreten gestisch-mimischen Darstellung. Eine Nummer geht in die andere über, kein Zwischenapplaus stört die Séance: Da entstand ganz weit weg von Wagner ein Gesamtkunstwerk aus Poesie und Musik.

An dem ist besonders das franzöische Streicherquartett Quatuor Ebène beteiligt: mit  elegisch-volltönenden Streicherklang. Alle zusammen wechseln bruchlos die Rollen in dieser spätromantischen Salonstunde, die bestens in den intimen Reitstadel passt. Jaroussky lotet alle Gefühls- und Ausdrucksamplituden aus, ist ein Künstler des geradezu verwegenen Legato, kombiniert die Süße als Schlüsselwort vieler Verlaine-Gedichte mit wirkungsvollen Gefühlsausbrüchen. Und er führt die Entwicklungslinie bis zu Brassens und Trenet. Da ist man dann im Pariser Bistrot, in der Music Hall.

Die Zugaben brachten nach ein bisschen zu viel „bonjour tristesse“ und romantischen Salonemotionen den Applaus erst so richtig in Schwung: Kein Wunder, wenn das Streichquartett mitsingt und der Counter-König pfeift. (Uwe Mitsching)

Abbildung (Foto: Marc Ribes):
Erste Geigen-, dann Klavier- und schließlich Gesansausbildung: Philippe Jaroussky (Jahrgang 1978) ist heute ein gefeierter Countertenor. Schon dreimal erhielt er den Klassik-ECHO.

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