Kultur

Der gewiefte Eccliticus (Stefan Hahn) tischt Herrn von Gutglauben (Oliver Weidinger), Klärchen (Polly Ott) und Graf Ernst Olaf (Thomas Lichtenecker) ein lunares Wolkenkuckucksheim auf. (Foto: Sabina Tuscany)

01.09.2017

„Mein Lieschen, mein Radieschen!“

Die Kammeroper München entführt italienisch-vergnüglich und mit Haydn-Musik auf den Mond

Wer interessiert sich heute noch für den Mond? Der Mars ist angesagt auf der Suche nach einer Alternative für die menschliche Existenz im Weltraum. Nach der sehnt sich auch ein Signor Bonafede, bieder eingedeutscht „Herr von Gutglauben“: Der ist Witwer, Vater zweier heiratssüchtiger Töchter, wird umgarnt von deren Verehrern und seiner bieder-geilen Köchin Lise. Kein Wunder, dass er auf die Mondfakes des gelehrten Eccliticus hereinfällt und auf dessen Welt auf dem Monde.

Dort spielt (zumindest im zweiten Akt) auch eine Oper von Joseph Haydn, 1777 für die Bühne von Schloss Esterhazy komponiert: Die war in Vergessenheit geraten, erst zu Sputniks Zeiten wieder aufgelebt und schließlich sogar bei den Salzburger Festspielen zu sehen. Jetzt spielt die Münchner Kammeroper die drei Akte in Schloss Nymphenburg.

Auf der mondrunden Bühne (Peter Engel) hängt schon alles herum, was man für so eine Commedia dell’Arte braucht, wie sie der venezianische Komödienschreiber Carlo Goldoni verfasst hat. Wie immer spielt die Kammeroper nicht einfach vom Blatt, sondern mit Neudichtung, Seitenhieben in der Regie von Dominik Wilgenbus und in einem Musikarrangement von Alexander Krampe. Die beiden bedienen sich zwar beim reichen Vorrat der Barockkomödie, machen aus ihrem Il mondo della luna auch ein Stück der Aufklärung und der nahenden Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts.

Von der Magd zur Kaiserin

Denn in der Parallelwelt, in die die jungen Leute den starrköpfigen Patriarchen schicken, um ihn umzukrempeln, ist nichts à la mode, sondern alles à la Mond: Dort herrscht ein Kaiser über eine Sozial-Utopie ohne Standesschranken, ohne Betrüger, in der der Sänger auch mal Dirigent sein darf und die Magd auf den Thron kommt: „Du warst ein Niemand, auf dem Mond sollst du Kaiserin werden.“

Der Mond macht alles möglich: Die Töchter kriegen ihre Liebhaber, der Alte züchtigt sie, sie watschen zurück. Der alte Herr jedenfalls freut sich über das Experiment: „Empfangt, was euer Herz begehrt!“ Also hat die lunare Expedition am Ende doch Erfolg gehabt – auch wenn sie nur im Wohnzimmer stattfand, wo sich Gutglauben „lunarisieren“ (soviel wie „beamen“) ließ. Aber seinen Schlafanzug, den durfte er dabei anbehalten.
Er singt das Schönste, was es an Opernmusik von Joseph Haydn gibt: Ob für die echte oder die lunare Welt – die Kammeroper hat unter der musikalischen Leitung von Nabil Shehata ein exzellentes Ensemble mit Oliver Weidinger als Bonafede an der Spitze, mit einem Countertenor (Thomas Lichtenecker) von lunaren Höhen, mit herrlich zickigen Rokokotöchtern mit zartrosa Wangen und in bürgerlicher Noch-Jüngferlichkeit (Friederike Mauß nach ihrer Ausbildung an der Musikhochschule Nürnberg, Polly Ott mit amüsantem Spiel).

Fideles Kammerspiel

„Mein Lieschen, mein Radieschen“: Mit solcher Reimerei zieht sich die Oper treudeutsch erst mal ziemlich hin, nimmt aber dann raketengleich Fahrt auf, wenn’s zum Mond geht. Man muss nicht erst bis zum fulminanten Finale warten, um Haydns Instrumentationskunst zu erleben. Die zeigt er auch in Balletten, Zwischenspielen, bizarrer Bläsermusik für die lunare Harmonie.

Dieser amüsanten Linie folgt auch die Regie von Dominik Wilgenbus: keine überdrehte Satire oder gar Klamotte, sondern ein fideles Kammerspiel aus der Werkstatt der italienischen Typenkomödie, durchaus mit einer Prise bedeutungsvoller Philosophie gewürzt. (Uwe Mitsching)

Information: Nächste Vorstellungen am 2. und 3. September.

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