Kultur

Chaos auf und unterm Weihnachtsbaum: Lutz (Michael Hochstrasser) versucht vergeblich, dem Baum die Spitze aufzusetzen. (Foto: Bührle)

19.11.2010

Oje, du Fröhliche!

Fitzgerald Kusz lässt in seinem neuen Stück "Lametta" Wortwitz und Hintersinn vermissen

Das breitmäulig-fränkische Idiom ist an sich schon eine Lachnummer, weidlich ausgenutzt vom zeitgenössischen Kabarett. Literarisch-belletristisch verwendet, wird die Mundart zur Dialektdichtung, die in ihrer fränkischen Variante seit Jahrzehnten vom Nürnberger Autor Fitzgerald Kusz dominiert wird. Seine fränkische Konfirmationskomödie Schweig Bub steht seit 1976 auf dem Spielplan, ist mit 730 Aufführungen zum fränkischen Kultstück geworden und zählt mit seinen Übersetzungen in fast alle deutschen Mundarten zu den meistgespielten Stücken auf deutschen Bühnen.
Jetzt hat Kusz mit Lametta gleichsam eine Fortsetzung zum Schweig Bub geschrieben, die an den Nürnberger Kammerspielen uraufgeführt wurde. Er setzt seiner Familienfest-Persiflage Schweig Bub quasi die Christbaumspitze auf, weil es in Lametta am Heiligen Abend unter dem Weihnachtsbaum zugeht wie beim Kappenabend im Fasching: Zimmerschlacht als Familiengroteske.

Lauter Türen knallen

Frank Behnkes Inszenierung zieht – in einer altdeutsch eingefärbten Sessellandschaft (Bühnenbild: Günter Hellweg) – alle Register der türenknallenden Slapstick-Komödie: mit Kurzschluss der elektrischen Christbaumbeleuchtung und Tappen im Dunkeln, gipfelnd in dem missglückenden Versuch, die verloren gegangenen Krippenfiguren als lebende Krippe mit Ochs und Esel von den Schauspielern nachstellen zu lassen. Aber zumindest da ist die Patchwork-Familie aus Ex-Frauen und Ex-Männern, Liebhabern, fremden und eigenen Kindern und der lebensmüden Oma einigermaßen friedlich unterm Weihnachtsbaum versammelt.
Ansonsten ein Hauen und Stechen in einem derben Bühnenspaß, bei dem Michael Hochstrasser mit seiner grandiosen Studie des besoffenen Ex-Manns Lutz den Vogel abschießt und mit seinem angelernten Kunst-Fränkisch das Publikum zu Beifall auf offener Szene hinreißt. Heimo Essl, der als Sparkassenfilialleiter Werner die abhanden gekommene Familie zumindest an Heiligabend friedlich vereinen wollte, trifft als grantelnder und dauerbrüllender Vater, Jung-Liebhaber und Sohn in einer Person weder den fränkischen Ton noch die gebotene Zimmerlautstärke. Adeline Schebesch als Werners alte und Nicola Lembach als dessen neue Ehefrau sind zu fränkischen Matronen ausgestopft; Marion Schweizer fränkelt überzeugend als Oma.
Eine schöne Bescherung, die Fitzgerald Kusz’ da mit seinem Weihnachtsklamauk angerichtet hat: denn Lametta glänzt leider nicht mit dem funkelnden Wortwitz und dem glitzernden Hintersinn, den man von Kusz kennt, der in seinen lyrischen Sottisen und Sentenzen den Franken hinterfotzig den Spiegel vorhält. So wie auch die zusammengewürfelte Weihnachtsfamilie am Schluss das aus der Mode gekommene Lametta auf dem Christbaum vermisst, aber es sich einfach vorstellt – und weihnachtsselig ist. Der zurückhaltende Beifall, der vor allem den fränkischen Kalauern und Deftigkeiten galt, lässt vermuten, dass Lametta kein weihnachtliches Kultstück wird. (Friedrich J. Bröder)

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