Kultur

Filmstar Maximilian Brückner spielt überzeugend den Baumeister, der es mit Ellenbogenpraktiken zu etwas gebracht hat – dann aber tief stürzt. (Foto: Arno Declair)

07.04.2017

Proll im Penthouse

Christian Stückl inszeniert Ibsens „Baumeister Solness“ am Münchner Volkstheater als strenges Kammerspiel

Seine Gattin bringt es treffend auf den Punkt: „’n krankes Arschloch bist du“, faucht sie den Baumeister Halvard Solness an. Das steht so zwar nicht bei Ibsen, aber es passt auf den Titelhelden seines Künstlerdramas Baumeister Solness (1892), das Hausherr Christian Stückl jetzt mit etlichen Text-Aktualisierungen im Münchner Volkstheater inszenierte.

Für die Hauptrolle kehrte der Film- und Fernsehstar Maximilian Brückner an den Ort zurück, wo seine Karriere einst startete. Da sieht man ihn zu Beginn als Star-Architekten Solness in Feinripp-Unterwäsche auf dem Boden flacken und Pommes aus der Pappschachtel fressen, damit er gleich als prolliger Aufsteiger erkennbar ist. In großen weißen Leuchtbuchstaben steht SOLNESS an dem schicken Stahl-Glas-Penthouse seines Architekturbüros (Bühne: Stefan Hageneier), wo er mit eiserner Hand regiert: damit keiner ihn überflügelt und verdrängt, so wie es der brutale Solness einst selbst mit anderen gemacht hat.

Überzeugender Karrierist

Vor allem dieser Ellenbogenkarrierist wirkt bei Brückner sehr glaubhaft. Sein Baumeister ist ein hypermotorisches Springinkerl, ein fieser, zwischendurch larmoyanter Choleriker und Kraftlackl.
Stückl selbst hingegen hat sich diesmal wohltuend im Zaum gehalten: Statt seiner Neigung zum saftig berserkernden Bauerntheater zu frönen, inszeniert er ein fast strenges Kammerspiel – so klar und strukturiert wie ein Bauhaus-Bungalow. Das Ergebnis ist folglich auch keine hochsymbolistische Tragödie über Schöpfertum und Schuld, als die der Solness gerne gegeben wird, sondern ein psychologisches Beziehungsdrama, das durch leichte Tendenzen zur Klamotte sogar von seiner allzu tiefgründelnden Schwere befreit scheint.

So folgt man gespannt einer angenehm verknappten Aufführung, an der vor allem die präzise gezeichneten Mitglieder der Solness-„Factory“ faszinieren: Magdalena Wiedenhofer als kettenrauchende Architektengattin stakst im hautengen schwarzen Ganzkörperdress daher, und ihre Prinz-Eisenherz-Frisur deutet schon an, wie erstarrt ihr Herz sein muss. Die Trauer über den Tod ihrer beiden kleinen Kinder hat sie in ihrem Inneren verkapselt.

Dagegen trippelt Solness’ Sekretärin Kaja (wunderbar komisch: Luise Kinner) als durchtriebenes Büro-Mäuschen auf superhohen Absätzen durchs Stahl-Glas-Labyrinth, als wandelnde Männerphantasie und Weibchen-Schema auf zwei langen Beinen quasi, das mit jeder Geste zu sagen scheint: „Vernasch mich!“
„Störe ich?“, fragt darum auch die coole Frau Solness, als sie ihren Gatten in flagranti erwischt, wie er Kaja von hinten an die Wäsche geht. Das steht so natürlich auch nicht bei Ibsen, ist aber so gemeint – und sorgt für Heiterkeit im Publikum.

Und dann ist da noch Fräulein Wangel, die unversehens hereinschneit, weil ihr der Baumeister vor zehn Jahren, als sie zwölf war, ein Königreich versprochen hat, das sie jetzt einfordert. In Stückls Fassung hat er sie damals auch sexuell missbraucht – eine durchaus plausible Zuspitzung der ganzen Konstellation. Als rotzig-zarte Punk-Göre mit Tattoos und Kapuzenpulli spielt Pola Jane O’ Mara diese klug-naive Kindfrau, diesen unschuldigen Todesengel, der wie ein Katalysator die ganze verfahrene Situation buchstäblich ins Rutschen bringt, sodass der egomanische Baumeister schließlich von einem Gerüst in den Tod stürzt. (Alexander Altmann)

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