Kultur

Herausragende Solisten: Tigran Mikayelyan als König und Lucia Lacarra als Natalia. (Foto: Tandy)

21.04.2011

Tragischer Traum eines zerrissenen Königs

John Neumeiers "Illusionen – wie Schwanensee"

Es hätte schon viel früher ins Staatsballett-Repertoire gehört: John Neumeiers Illusionen – wie Schwanensee, das er 1976 für sein Hamburg Ballett kreierte. Denn es ist ja so etwas wie ein weißblaues Ballett mit seiner nach Ludwig II. geformten Königsfigur, bayerischer Seen- und Gebirgslandschaft (von Ausstatter Jürgen Rose), zünftiger Trachtenmode und kandelaber-erleuchteter Schlosspracht. Immerhin konnte es jetzt – passend im „Ludwig-Jahr“ – vom Ballettfestwochen-Publikum im Münchner Nationaltheater euphorisch bejubelt werden.
John Neumeiers Überblendung des Tschaikowsky/Petipa-Klassikers Schwanensee von 1895, also eines Märchens, mit einem Menschenschicksal unserer Zeit war vor 35 Jahren eine großartige Fortschreibung der Ballettkunst in die Zukunft. Inzwischen hat das Werk in Dekor und choreografischer Durchführung Patina angesetzt. Aber Neumeiers sensibles dramaturgisches Geschick, Typen und Klischee-Situationen des klassisch-romantischen Balletts zu ersetzen durch Menschen und ihre psychologisch glaubhaften Handlungen, interessiert immer noch. Hier erlebt man einen Menschen, zerrissen zwischen gesellschaftlichem Anspruch und seinen homosexuellen und künstlerischen Neigungen.

Der Mann im Schatten

Für wahnsinnig erklärt und weggesperrt, driftet dieser König ab in Erinnerungen und Wunsch-Visionen. In einer so erinnerten Schwanensee-Vorstellung träumt er sich hinein in die Figur des Prinzen Siegfried. Und auf dem Maskenball wird seine im Schwanenkostüm erscheinende Verlobte Natalia für ihn zur echten Schwanenkönigin. Mit dieser einfach-raffinierten Gleichsetzung des Königs mit der Prinzen-Märchenfigur hat Neumeier seinen Anti-Helden schon blendend charakterisiert.
Am Ende stirbt er in den Armen des ihn verfolgenden „Mannes im Schatten“, der als Angstprojektion seiner Homosexualität gedeutet werden kann und zugleich als sein Todesengel.
Wer Handlungsballette zu schätzen weiß, bekommt hier ein gut erzähltes: mit Michael Schmidtsdorff am Pult, einem harmonisch tanzenden weißen Schwanen-Corps und solch herausragenden Solisten wie Tigran Mikayelyan (König), Daria Sukhorukova (Schwanenkönigin) und Lucia Lacarra (Natalia). (Katrin Stegmaier)

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