Kultur

Gustav Weisskopf vor seinem Motorflugzeug im Jahr 1901. Am 14. August desselben Jahres soll er in Connecticut den ersten Motorflug über eine halbe Meile in zehn bis 15 Metern Höhe durchgeführt haben. (Foto: dpa)

12.12.2014

Turbulenzen um fränkischen Flieger

In den Dauerstreit um Gustav Weißkopf mischt sich nun auch Innenminister Joachim Herrmann ein

Ein Franke hat zum ersten Motorflug in der Geschichte abgehoben – und nicht die Gebrüder Wright. Behauptet jedenfalls der in Deutschland lebende australische Luftfahrthistoriker John Brown und beflügelt eine alte Diskussion: Demnach gelang Gustav Weißkopf, 1892 aus Leutershausen bei Ansbach ins amerikanische Conneticut, ausgewandert, zwei Jahre vor den Wrights der erste Motorflug. Quellen dafür gibt es allerdings wenige; lediglich dem Bridgeport Sunday Herald war Weißkopfs Flug im August 1901 ein Bericht wert. Brown will nun mit einem erst vor wenigen Wochen entdeckten Artikel der Konkurrenzzeitung Bridgeport Evening Post vom 26. August 1901 die Weißkopf-Forschung auf eine „neue Stufe“ stellen.
Das Deutsche Museum in München ist diese Diskussion leid: „Herr Brown hat sich in den letzten Jahren immer wieder als ernst zu nehmender Gesprächspartner völlig diskreditiert“, heißt es in einer Pressemitteilung. Und: „Es genügt, wenn sich Herr Brown vor den Augen der Welt wissenschaftlich lächerlich macht.“ Für das Museum bleibt Weißkopf nur einer von zahlreichen Flugpionieren um die Jahrhundertwende.

Beweise fehlen

Weißkopf fertigte, im Gegensatz zu den Brüdern Wright, keine Konstruktionszeichnungen seiner fledermausähnlichen „Nr. 21.“ an. Welche Strecke er bei seinen Flugversuchen zurückgelegt hat, ist nicht belegt. Erhaltene Originale der Flugmaschinen existieren nicht. Was es gibt, sind Zeugenaussagen, zwei Berichte aus zwei Lokalzeitungen – aber kein einziges Foto vom 14. August 1901, als der Erstflug vonstatten gegangen sein soll.
Brown hält dagegen: „Bis zum Jahresende 1901 sind weltweit 274 Zeitungsberichte über Gustav Weißkopfs ersten Motorflug verfasst worden“, bekräftigt er seine Theorie. Der Staat Conneticut hat „Gustav Whitehead“ den Erstflug offiziell zuerkannt und einen ensprechenden Gedenktag eingeführt.
Nun hat sich auch Innenminister Joachim Herrmann – ein Franke – in die Diskussion eingeschaltet.: Weißkopf könnte seiner Meinung nach schon etwas prominenter präsentiert werden. Freilich: „So oder so hat der erste Motorflug in den USA stattgefunden.“ Trotzdem könne man unzweifelhaft stolz sein auf den Franken. Und müsse die unterschiedlichen Einschätzungen von Weißkopfs Leistung klar herausarbeiten und entsprechend darstellen. Mit dem Direktor des Deutsche Museums, Wolfgang Heckl, will er im Januar darüber reden.
Das bayerische Wissenschaftsministerium hingegen überlässt die Einschätzung von Forschungsergebnissen grundsätzlich der Wissenschaft.

Besser präsentieren

Helmuth Trischler, Luftfahrthistoriker am Deutschen Museum, stellt die Position seines Hauses klar: Orville und Wilbur Wright haben detaillierte Versuchs-und Bautagebücher geführt. Ihre Doppeldecker gingen in Serienfertigung. Als einzige bezogen sie Otto Lillienthals aerodynamische Erkenntnisse zum Gleitflug in ihre Arbeit ein, experimentierten in einem Windkanal. Man sehe sich also gerade als Forschungsmuseum in der Pflicht, nur historisch belastbare Quellen und Belege zu verwenden. Er reiht Weißkopf neben andere Luftfahrt-Pioniere ein: Wilhelm Kress versank 1901 mit seinem Flugboot noch vor dem Abheben im Wasser, Clement Ader brachte 1890 seine dampfmaschinenbetriebene, unbemannte „Eole“ etwa 50 Meter weit in die Luft, Samuel Langley überließ 1903 seinem Assistenten den Flug des „Great Aerodrom“ und auch den Absturz nach wenigen Metern.
Die Kritik an der gebührenden Würdigung von Gustav Weißkopf im Deutschen Museum wird wohl bald entschärft: Erstens wird die Luftfahrt-Ausstellung des Deutschen Museums mittelfristig neu konzipiert werden. Zweitens könnte in einer Nürnberger Zweigstelle Weißkopf als Flugpionier mit regionalem Bezug dargestellt werden, so die Überlegung. (Matthias Endlicher)

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