Kultur

Im teuflischen Abgrund: Szene aus dem Puppenspiel des Kabinetttheater Wien. (Foto: Werner Kmetitsch / Photowerk)

27.07.2016

Wundertüte

Valer Sabadus, Tatjana Miyus und das Puppenspiel vom Kabinetttheater Wien begeistern mit "Orfeo ed Euridice" bei den Gluck-Festspielen

Die Facetten runden sich langsam zu einem Gluck-Festspiel-Gesamtbild: Was die Spielorte in der Metropolregion Nürnberg angeht, was das Panorama des 18. Jahrhunderts angeht, das die „Internationalen Gluck Opern-Festspiele“ entwerfen wollen: Musik, Theater, Komponistenkonkurrenz, Stimmen, Instrumente. Jetzt kam als Überraschung noch das Puppenspiel dazu: in einer österreichisch-italienischen Fassung von „Orfeo ed Euridice“.

 

Der Import aus Graz war wie eine Wundertüte: eine wunderschöne alte Harfe auf der Bühne links, die Bläser und Choristen in den Proszeniumslogen, in der Mitte ein schwarzes Gestell mit drei großen Fenstern.

Grundlegend umgearbeitet

Da hinein und ins stimmige Ambiente des ausverkauften Erlanger Markgrafentheaters passte das Puppenspiel von Thomas Reichert („Kabinetttheater“ Wien),  vom Göttersohn Orpheus und dem Mythos seiner aus dem Totenreich zurückgeholten Gattin Eurydike. Der passt in eine Staatsoper genauso wie unter den Münchner Altstadtring, 1769 aber hatte Gluck ihn für das Theater in Parma – nein, nicht komponiert, sondern grundlegend umgearbeitet. Denn die Premiere seiner Oper war schon 1762 in Wien.

Aber in der Schinken- und Residenzstadt hatte man einen Sopran-Kastraten, der zur Hochzeit von Erzherzogin Maria Amalia mit Herzog Ferdinand den Orfeo singen sollte. Da musste das ganze Stück in eine andere Stimmung transponiert werden. Und passte jetzt natürlich zum Top-Counter-Sopran unserer Tage: Valer Sabadus in  dieser Inszenierung,  in üppig-österreichischem Puppenspielbarock mit ironischem Augenzwinkern.

Eurydike im Krankenwagen

Zur scharfkantig lospreschenden Ouverture des Orchesters „recreationBAROCK“ aus Graz und unter Michael Hofstetter fährt erstmal der Krankenwagen mit der toten Eurydike über die Puppenbühne: Sabadus singt ganz wunderbar das Lamento des verzweifelten Gatten während schon das Grab geschaufelt wird und die Kondolenzschreiben verschickt werden.

Den Amor gibt es gleich doppelt: als Sängerin und dickbackigen Putto – wie die Geschichte weitergeht, weiß man. Zu perfide ist das göttliche Angebot: Eurydike wieder lebendig, aber nicht anschauen bitte! Die assoziativen Bilder im mittleren Bühnen-Schaufenster malen dazu einen Paradies-Garten Eden aus dem Alpenvorland und mit friedlichem Tiger zwischen Zebraherden.

Zeit für die Sänger

Der Reiz der Reichert-Inszenierung (Bühne und Puppen von Julia Reichert) liegt auch darin, dass sie sich Zeit nimmt und den Zuschauer nicht mit Einfällen zumüllt. Zeit auch für die Sänger (neben Sabadus noch Tatjana Miyus und Tanja Vogrin)  zur Ausformulierung ihrer Rezitative, dem Publikum zum Genuss der barocken Klangrede oder dem Höllenpersonal, das mit aufgeregten Stimmen und Instrumenten auf die Eurydike-Auferstehung reagiert.

Aber Orpheus kann auch den köstlich dämlichen Höllenhund besänftigen, die Hölle wird grün, Flöten und Oboen malen die arkadische Idylle – Hofstetter kümmert sich schweißüberströmt um jede Nuance. Ein Artikulationskunstwerk wird das „Que faro senza Euridice“ mit Valer Sabadus kurz vor Schluss. Aber zur fürstlichen Hochzeit und zu den Regeln der opera seria passt nur ein gutes Ende: „Basta !“ Österreich heiratet unter dem habsburgischen Doppeladler, und  in Erlangen applaudiert das Publikum wie wild. (Uwe Mitsching)

Abbildung:
Valer Sabadus und Tatjana Miyus als Orfeo und Eurydike. (Foto: Werner Kmetitsch / Photowerk)

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