Landtag

Wie in Wiesbaden gibt es auch an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt einen von Aldi Süd gesponserten Hörsaal. (Foto: dpa)

12.01.2018

Forschung im Auftrag vom Discounter

In Bayern gibt es 140 Stiftungsprofessoren von Industrie und Verbänden – an der Technischen Universität München kommen bald 20 von Lidl hinzu

Bayerische Hochschulen finanzieren immer mehr ihrer Forschungsvorhaben aus sogenannten Drittmitteln (siehe Infokasten). Dabei handelt es sich um Zuschüsse von staatlichen Institutionen wie der Deutschen Forschungsgesellschaft, aber auch um Gelder von Verbänden und Unternehmen. An der Universität Erlangen-Nürnberg gibt es bereits einen easyCredit-, an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt einen Aldi-Süd-Hörsaal. Jetzt wurde bekannt: Die Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz zahlt der Technischen Universität München (TUM) 20 sogenannte Stiftungsprofessuren.

Zukünftig wird also mehr als jeder dritte TU-Wirtschaftsprofessor von Stiftungen finanziert. Während die Stiftungsprofessuren in der Regel zeitlich begrenzt sind, laufen die der Lidl-Stiftung bis zur Emeritierung der Hochschullehrer. Kritiker befürchten dadurch eine unzulässige Einflussnahme. „Hier droht eine erhebliche Unwucht im wissenschaftlichen Gefüge“, klagt zum Beispiel Verena Osgyan (Grüne). Die Landtagsabgeordnete wollte daher wissen, wie die Staatsregierung die Kooperation der TUM mit der Dieter Schwarz Stiftung (DSS) bewertet.

Das Wissenschaftsministerium schreibt in seiner Antwort, die Zusammenarbeit werde „grundsätzlich begrüßt“. Der Standort München bekomme sieben Stiftungsprofessoren mit Fokus auf Management des digitalen Wandels, der TUM-Standort in Heilbronn 13 Stiftungsprofessoren für das Center für Management des digitalen Wandels, das Center für Familienunternehmen und für die Aktivitäten des Entrepreneurship Research Institutes.

Stifter wollen anonym bleiben

Sorgen um die Unabhängigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse macht sich die Staatsregierung an beiden Standorten nicht. „Die Einrichtung, Ausschreibung und Besetzung der Professuren erfolgt nach Maßgabe des bayerischen Hochschul- beziehungsweise Hochschulpersonalrechts“, heißt es in der Antwort. Das gelte auch für den Standort Heilbronn, der ebenfalls der Rechtsaufsicht des bayerischen Wissenschaftsministeriums unterliege. Die Lehr- und Forschungsinhalte bleiben aber dem künftigen Professor oder der künftigen Professorin überlassen.

Insgesamt gibt es in Bayern laut dem Ressort von Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) also zukünftig mindestens 159,5 Stiftungsprofessuren. Davon sind dann 47 an der TUM, 31 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, 20 an der Universität Erlangen-Nürnberg und 14 an der Universität Würzburg. Stiftungsprofessuren machen folglich 2,6 Prozent der rund 6200 Professorenstellen in Bayern aus.

Zu den Stiftern gehören unter anderem Nestlé, Audi, der Elektronikhändler Media-Saturn, die Versicherung HUK Coburg, die Allianz beziehungsweise BayernLB, das Marktforschungsinstitut GfK, die Ernst & Young Stiftung, die Deutsche Rentenversicherung Bayern Süd, der Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie oder das Dehner Gartencenter. „Des Weiteren konnten aufgrund von im Stiftungsvertrag geschlossenen Geheimhaltungspflichten nicht alle Stifter genannt werden“, schreibt das Ministerium.

Grünen-Abgeordnete Osgyan kann das nicht verstehen. „Um die Stiftungsprofessuren wird ein Gewese gemacht, als handle es sich um Staatsgeheimnisse“, schimpft sie. Osgyan fordert bei Stiftungsprofessuren die verpflichtende Offenlegung von Stifter, Forschungsgegenstand und Vertragsinhalten in einem Transparenzregister. „Es geht nicht an, dass sich wirtschaftsnahe Stiftungen Privatprofessoren an öffentlichen Hochschulen halten“, sagt sie. Mehr Transparenz fordern auch die Freien Wähler. Die Staatsregierung hingegen sieht keinen Handlungsbedarf. Sie hält das Einwerben von Drittmitteln aus der Wirtschaft für einen Ausweis von Leistungsfähigkeit. (David Lohmann)

INFO: Drittmittel an bayerischen Hochschulen
Laut Wissenschaftsministerium finanzierte sich beispielsweise die Technische Universität München (TUM) 2015 zu 37 Prozent aus Drittmitteln, die Universität Erlangen-Nürnberg zu 34 Prozent und die Universität Würzburg zu 31 Prozent. Immerhin sind die Drittmitteleinnahmen zwischen 2011 und 2015 nahezu konstant geblieben – in Bamberg sind sie sogar gesunken, in Augsburg dagegen gestiegen. Der Anteil der privaten Drittmittel schwankt dabei zwischen fünf und zwölf Prozent. An der TUM ist keine Unterscheidung in private und sonstige Drittmittel möglich.

An den Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) ist der Anteil an Drittmitteln nur wenig geringer. In Deggendorf lag der Anteil am Haushalt 2015 zum Beispiel bei 35 Prozent, in Ingolstadt bei 27 Prozent und in Aschaffenburg bei 25 Prozent. Insgesamt ist die Drittmittelförderung zwischen 2011 und 2015 im Schnitt an allen HAW gestiegen – in Amberg-Weiden sogar von 13 auf 22 Prozent. Drittmittel können dabei im Rahmen von Forschungs- und Wirtschaftskooperationen einerseits und durch Fundraising/Stiftungsmaßnahmen andererseits an die Hochschulen fließen.

Wie groß der Einfluss des Geldgebers ist, hängt laut Ministerium vom Kooperationstyp ab. Bei Werkverträgen schulde die Hochschule dem Vertragspartner ein konkret definiertes Werk, bei Forschungs- und Entwicklungsverträgen keinen konkreten Projekterfolg. Bei Stiftungsprofessuren könne der Stifter zwar die fachliche Ausrichtung bestimmen, dürfe aber keinen Einfluss auf Forschung und Lehre nehmen. (loh)

Anmerkung der Redaktion:

Der offizielle Name der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt ist nicht mehr „Fachhochschule“, sondern „Hochschule Würzburg-Schweinfurt“. Außerdem ist seit dem 14. März 2017 der Vertrag mit Aldi-Süd ausgelaufen - der Hörsaal trägt entsprechend wieder eine Gebäudenummer.

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