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In dem Unterstand gegenüber dem Hauptgebäude befindet sich heute ein Cafe. (Foto: Archiv Botanischer Garten München/Repros: Franz Höck)

23.05.2014

Flanieren und forschen

Grüne Pracht aus aller Welt: Im Mai 1914 eröffnete der neue Botanische Garten in München-Nymphenburg


Der Königliche Botanische Garten sei von morgen ab „unentgeltlich" zwischen 10 und 12 Uhr geöffnet; für die Gewächshäuser, täglich von 10 bis 12 und 2 bis 6 Uhr geöffnet, betrage das Eintrittsgeld an Sonntagen 20 Pfennige, an Werktagen vormittags 1 Mark, nachmittags 50 Pfennige. Nach der Eröffnung des Warmhauses im vergangenen Winter seien nun auch die Freiland-Anlagen so weit fortgeschritten, dass „das Betreten jedermann gestattet werden kann".

Inzwischen sind es 100 Jahre her, dass man diese Bekanntmachung lesen konnte. Am 10. Mai 1914 wurden der Botanische Garten und das benachbarte Botanische Institut in München-Nymphenburg offiziell eröffnet. Die Anlage geht maßgeblich auf Professor Karl von Goebel (1855 bis 1932) zurück, an den vor Ort eine bronzene Gedenktafel erinnert.

Einen Botanischen Garten gab es auch zuvor schon in München. Mitten in der Stadt gelegen, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt, befindet sich das, was davon übrig geblieben ist: eine kleine Grünanlage mit einem klassizistischen Eingangsportal, der „Alte Botanische Garten". 1812 war dort eine Anlage von 5 Hektar Größe mit Arboretum und einem Gewächshaus eröffnet worden. Das war spät im Vergleich zu anderen botanischen Gärten: die ältesten entstanden in Italien bereits im 16. Jahrhundert. Aber bis 1826 war München keine Universitätsstadt, und es fehlten die Köpfe, die eine solche Einrichtung einfordern konnten. Das änderte sich, als 1807 die Churbaierische Akademie zur Kgl. Baierischen Akademie der Wissenschaften reformiert wurde. Als sogenanntes Attribut der Akademie wurde die Anlage eines Botanischen Gartens in Angriff genommen. Sie stand in einer Reihe mit anderen Sammlungen und Anstalten des jungen Königreichs: wie der Hof- und Zentralbibliothek, der Sternwarte, der Antiken- und Münzsammlung, dem Naturalienkabinett. Allesamt galten als Attribute der Akademie.

An der Planung zum damaligen Botanischen Garten war Ludwig von Sckell, der Vollender des Englischen Gartens, beteiligt. Bepflanzt und geleitet wurde der Garten indes von Franz Paula von Schrank, einem hochgeschätzten Botanikprofessor. In den ersten Jahren seines Bestehens gedieh der Garten gut, wie Jahrzehnte später Karl von Goebel urteilten sollte.

Das Aus kam, als Mitte des 19. Jahrhunderts der Beschluss gefasst wurde, auf dem Gartengelände anstelle des Gewächshauses den sogenannten Glaspalast zu errichten. Das neue monumentale Gebäude mit einer Länge von 234 Metern sollte die für 1854 geplante Industrieausstellung beherbergen. Der damalige Gartendirektor Carl Friedrich Philipp von Martius erfuhr von diesen Plänen erst im Nachhinein. Seine heftigen Proteste waren vergeblich, der Bau des Glaspalastes war nicht aufzuhalten. Gekränkt beantragte Martius seine Pensionierung. Zwar erhielt der Botanische Garten später auf der anderen Seite der Sophienstraße noch neue Gewächshäuser und Institutsgebäude, doch Gestaltung und Betrieb des Gartens waren durch die Zweiteilung erheblich gestört. Hinzu kam die zunehmende Luftverschmutzung durch die Züge am nahen Bahnhof; die empfindlichen Bäume im Garten litten darunter.

1891 war der Morphologe und Moosforscher Karl von Goebel nach München berufen worden und Direktor des Gartens geworden. Von Anfang an waren für ihn die Zustände untragbar. In einer Denkschrift prangerte er die Rußplage und zugleich die unzureichenden Raumverhältnisse in den Gewächshäusern und im Institutsgebäude an. Goebel hatte schließlich Erfolg. Am 12. Februar 1908 wurde die Verlegung des Botanischen Gartens und gleichzeitig der Neubau des Botanischen Instituts genehmigt. Für Goebel hieß dies nun, wie er in einem Brief bemerkte, „der Wissenschaft entsagen und Gartentechniker [zu] werden".

Er unternahm Erkundungsfahrten von Dachau bis zum Starnberger See, um einen geeigneten Standort zu finden. Das Rennen machte am Ende ein Areal in Nymphenburg. Der benachbarte Schlosspark und der Grundbesitz der Englischen Fräulein boten im Süden und Osten Schutz vor Umbauung. Das im Westen gelegene Kapuzinerhölzl schützte vor Wind. Besonders positiv war, dass der geplante Garten durch Überleitung von Würmwasser aus dem Nymphenburger Kanal versorgt werden konnte. Ein Grundstückstausch beseitigte schließlich die letzten Planungshindernisse.

Die Voraussetzungen waren optimal: Der neue Garten würde eine Fläche von 18,7 Hektar umfassen, ausreichend Platz für die Gartenanlagen, Gewächshäuser und Institutsgebäude. Eine neu angelegter Straßenzug (die heutige Menzinger Straße) sollte als Zufahrtsstraße dienen. Weil die Stadt versprach, auch die Straßenbahn zum Garten hin zu verlängern, würde das Gelände gut von der Stadt aus zu erreichen sein. Fehlte nur noch das Substrat, sprich der Boden, der für die Anlage eines Gartens essenziell ist, denn im Münchner Schotterboden würden viele der anspruchsvollen Pflanzen nicht gedeihen. Gleich im Jahr 1909 wurden aus Moosach auf einer schmalspurigen Rollbahn 68 000 Kubikzentimeter Ackererde auf das Gelände verfrachtet und dort gelagert. Später schaffte man aus dem Dachauer Land weitere 50 000 Kubikzentimeter heran.

Die Erdarbeiten auf dem Gelände waren gewaltig. Goebel und der Gartenbauingenieur Peter Holfelder, Lehrer an der Kgl. Gartenbauschule in Weihenstephan, hatten Einiges vor: Die Ausschachtung eines vertieft angelegten Ziergartens, die Entstehung eines mit Kies befüllten Hügels, der die alpine Flora zur Schau stellen sollte. Außerdem ein Arboretum, die Anlage eines mehr als 3500 Quadratmeter großen Teiches, Heide- und Moorflächen, eine Farnschlucht mit einem Rhododendronhain, eine Abteilung mit Nutz-, Medizinal- und Giftpflanzen, eine systematische Abteilung, in der Vertreter aller Pflanzenfamilien zu sehen sein sollten, eine sogenannte biologische Abteilung mit einer reich ausgestatteten Wasserpflanzenanlage etc. Und eine Gewächshausanlage mit 4700 Quadratmetern für Besucher zugänglichen und rund 2300 Quadratmetern nichtzugänglichen Flächen nach Vorbild des Frankfurter Palmengartens.

Viele Schwierigkeiten seien zu überwinden und „hoffentlich erlebe ich noch die Fertigstellung", schrieb Goebel im Dezember 1910. Ein Jahr später fühlte sich Goebel, der gerne wieder eine Forschungsreise unternommen hätte, noch immer „an München gekettet". Der Neubau des Instituts nehme ihm neben seinen sonstigen Pflichten viel Zeit. Indes, die Anlage eines Botanischen Gartens war für Goebel eine erstrebenswerte Aufgabe, suchte er damit doch „seinem Nachfolger", wie er immer wieder betonte, „bessere Bedingungen zu schaffen", als er sie vorgefunden hatte. Und wenige Jahre zuvor hatte Goebel auch schon den Alpengarten angelegt, der noch heute als Außenposten des Botanischen Gartens existiert und im Wettersteingebirge auf dem 1850 m hohen Schachen liegt.

Die Bauarbeiten schritten voran und ab dem Winter 1911/12 wurden in Nymphenburg die ersten Pflanzungen für das neue Arboretum vorgenommen. Aus dem alten Botanischen Garten wurden rund 120 Bäume mit Ballen verpflanzt. Die Nadelgehölze wurden, weil sie am empfindlichsten gegen die „im Rauch enthaltene schwefelige Säure sind", in die westlichsten, der Stadt am entferntesten Areale verbracht. Allerdings haben viele dieser Koniferen den Umzug letztendlich doch nicht überlebt. Ab 1913 kamen Sträucher und Stauden in den neuen Garten. Inzwischen waren auch die Schaugewächshäuser fertiggestellt und bepflanzt. Sie waren so angeordnet, dass sie auf einem Rundgang besichtigt werden konnten. „Eigentlich ist die Anlage etwas zu groß gegriffen, aber der Betrieb lässt sich ja einschränken", urteilte Goebel im Januar 1913 über die Warmhäuser. Auch die Botanischen Forschungseinrichtungen waren schon 1913 bezugsbereit. Das monumentale Jugendstil-Bauwerk hatte Platz für Hörsaal, Laboratorium und das Botanische Institut.

Im Sommer 1913 fand Direktor Goebel endlich für eine Forschungsreise nach Brasilien, auch um „in den dortigen Hochlanden Lebermoose zu suchen". Eine anstrengende Reise: „Heiße Luft und Durst dabei.... Man möchte manchmal zwei Lebermoose für eine frische Maß Hofbräu geben", schrieb Goebel aus Brasilien. Doch bot sich viel Interessantes auf der Reise. „Gestern waren wir in einem herrlichen Wald, in dem man nur für den Münchner Garten alles mögliche einpacken möchte." Und das tat er auch. Wie beispielsweise riesige Bromelienarten mit auffallenden Blattrosetten, die später in den Gewächshäusern ihren Platz finden sollten. Natürlich kamen auch die gefundenen Lebermoose mit.

Als dann am 10. Mai 1914 der Botanische Garten feierlich eröffnet wurde, gab es rund fünfmal so viele Spezies als noch im alten Botanischen Garten zu sehen. Heimische und „harte" ausländische Arten wurden im Arboretum präsentiert, im Ziergarten schön blühende sowie durch Blattgestalt oder spätere Herbstfärbung auffallende Pflanzen.

Den Zweck des Botanischen Gartens sah man damals in erster Linie in der Belehrung der Bevölkerung. Die Gewächshäuser sollten zudem, wie Goebel ausführte, „dem Publikum einen Begriff von der Schönheit und Mannigfaltigkeit der außereuropäischen Pflanzenwelt" vermitteln. Eine besondere Attraktion war das Viktoriahaus, in dem in feucht-warmer Luft neben anderen Wasserpflanzen die größte aller Seerosen, die aus Südamerika stammende Victoria regia, mit riesigen Blättern von über 2 Metern Durchmesser besichtigt werden konnte.

Gleichzeitig war der Botanische Garten ein Ort, in dem und mit dem zur damaligen Zeit Forschung betrieben wurde. Goebels Arbeitstag begann fast immer im Gewächshaus. Wenngleich er bemerkte, dass „eine Menge von wissenschaftlich wertvollen und allgemein interessanten Pflanzen (...) noch in Kultur (fehle)", bot der Garten ihm und den anderen Wissenschaftlern genügend Material für ihre Untersuchungen und Demonstrationen. Das Institut galt als eine der reichsten botanischen Anstalten in Deutschland.

Von der Stadtmitte nach Nymphenburg verlegt wurden 1913/1914 auch die Botanischen Sammlungen. Als „Herbarium regium monacense" unter Franz Paula von Schrank 1813 begründet, waren die Sammlungen im Laufe des 19. Jahrhunderts beständig erweitert worden. Herauszuheben sind unter den getrockneten Pflanzenschätzen besonders die über 20 000 Pflanzenbelege, die der frühere Gartendirektor Carl Friedrich Philipp von Martius von seiner Brasilienreise mitgebracht hatte. 1919 wurden die schönsten für den Laien präparierten Pflanzen in einem eigens im Erdgeschoß des Botanischen Instituts eingerichteten Museum zur Schau gestellt.

Und heute, 100 Jahre nach der Eröffnung? Die Botanischen Sammlungen befinden sich als Teil der Naturwissenschaftlichen Staatssammlungen wie damals auf dem Nymphenburger Gelände. Inzwischen angewachsen auf drei Millionen getrocknete Pflanzen, Pilze, Moose, Algen und Flechten, sind sie jedoch ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke zugänglich. Längst sind die Zeiten vorbei, dass die Botaniker im Gewächshaus und überwiegend mit dem Lichtmikroskop ihre Forschungen betreiben. Heute stehen aufwändige molekularbiologische Methoden bis hin zur Genomanalyse im Vordergrund. Das Institut an der Menzinger Straße mit dem zum Department Biologie I der Universität München gehörigen Bereich für Systemische Botanik und Mykologie zählt zu den profiliertesten in Deutschland.

Auch der Botanische Garten selbst ist organisatorisch den Naturwissenschaftlichen Staatssammlungen zugeordnet und steht unter der Leitung von Susanne Renner. Immer grün, immer schön, können Besucher auf einem Transparent lesen, wenn sie sich dem Garteneingang nähern. Heutzutage werden sie weniger belehrt – es geht mehr ums Erleben. Der Publikumsrenner ist die alljährlich winters stattfindende Ausstellung tropischer Schmetterlinge. Neben der Rosenschau im Juni und weiteren Sonderausstellungen gibt es Bastelnachmittage für Kinder, Liederabende und Performances inmitten der Pflanzenwelt. Und doch kommen nicht wenige Besucher, um nur spazieren zu gehen und sich für eine oder zwei Stunden an schönen Blumen zu erfreuen. (Petra Raschke)

Im Vergleich zu 1914 hat sich überraschend wenig an der äußeren Gestalt des Gartens geändert. Zwar sind die Gewächshäuser nicht mehr dieselben wie zu Gründungszeiten und neue Gartenareale wurden angelegt – aber die Goebelsche Anlage ist noch zweifelsfrei zu erkennen. Und damals wie heute kann sie sich mit den schönsten europäischen Gärten messen.

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