Unser Bayern

Der Regensburger Heufalter (Colias myrmidone) ist seit dem Jahr 2000 nicht mehr beobachtet worden und gilt als ausgestorben. (Foto ZSM)

21.07.2017

Gaukler im Sinkflug

„Volkszählung“ bei Schmetterlingen: Forscher beklagen trotz einiger Neufunde den dramatischen Rückgang zahlreicher Arten

Der schöne ostasiatische Exot fühlt sich wohl an der Donau – so wohl, dass er die Gegend um Deggendorf gleich auf Dauer zur neuen Heimat  machte: Inzwischen kann man dem Japanischen Eichenseidenspinner dort häufiger begegnen. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 14 Zentimetern ein wahrlich prächtiger Gaukler der Lüfte. Nicht weniger fremdartig, wenn auch wesentlich kleiner und gedrungener, mögen einem im Sommer selbst an innerstädtischen Balkonblumen rüsselnde „Kolibris“ erscheinen: Das sind Taubenschwänzchen, eine Schwärmerart, die auch immer öfter in Bayern anzutreffen ist – als Wanderfalter jedoch nur als Saisongast.

Das sind nur zwei Beispiele von Neulingen im Schmetterlingsland Bayern, wo rund 87 Prozent  aller aus Deutschland bekannten Arten vorkommen oder vorkamen: Die hohe Anzahl von 3251 Schmetterlingsarten in Bayern ist bemerkenswert – und doch schlagen Forscher Alarm: Allerweltsfalter verbreiten sich, die Raritäten verschwinden.

Unerwartete Neuentdeckungen

Forscher der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM) haben jüngst eine umfassende Bestandsaufnahme der bayerischen Schmetterlinge vorgestellt. Andreas Segerer, Oberkonservator in der Abteilung Entomologie der ZSM, und sein ehrenamtlicher Mitarbeiter Alfred Haslberger haben in über zweijähriger gemeinsamer Arbeit eine  „Checkliste der Schmetterlinge Bayerns“ erstellt. Eine derart detaillierte, räumlich und zeitlich differenzierte „Volkszählung“ der heimischen Schmetterlingsarten mit über 2100 Kommentaren, hat es in dieser Form noch niemals zuvor gegeben. Die von der Bürgervereinigung Obermenzing e. V. und der Crocallis-Stiftung unterstützte Studie brachte nicht nur verschiedene unerwartete Neuentdeckungen zu Tage, sondern dokumentiert auch den Besorgnis erregenden Rückgang unserer heimischen Schmetterlinge.

Die ZSM verfügt über die größte Schmetterlingssammlung der Welt: Es sind mindestens zehn Millionen Exemplare. Diese wurden im Lauf von rund 250 Jahren von hauptamtlichen und privaten Insektenkundlern aus allen Teilen der Welt zusammengetragen und bilden einen einmaligen Grundstock für die Forschung. Gerade in Zeiten des weltweiten Artensterbens mag eine solch große Zahl von Sammlungsexemplaren auf Laien irritierend wirkend. Tatsächlich sind umfangreiche Aufsammlungen die wissenschaftliche Grundlage, um Vorkommen, Merkmale, Ökologie und Bestandentwicklung von Insekten zu erforschen und als „gerichtsfeste“ Dokumente aufzubewahren.

Insektensammler sind nicht Schuld am Rückgang

Anders als bei Wirbeltieren wie Bär, Wolf und Luchs hat gezielte „Bejagung“ – also Sammeln – keinen relevanten Einfluss auf die Bestands­entwicklung von Insekten. Das liegt in ihrer Reproduktionsstrategie begründet: Die Tiere setzen auf eine riesige Masse von Nachkommen, von denen die meisten natürlichen Feinden zum Opfer fallen und nur ein Bruchteil zur Fortpflanzung gelangt. Ob sich zum Heer von Vögeln, Fledermäusen, Spinnen, Insekten und allen anderen Organismen, die den Schmetterlingen nachstellen, auch noch die wenigen Insektensammler dazugesellen oder nicht, spielt für die Arterhaltung überhaupt keine Rolle, meint Andreas Segerer. „Der dramatische Rückgang unserer Insektenwelt hat völlig andere Ursachen.“

Bei ihren Recherchen über die bayerischen Falter haben Andreas Segerer und Alfred Haslberger über 400 000 elektronische Datensätze ausgewertet; hinzu kommt eine ebenfalls im sechsstelligen Bereich angesiedelte Menge an noch nicht digital erfassten Literatur- und Sammlungsdaten aus über zwei Jahrhunderten, und gezielte eigene Freilanduntersuchungen. Alle Daten galt es zu sichten, auf Plausibilität zu prüfen – historische Fehlbestimmungen wurden gegebenenfalls korrigiert.

Dabei brachte der Einsatz moderner Methoden der Artbestimmung diese mühselige Kleinarbeit wesentlich voran: Allen voran das an der kanadischen Universität in Guelph entwickelte sogenannte DNA Barcoding, ein molekularbiologisches Verfahren, das eine einfache und objektiv sichere Bestimmung der Arten anhand eines genetischen Fingerabdrucks erlaubt. Beim Einsatz dieser Methodik gehört die ZSM zu den weltweit führenden Instituten. In Rahmen des vom bayerischen Wissenschaftsministerium geförderten Forschungsprojekts „Barcoding Fauna Bavarica (BFB)“ erarbeiten die ZSM-Forscher zurzeit eine genetische Referenzbibliothek zur molekularen Bestimmung möglichst aller heimischen Tierarten. Ergänzt werden diese Arbeiten durch das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „German Barcode of Life (GBOL)“.

Auffällig gezeichnete Doppelgänger

Allein im Rahmen der genetischen Analysen entdeckten die Schmetterlingsforscher der ZSM sechs Arten erstmals in Mitteleuropa, 21 Erstfunde für die deutsche und weitere 47 für die bayerische Fauna. Der auffällig gezeichnete Sibirische Prachtwickler (Olethreutes subtilana) ist ein Beispiel: Erst durch routinemäßige genetische Untersuchungen wies Andreas Segerer nach, dass diese von Russland bis Ostasien verbreitete Art auch bei uns in Mitteleuropa vorkommt; sie besitzt nämlich einen häufigen, bis dato als „unverwechselbar“ angesehenen heimischen Doppelgänger und war deshalb über Jahrzehnte hinweg nicht erkannt worden.

Insgesamt dokumentierten die Wissenschaftler in dem neuen Katalog 3243 Schmetterlingsarten für Bayern. Im weiteren Verlauf des Jahres 2016 wurden noch acht Neuheiten entdeckt, so dass die Zahl inzwischen 3251 beträgt. Die meisten von ihnen gehören zur ursprünglichen, bodenständigen Fauna. Dazu kommen noch einige nicht-bodenständige Arten, die als Einwanderer aus dem Süden regelmäßig oder gelegentlich bei uns auftauchen: Admiral (Vanessa atalanta), Distelfalter (Vanessa cardui) oder das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum) gehören zu den bekanntesten der „Wanderfalter“. Schließlich gibt es noch rund 80 Arten, die sich in neuerer Zeit in Bayern angesiedelt haben, sei es durch Ausbreitung auf natürlichem Wege oder durch Einschleppung aus fernen Ländern (sogenannte Arealerweiterer und Neozooen). Der Japanische Eichenseidenspinner (Antheraea yamamai) ist ein spektakuläres Beispiel für die letzteren.

Regensburger Heufalter ist ausgestorben

Die artenreichsten Lebensräume für Schmetterlinge sind die Magerrasen und Steppenheiden in Wärmegebieten, wie sie besonders in Nordwestbayern anzutreffen sind. Diese offenen, nährstoffarmen Lebensräume sind alte Kulturlandschaften. Sie entstanden aus der ursprüng-lich bewaldeten Fläche Mitteleuropas durch die Aktivitäten des Menschen seit dem Mittelalter und dienten vorwiegend als extensiv genutzte Weiden. Dort leben an Wärme, Trockenheit und nährstoffarme Umgebung angepasste Falterarten, die zu den größten Naturschätzen Bayerns zählen; sie sind heutzutage leider meist vom Aussterben bedroht oder gar schon verschwunden. Der berühmte Regensburger Heufalter (Colias myrmidone) hatte dort zum Beispiel noch bis ins Jahr 2000 seine einzigen Vorkommen in Deutschland, ist jetzt aber ebenso ausgestorben wie der Große Diptam-Plattleibfalter (Depressaria dictamnella) und etliche weitere.

Auch andere, in historischer Zeit geschaffene Kulturlandschaften, wie Streuwiesen, schufen Nischen für hochgradig angepasste Spezialisten. Am Ammersee entdeckte Andreas Segerer eine Population des winzigen, goldglänzenden Wiesenknopf-Schopfstirnfalters (Coptotriche szoecsi), der dort ... (UBAY)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Juli-/August-Ausgabe von UNSER BAYERN in der BSZ Nr. 29. vom 21. Juli 2017

Abbildungen (von oben):

Der Japanische Eichenseidenspinner wurde vermutlich eingeschleppt und fühlt sich in Bayern dauernahft heimisch. (Foto: ZSM)

Das Kolibri-ähnliche Taubenschwänzchen ist ebenso wie der Distelfalter (folgende Abbildung) Saisongast in Bayern. (Fotos: dpa)

Der Admiral ist zwischen Maii und Oktober Vermehrungsgast in Bayern. (Foto: dpa)

Am Ammersee ist der winzige Wiesenknopf-Schopfstirnfalter zuhause - es ist das einzige bekannte Vorkommen in Deutschland. (Foto: Peter Lichtmannecker)

 

 

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