Wirtschaft

Georg Schlagbauer, der neue Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern. (Foto: HWK)

22.08.2014

Meistervorbehalt, Wirtschaftsverkehr, Ausbildung

Georg Schlagbauer, der neue Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, über seine Vorhaben und Ziele

Bei vielen Themen werde ich an die Arbeit meines Vorgängers Heinrich Traublinger anknüpfen“, erklärte der Ende Juli neu ins Amt gewählte Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Georg Schlagbauer, bei der Vorstellung seiner Arbeitsschwerpunkte. Er halte es mit Wilhelm Busch, der einmal gesagt hat: „Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren.“
Als Schwerpunkte seiner Arbeit nannte der Kammerpräsident den Erhalt des Meistervorbehalts; die konsequente Fortsetzung, aber auch stete Evaluierung der erfolgreichen Nachwuchsarbeit; den Umbau beziehungsweise die Neuausrichtung der kommunalen Beschäftigungsprogramme; die drohende Zurückdrängung und Belastung des Wirtschaftsverkehrs; die konsequente Verfolgung eines weiteren Bürokratieabbaus sowie den Einsatz für eine nachhaltige und vorausschauende Gewerbeflächenpolitik ohne eine ausschließlich Fokussierung auf die Wohnraumprobleme.

Gegen den Bau von "Radl-Autobahnen"

Für die reibungslose Abwicklung des Wirtschaftsverkehrs in München und Umgebung forderte Schlagbauer unter anderem Verbesserungen bei den Ampelschaltungen und bei der Verästelung des Straßennetzes. Die ins Spiel gebrachte verstärkte Nutzung so genannter Elektro- und Lastenfahrräder sei für das Handwerk aufgrund längerer Anfahrten, vorgegebener Lieferfristen sowie dem Transport schwerer Gerätschaften „nur sehr begrenzt umsetzbar“.
Neben dem Ausbau der Infrastruktur für den ÖPNV müsse beispielsweise die Radwegeplanung künftig stärker als bisher auf die Gewinnung attraktiver und sicherer Fortbewegungsräume für den Radverkehr ausgerichtet werden, forderte der Kammerpräsident. Dabei helfe jedoch der reine Bau von „Radl-Autobahnen“, etwa an der Lindwurmstraße, auch mit Blick auf die Kostenkalkulation, nicht weiter. Schlagbauer schlägt vielmehr vor, Fahrradrouten weitgehend vom Hauptstraßennetz zu entkoppeln, damit der Verkehr besser fließen kann. Eine vorrangige Führung des Radverkehrs entlang landschaftlich oder städtebaulich reizvoller Strecken, vorzugsweise durch Wohngebiete, würde dann auch zu einer Belebung der Nahversorgung in den Stadtvierteln führen und dem Handwerk nützen.
Die Förderung der E-Mobilität stellt aus Schlagbauers Sicht einen Kernpunkt im Rahmen geeigneter Luftreinhaltemaßnahmen dar. Er schlägt vor, mittelständische Betriebe, die ihre Lieferfahrzeuge auf E-Fahrzeuge umstellen, den Parkausweis für Gewerbebetriebe beziehungsweise den Handwerkerausweis für fünf Jahre kostenlos auszustellen. „Wir wollen diese chancenreiche Technologie so anschieben, aber keine Dauerförderung.“

Weniger Lehrverträge
als im Vorjahr


Zum Thema Berufsnachwuchs sagte der Kammerpräsiedent, dass im Bezirk der Handwerkskammer bis Ende Juli 4634 neu abgeschlossene Lehrverträge registriert wurden. Dies sei aber trotz stabiler Konjunktur und guter Meldungen vom Arbeitsmarkt ein leichter Rückgang um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. „Eine Berufsausbildung im dualen System ist die beste Grundlage, um in die berufliche Karriere zu starten. Diese Überzeugung teilt heute aber leider nicht mehr jeder. Für viele junge Menschen und vor allem Eltern erscheint es attraktiver, möglichst lange an der allgemeinbildenden Schule zu bleiben, um – am besten mit dem Abitur in der Tasche – an die Hochschule zu wechseln.“ Die Durchlässigkeit der beruflichen Bildung werde dabei konsequent ignoriert und in der Folge die duale Berufsausbildung fast schon umschifft. Hier müsse man ansetzen, um den betroffenen Personenkreis noch stärker von der Leistungsfähigkeit des Handwerks zu überzeugen und die Jugendlichen zunächst für Praktika in den Betrieben zu gewinnen.

Zahlreiche unbesetzte Lehrstellen

Auch im neuen Ausbildungsjahr werden laut Schlagbauer wieder viele Lehrstellen im Handwerk unbesetzt bleiben. Um dieser Entwicklung wirkungsvoll zu begegnen, spreche die Handwerkskammer neue Zielgruppen an, die gut zum Handwerk passen. Um beispielsweise junge Flüchtlinge über die Vorteile einer Berufsausbildung im Handwerk zu informieren, hat die Kammer in Kooperation mit dem bayerischen Arbeitsministerium extra einen Akquisiteur eingestellt. Hier sieht Schlagbauer große Chancen. „Um den Menschen ein menschenwürdiges Leben, die Teilhabe an der Gesellschaft und eine Chance auf eine neue Heimat zu eröffnen, müssen wir ihnen dringend den Zugang zu Bildung und Ausbildung ermöglichen.“
Auch Jugendliche, die sich zu Beginn einer Berufsausbildung schwer tun, will das Handwerk verstärkt gewinnen. Der Kammerpräsident regte an, das 2012 im Rahmen des „Münchener Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms“ (MBQ) gestartete Projekt „pass(t)genau“, bei dem Lehrlinge zusätzliche Nachhilfe in Theorie und Praxis sowie Zugang zu Pädagogen erhalten, auf Jugendliche auszuweiten, die gerade erst mit der Ausbildung beginnen.

Plädoyer für Meistervorbehalt

Ernste Sorgen bereitet dem Handwerk auf europäischer Ebene das Vorgehen der EU im Bereich der regulierten Berufe. „Wir sehen hier die Gefahr, dass am Ende des Evaluierungsprozesses der Meistervorbehalt für einige Gewerke wegfallen könnte.“ Wozu der Wegfall des Meistervorbehalts führt, zeige unter anderem das Beispiel der Fliesenleger, die diesem nicht mehr unterliegen: Ende 2003, noch vor dem Wegfall, gab es in München 119 Betriebe. Seitdem ist die Zahl der eingetragenen Fliesenleger in der Landeshauptstadt auf 2544 regelrecht explodiert. Allerdings ohne positive Auswirkungen auf die Zahl der Auszubildenden. Bildeten die Münchner Fliesenlegerbetriebe 2003 immerhin noch 25 Lehrlinge aus, sind es mittlerweile nur noch neun. „Das Vorgehen der EU würde auch unser bewährtes duales System der beruflichen Bildung gefährden. Dieses hat nicht zuletzt dazu beigetragen, dass Deutschland wirtschaftlich so viel besser dasteht, als die meisten anderen Länder in Europa.“ (Friedrich H. Hettler)

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