Wirtschaft

In gewohnt launiger Manier deutet Bernd A. Diederichs (r.) auf einen seiner Nachfolger und meint, dass dieser jetzt das künftige Wachstum der NürnbergMesse vorantreiben darf. Noch-Pressesprecher Peter Ottmann wird gemeinsam mit Roland Fleck, der derzeit noch Wirtschaftsreferent der Stadt Nürnberg ist, die Geschäftsführung übernehmen. foto Schweinfurth

15.07.2011

Mit Rekordzahlen in den Ruhestand

Geschäftsführer der NürnbergMesse hinterlässt ein Erbe, das verpflichtet

Mit einem Rekordumsatz von 205 Millionen Euro und knapp 10 Millionen Euro Gewinn verabschiedet sich Bernd A. Diederichs nach 15 Jahren an der Spitze der NürnbergMesse in den Ruhestand. Der langjährige Geschäftsführer sorgte während seiner Ägide für den Aufstieg des Messeplatzes Nürnberg in die Top 20 der Welt und in die Top Ten Europas. Selbst innerhalb Deutschlands rangiert die NürnbergMesse derzeit auf dem siebten Platz.

„Wir sind die am schnellsten wachsende Messegesellschaft in Deutschland gewesen. Hoffentlich bleibt das auch so“, sagte Diederichs bei seiner letzten Bilanzpressekonferenz in der Frankenmetropole. 560 Millionen Euro sind in Diederichs’ Amtszeit in den Ausbau des Messezentrums im Nürnberger Stadtteil Langwasser geflossen. Die Hallenfläche ist in dieser Zeit um 50 Prozent auf 160.000 Quadratmeter vergrößert worden.
Zur aktuellen Bilanz für das Geschäftsjahr 2010 meinte der scheidende Geschäftsführer: „Es ist uns erstmals gelungen, zwei wichtige Ziele zu erreichen: Wir schließen das Geschäftsjahr mit einem Rekordgewinn von rund 10 Millionen Euro ab. Das soll kein einmaliges Ereignis gewesen sein. Die NürnbergMesse hat mit dem Jahr 2010 so etwas wie die Gewinnschwelle erreicht.“ Zumindest in den geraden Jahren sei das so. In den ungeraden Jahren wie dem laufenden 2011 würde die Messe aber noch weiterhin Verluste machen. „Konsolidiert man die beiden Geschäftsjahre, bleibt aber immer noch ein Gewinn“, so Diederichs.
Das sei wichtig, weil es zweierlei sichere: „Wirtschaftliche Unabhängigkeit und Augenhöhe mit unseren zumeist mittelständischen Kunden, deren Geschäftszweck auch auf eine Gewinnerzielung ausgerichtet ist.“ Das gebe der künftigen Geschäftsführung genügend Spielraum im Cashflow, um die nötigen Investitionen für die Zukunft vorzunehmen. Denn während in den letzten Jahren vor allen in neue Gebäude investiert wurde, sei der Substanzerhalt des Kernbereichs des seit 1974 existierenden Nürnberger Messezentrums gerade auf dem nötigen Minimum gefahren worden. „Das wird sicherlich der Investitionsschwerpunkt der kommenden Jahre“, sagt Diederichs und Pressesprecher Peter Ottmann, der ab 1. August in die Geschäftsführung wechseln wird, pflichtet ihm bei.
Das zweite große Ziel der NürnbergMesse ist Diederichs zufolge mehr sportlicher Natur. „Wir haben einen neuen Umsatzrekord von 205 Millionen Euro erzielt und damit unsere letzte Bestmarke aus dem Jahr 2008 um stolze 34 Prozent übertroffen. In unserer Strategie 2020 haben wir festgelegt, dass wir in weniger als zehn Jahren zu den Top Five Messegesellschaften in Deutschland gehören wollen.“ Das bedeute, dass die NürnbergMesse noch zwei Plätze gutmachen müsse.


Stimmige Messekonzepte

Das dürfte aber mühelos gelingen, wenn man die Wachstumsdynamik der NürnbergMesse in den zurückliegenden Jahren betrachtet. Die Messeplätze Hamburg, Leipzig und Stuttgart, die alle ein neues Messegelände bekommen haben, stellen laut Diederichs im innerdeutschen Wettbewerb keine ernsthafte Gefahr für die Nürnberger dar. „Denn die Konzepte müssen stimmen, damit Messen reüssieren“, sagt er mit Blick auf die drei mit neuesten Hallen ausgestatteten Messegesellschaften. „Die Nürnberger Messekonzepte sind sogar wichtig fürs Ausland“, sagt Diederichs. Ausländische Besucher würden ihre heimischen Messen zugunsten von Nürnberg vernachlässigen. Das liegt daran, dass sie in der Frankenmetropole für ihren Fachbereich einfach das abgerundetere Angebot bekommen.
Insgesamt sei 2010 auch jenseits von Umsatz und Gewinn ein uneingeschränkt positives Jahr gewesen. Auf der Basis des besser vergleichbaren Messejahres 2008 seien alle Kenngrößen im Plus: 9 Prozent mehr Aussteller, 10 Prozent mehr verkaufte Ausstellungsfläche und 9 Prozent mehr Besucher. Neben dem reinen Flächenverkauf haben zusätzliche Dienstleistungen einen immer größeren Anteil am Umsatz. „Inzwischen können unsere Aussteller den kompletten Standbau in allen Preisklassen buchen, dazu die passenden Presse- und Marketingaktionen sowie die immer wichtiger werdende Internetpräsenz“, verdeutlicht der Messechef. MesseServices, so heißt der Geschäftsbereich, erwirtschafte fast ein Viertel des Gesamtumsatzes der NürnbergMesse Group. 2010 waren es 48,8 Millionen Euro – ein Plus von 143 Prozent.
Auch die anderen Geschäftsfelder der NürnbergMesse trugen 2010 zum Wachstum der NürnbergMesse Group bei. So verzeichneten die Eigen- und Partnerveranstaltungen im Inland ein Plus von 68 Prozent auf 85,4 Millionen Euro, im Ausland ein Plus von 24 Prozent auf 18,3 Millionen Euro. Die Gastveranstaltungen wuchsen ebenfalls um 20 Prozent auf 41 Millionen Euro. Nur im CCN CongressCenter Nürnberg musste ein leichter Rückgang von 12,6 Millionen Euro auf 11 Millonen Euro hingenommen werden. Grund hierfür war die Großbaustelle im Bereich Mitte (Staatszeitung berichtete) bis September letztes Jahr. „Für das laufende Jahr 2011 sind aber bereits wieder neue Bestmarken absehbar“, so Diederichs.

„Messekämpfe“ gewonnen


Da die ungeraden Jahre für die NürnbergMesse turnusgemäß immer schwächer sind als die gerden, erwartet Diederichs für 2011 einen Umsatz von rund 170 Millionen Euro und einen geplanten Verlust von 6 bis 7 Millionen Euro. „Trotzdem wird das Jahr 2011, das steht heute schon fest, das zweitstärkste in der Geschichte der NürnbergMesse“, verspricht der scheidende Messechef.
Angesichts des bevorstehenden Ruhestands ist es Diederichs nicht bang. Er wolle viel mit seiner Frau unternehmen, seinen Oldtimer, einen Triumph TR 2, ausfahren und viel mit seiner Leica fotografieren. Stolz ist er, dass es ihm in 15 Jahren an der Spitze der NürnbergMesse mit seinem Team gelungen ist, 30 neue Messen dauerhaft nach Nürnberg zu holen und im Auftrag der jeweiligen Fachverbände zwei „Messekämpfe“ gewonnen zu haben: die Chillventa (vorher IKK) und die embedded world (vorher embedded systems) bleiben in der Frankenmetropole. Auch die Gründung der Auslandsmessegesellschaften in Brasilien, Italien, China und Nordamerika waren laut Diederichs richtige Schritte. Tragen diese derzeit etwa 8 Prozent zum Umsatz bei, sollen es bis 2020 rund 20 Prozent werden. Während Brasilien sehr gut laufe, befinde man sich in China und Nordamerika noch in der Aufbauphase. „Doch hier wurde auch nicht annähernd so viel investiert wie in Brasilien.“ Für Diederichs ist klar, dass sich durch das Wachsen der intrakontinentalen Handelsströme in den Mercosur, den NAFTA- und den ASEAN-Staaten neue Drehscheiben etablieren werden. Deshalb sei die Präsenz der NürnbergMesse in diesen Märkten sehr wichtig, um auch künftiges Umsatzwachstum sicherzustellen. Denn im Inland schrumpfe die Beteiligung an Messen.
Gerne erinnert sich Diederichs an sein Vorstellungsgespräch beim Aufsichtsrat der NürnbergMesse vor über 15 Jahren. „Ich dachte ja, ich solle so etwas wie ein Messeamtsleiter verwalten und stellte Minister Beckstein die Frage: Kann ich denn hier unternehmerisch tätig werden? Worauf dieser antwortete: Wenn’s mich nicht mein Ministeramt kostet, machen Sie es eben.“ Mit diesem Lob an Bayerns Ex-Ministerpräsidenten dankte Diederichs auch der Politik, die die rasante Entwicklung der NürnbergMesse erst ermöglichte. Seiner Mannschaft dankte er für den unermüdlichen Einsatz und die offene Art, wie man miteinander umgegangen ist. Denn es sei nicht die Art im Team der NürnbergMesse, sich diebisch zu freuen, wenn einem Kollegen etwas misslingt, nur um daraus für sich selbst Profit zu schlagen.

Neue Messen akquirieren


Für die neue Geschäftsführung der NürnbergMesse mit dem bisherigen Pressesprecher Peter Ottmann und Nürnbergs Wirtschaftsreferenten Roland Fleck (CSU) an der Spitze wird es trotz der prägenden Ägide von Bernd A. Diederichs noch viel zu tun geben. So muss der aktuelle Schuldenstand von 220 Millionen Euro abgebaut und die damit verbundene jährliche Zinslast von 9 bis 10 Millionen Euro geschultert werden. „Wenn’s gut läuft, werden wir 2012 zwischen 20 und 30 Millionen Euro Schulden tilgen“, verkündet Ottmann. Er kann sich auch auf eine Eigenkapitalerhöhung der Messe um 60 Millionen Euro bis 2015 freuen. Ziel der künftigen Geschäftsführung werde es sein, neben dem konsequenten Ausbau der Aktivitäten im Ausland die bestehende Messeinfrastruktur noch besser auszulasten. Vor allem die ungeraden Messejahre könnten noch einige Veranstaltungen aufnehmen. „Wir werden aber keine Messe ablehnen, die in den geraden Jahren zu uns kommen möchte“, so Ottmann. (Ralph Schweinfurth)

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