Bauen

Die beiden überdimensionalen Stege der AlpspiX ragen einige Meter übers Höllental hinaus. (Foto: Schuh)

21.09.2012

1000 Meter in die Tiefe

Künstliche Plattformen wie das AlpspiX in Garmischen-Partenkirchen sind sektakulär und umstritten

Man muss nicht bis in die USA reisen zum Grand Canyon, um vom „Skywalk“ einen spektakulären Blick in tiefste Tiefen zu wagen. Das geht auch südlich von München, von Garmisch-Partenkirchen aus, an der deutsch-österreichischen Grenze: Denn hier gibt es seit zwei Sommern eine ganz besondere Plattform: „AlpspiX“ genannt. Der groß geschriebene letzte Buchstabe im Kunstnamen verrät schon die Bauweise: Zwei überdimensionale Stege in X-Form, die gegeneinander gebogen sind, ragen jeweils gut 24 Meter lang und drei Meter breit vom Fels hinaus ins Nichts.
Die beiden gekreuzten Stahlwege sind recht massiv: Sie wiegen 30 Tonnen und ragen etwa 50 Meter oberhalb der Bergstation einige Meter übers Höllental hinaus. Der Besucher blickt rund 1000 Meter in die Tiefe und steht ziemlich genau gegenüber der Zugspitze. Am Ende begrenzt von einer Glasscheibe. Der Boden ist Gitterrost. Atemberaubender kann die Aussicht mit Blick in den Abgrund kaum sein.
Auf den Stahlarmen stehend, hat man das Gefühl, in der Luft zu schweben. Am Ende schaut man durch Glas wie durch ein Schaufenster in die Tiefe. Unterhalb der Konstruktion sieht man Eltern mit ihren Kindern entlangspazieren: Hier beginnt der neue, interaktive Genuss-Erlebnisweg, der sich entlang von 18 Stationen über drei Kilometer hinab zur Bergstation der Kreuzeckbahn schlängelt.
Aber Vorsicht. Die Ortsbegehung ist nicht ohne: Weil das vordere Ende der Stege nur aus Glasplatten und der Boden unter einem aus durchsichtigen Gitterrosten besteht, sollte man schwindelfrei sein. Auch Bergerprobten kribbelt es hier im Magen.
Die beiden separat gebauten und durch eigene Fundamente gesicherten Stege wippten anfangs, wenn Besucher auf ihnen herumliefen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Maurer Söhne, ein Münchner Hersteller von Dämpfungselementen, wurde beauftragt, unter die Stege vier Massendämpfer zu montieren. Die rund 300 Kilogramm schweren „Gegenschwinger“ reichten nicht aus, um die beiden Stege zu sichern. Jetzt gibt ein hydraulisches Dämpfungselement zusätzlichen Halt.
Die ungewöhnliche Form des Stahlbaus ist von Architekten aus der Region entwickelt, dem Statikbüro Schütz Ingenieure aus Kempten und zwar nach der Finite-Elemente-Methode, mit der auch die Crash-Sicherheit von Autos ermittelt wird. Das zweiteilige Stabwerk (Prinzip Fachwerkhaus) mit seiner Masse von 60 Tonnen ruht jeweils auf zwei Beton-Fundamenten (jeweils 100 Tonnen), wobei das eine die Druck- und das andere die Zugkräfte abträgt. Aber es ist nicht das Gewicht der Besuchermassen, das die Stege an ihre Belastungsgrenze bringen könnte; vielmehr ist es die höchstmögliche Schneelast, die auf 5,5 Kilonewton je Quadratmeter geschätzt wurde. Um das aufzuwiegen, müssten sich sieben Personen – bei einem Durchschnittsgewicht von 80 Kilogramm – auf jedem Quadratmeter des Stegs drängen, damit das jetzt angenommene Maximalgewicht von etwa 550 Kilogramm erreicht werden kann. Weil darüber hinaus noch ein Sicherheitsfaktor von 1,5 berücksichtigt worden ist, könnten es sogar 825 Kilo sein.
„Das Adrenalin in Wallung bringen“, hieß es nach Eröffnung in einer Pressemitteilung der Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG. Sie meinte damit die Gäste, die durch die atemberaubende Konstruktion nach Garmisch-Partenkirchen gelockt werden sollen. In Wallung geriet aber bei der Eröffnung vor zwei Jahren erst mal das Blut der Alpenschützer: „Unsere Berge brauchen keine Geschmacksverstärker“, war damals auf dem Banner zu lesen.

Nervenkitzel garantiert


Ein bekannter Kletterer, Stefan Glowacz, seilte sich aus Protest an dem 24 Meter langen Alpen-Balkon ab. Eine Debatte über den Umgang mit der Natur wurde losgetreten. „Fastfood-Attraktionen gehören nicht in die Natur“, polarisierte Glowacz. Tagelang berichteten die Medien von nichts anderem. „Der Schuss ging gewaltig nach hinten los“, erinnert sich Gästeführer Manfred Michel. „Die Massen kamen mit der Bergbahn hoch und fragten mich: Wo hing der Depp eigentlich“, erzählt der gebürtige Würzburger. Noch heute, zwei Jahre nach der Protestaktion, fragen ihn Besucher danach, erzählt Michel.
Die Zugspitzbahn und Tourismusanbieter in Garmisch aber wollen mit der AlpspiX neue Zielgruppen erschließen, sagen sie selbst. „Während die Zugspitze nicht für alle geeignet ist“, sagt Michel, „ist hier um die Plattform um die Alpspitze herum alles familiengerecht. Selbst mit dem Kinderwagen kannst du die Bergwelt genießen.“ Und es funktioniert. Kaum war der AlpspiX eröffnet, verzeichnete die Alpspitzbahn eine Verdopplung der Fahrgäste.
Das hat sich inzwischen auch an anderen Orten in den Alpen herumgesprochen. Seilbahnbetreiber, wie beispielsweise im österreichischen Sölden, haben spektakuläre Wege über Abgründe gebaut. Alle vereint sie die Idee: Seilbahngästen einige Augenblicke einer hochalpinen Tour zu bieten, ohne ihnen einen schweißtreibenden Aufstieg mit den üblichen Gefahren des Bergsteigens zuzumuten. Zehn Minuten Nervenkitzel reicht. (Claudia Schuh)

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