Bauen

Ein Teil der "Nuen Mitte" mit dem Kapfinger-Turm. (Foto: Kapfinger Vermögensverwaltungs GmbH)

10.06.2011

Der alte Charme ging vielfach flöten

Die Umgestaltung der Passauer Innenstadt ist nur teilweise geglückt

André Hellers Traum von einem phantastischen Garten hoch über den Dächern von Passau ist längst zerstoben. Und dennoch sprudeln in der Neuen Mitte der Stadt die Springbrunnen. Passau lebt, die angesehene Universität im barocken Nikolakloster hat endlich ein repräsentatives Entree, einen mediterran inspirierten Park, der jedem mondänen Badeort zur Ehre gereichen würde. Allerdings wurde bei der Verwirklichung der „Neuen Mitte“ viel von der Unverwechselbarkeit der Dreiflüssestadt geopfert.
Es war ein langer, zäher Entscheidungsprozess, der eigentlich schon in den frühen 1980er Jahren seinen Anfang nahm. Damals sollte der Domberg unterkellert werden mit einer gigantischen Tiefgarage, die sich an Salzburg orientierte. Zudem wären damit die Stadtteile Innstadt und Ilzstadt direkt über alle Flüsse hinweg direkt verbunden worden. Bürgerproteste und der Denkmalschutz haben das verhindert. Die ersten Pläne zur Unterkellerung des Exerzierplatzes scheiterten vor allem an Einwänden der Bahn, deren unterirdische Gleise nach Österreich hier verlaufen. So blieb das Zentrum der Neustadt ein architektonisches Kuddelmuddel, Passau erwarb sich den Ruf einer Stadt, in der nur passiert, was sich nicht verhindern lässt.

Die Altstadt lässt sich
nur behutsam verändern


Eine 2000-jährige Geschichte verpflichtet. Die Altstadt liegt malerisch wie ein Schiff zwischen Donau und Inn. Das ist zauberhaft, bekannt von unzähligen Fotos. Aber es ist auch eng. Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. Diese wunderbare Altstadt also lässt sich nur behutsam verändern, durch aufwändige Sanierungen historischer Häuser. Das ist bisher glänzend gelungen, in alten Patrizierhäusern wohnen junge Leute Tür an Tür mit Alt-Passauern, der Residenzplatz ist quirliger Treffpunkt für alle. Hier hat sich der Einsatz von Zig-Millionen aus der Städtebauförderung wirklich gelohnt. Aus einem muffelnden „Museum“ wurde eine lebendige City auf engstem Raum.
In der Neustadt, jenseits der einstigen Stadtmauern, war hingegen viel Raum für Neues. Zum Beispiel der Exerzierplatz, einst prächtiger Klostergarten des Augustiner Chorherrenstifts (jetzt Universität). Da stand die berühmt-berüchtigte Nibelungenhalle aus den 1930er Jahren. So schlecht war sie architektonisch nicht, eine Vielzweckhalle für 8000 Besucher in den Glanzzeiten. Geliebt wurde sie schon lange nicht mehr, aber zum Abriss konnte man sich auch nicht entscheiden. Bis die Bundeswehr mit ihrem Pionierbataillon abrückte, die am Stadtrand riesige Flächen beansprucht hatte. Nicht nur die Kasernen standen 1993 plötzlich leer, auch die Übungsplätze nahe am Neuburger Wald waren über Nacht frei geworden. Eine Herkulesaufgabe – die aber bewältigt werden musste, weil der Bund zum Trost für den Abzug mit hohen Zuschüssen lockte.
So entstanden im Stadtteil Kohlbruck plötzlich die Dreiländerhalle, das kombinierte Hallen- und Freibad, die Eishalle, eine weitere Veranstaltungshalle, natürlich ein großes Parkhaus und viele Bürogebäude. Alles schön geordnet – aber das urbane Leben wird hier doch schmerzlich vermisst. Es ist halt ein Stadtteil vom Reißbrett. Hier erst wird einem eindringlich bewusst, wie glücklich die Entscheidung war, in den 1970er Jahren die neue Universität nicht auf der grünen Wiese zu bauen, wie es ursprünglich angedacht war. Mit den Hochschulbauten am Innufer ist in Passau noch einmal ein ganz großer architektonischer Wurf gelungen. Für das Geschäftsviertel in Kohlbruck lässt sich das nicht sagen.
Immerhin machte die neue Dreiländerhalle den Abriss der ungeliebten Nibelungenhalle möglich. Damit wurde Platz für die Neue Mitte im Herzen der Stadt. Die Bürger machten ihrem Ruf als Zauderer auch hier alle Ehre: In drei Bürgerbegehren und im Stadtrat wurden hochfliegende Pläne erst mal auf Normalmaß zurecht gestutzt.
André Heller mit seinen phantastischen Plänen wurde subtil gemobbt, bis er aufgab. Nun dominiert ein Stadtturm in dunklem Grün den Platz. Leider ist er zu niedrig geraten, was nicht dem Architekten, sondern der Mutlosigkeit der Bürger anzulasten ist. Am Rand des Parks mit Springbrunnen und Palmen wachsen große Bürobauten. Wenn schon, denn schon: Der Hauptbahnhof wurde auch gleich gestutzt, so entstand gleichfalls am Rand der „Neuen Mitte“ Raum für einen zentralen Busbahnhof.
Die meisten Läden
von einst stehen leer
Das Parkhaus, das wie ein riesiges Schiff in den Platz ragt, war in der Anfangszeit nur spärlich beansprucht. Inzwischen reichen die 1000 Parkplätze nicht mehr: Die neue Stadtgalerie, ein mondänes Einkaufszentrum mit nahezu 100 Läden, hat wieder Leben in diesen Stadtteil gebracht. Das geht natürlich zulasten der vorherigen Einkaufszentren: Die meisten Läden stehen hier leer.
Auch die Fußgängerzone bekommt die neue Begeisterung für die Stadtgalerie zu spüren. Alteingesessene Fachgeschäfte haben sich längst zurückgezogen. Wie in vielen Fußgängerzonen reihen sich hier Banken, Coffeeshops, Brotzeit- und Andenkenläden aneinander. Da atmet man durch, wenn man die Altstadt durch den Paulusbogen betritt: Hier ist Passau unverwechselbar, geprägt durch 2000 Jahre Geschichte, geprägt durch Frömmigkeit, verheerende Hochwasser, durch Fürstbischöfe und ihren Hofstaat, durch stolze Bürger und eine Weltoffenheit, die von der Donau als Schnellstraße in ferne Länder gefördert wurde.
Für die Innenstadt sind die Möglichkeiten in Passau nun ziemlich ausgereizt. Was immer noch fehlt, ist ein Konzerthaus für die kunstsinnigen Bürger. Seit Jahrzehnten wird darum gekämpft. Schon Richard Wagner wollte einst hier ein Konzerthaus bauen. Weil die Passauer so unwillig waren, wählte er schließlich Bayreuth für sein Vorhaben. Seitdem hat sich wenig geändert. Ein Bürgerbegehren schmetterte die Pläne für ein Konzerthaus nieder, obschon der Freistaat mit 17 Millionen Euro Zuschuss einsteigen wollte.
In der „Neuen Mitte“ wurde anstelle eines Konzertsaals ein Klohäuschen gebaut – auch wichtig. Aber die Musikliebhaber geben nicht auf, haben nun die alten Pläne von einem Musentempel im Stadtteil Hacklberg wieder hervorgekramt: Der einmalig schöne barocke „Fürstenbau“ wäre ideal für traumhafte Musikabende. Und auch die „Neue Mitte“ wäre immer noch ein bevorzugter Standort; die rechtliche Bindung des Bürgerbegehrens ist inzwischen abgelaufen, Pläne für ein Konzerthaus gibt es zuhauf. Hochkarätige Architekten haben sie gezeichnet – realisiert wurde bisher keiner davon.

Das alte Freibad –
ein Filetstück


Die Zukunft für ein grünes Fleckchen in der Stadt ist auch noch offen. Das Freibad, das früher idyllisch an der Ilz, im Schatten des Georgbergs, gelegen war, ist nach Kohlbruck umgezogen. Ein Filetstück. Aus dem breiten Uferstreifen unter der Veste Oberhaus soll irgendwann ein Freizeitgelände werden. Die Stadtwerke als Betreiber des Freibads haben die Hand drauf und schmieden Pläne für ein Naherholungsgebiet. Längst vergessen, dass just auf dieser Trasse vor vielen Jahren eine Schwebebahn geplant war, die die Innenstadt mit dem idyllischen Ortsteil Hals verbindet. Die Pläne liegen vermutlich in der gleichen Ablage wie die Zeichnungen für eine Seilbahn zum Oberhaus. Wie war das doch gleich? In Passau passiert halt nur, was man nicht verhindern kann… (Karl Jörg Wohlhüter)

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