Bauen

Die neue Münchner Synagoge am St. Jakobsplatz. (Foto: Hettler)

11.02.2011

Die Sprache der Materialien

Ausstellung: Wie Architektur historische und politische Kontexte ausdrücken kann

Das Architekturmuseum der Technischen Universität (TU) München in der Pinakothek der Moderne zeigt derzeit zwölf Projekte des Architektenbüros WHL & H (Wandel Hoefer Lorch & Hirsch) auf einem langen Schautisch sorgfältig aufgereiht. Es handelt sich um Architekturmodelle, Texte, dreidimensionale Stadtansichten, Visualisierungen, Materialproben und Fotos, die thematisch unter dem Titel „Material Zeit“ zusammengefasst sind. Sie stellen einen repräsentativen Querschnitt dar, mit welchen Projekten sich die Architekten in den vergangenen 15 Jahren befassten und damit ihr eigenes, einprägsames Profil gewannen.
Mit dem Ausstellungstitel „Material Zeit“ verbindet sich die komplexe Idee, Geschichte in Form der gestalteten, baulichen Substanz in die Architektur zu bringen. „Material bedeutet zuerst ganz generell die Umsetzung einer Aufgabe und eines Konzepts in materielle Form im Sinne einer Verräumlichung von Programmen und Antworten auf technische Probleme. In der Verbindung mit Zeit, das heißt also mit dem politischen und sozialen Umfeld…“, erläuterte Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums, die Zusammenhänge.
So stehen im Mittelpunkt politisch aufgeladene Projekte und ihre Materialisierung. Die neue Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde München am St. Jakobsplatz ist eines davon. Die leidvolle jüdische Geschichte während des Nationalsozialismus in all ihren grausamen Dimensionen ist das Thema, das architektonisch adäquat gestaltet wurde. Mit der Einweihung der neuen Synagoge (2006), dem Gemeindezentrum und Jüdischen Museum, so schreibt der Architekt Salomon Korn im Ausstellungskatalog Material Time … symbolisiert ein monumentaler Baukörper jüdisches Selbstbewusstsein und „jüdische Präsenz in München“.
Die bauliche Gestaltung von einem massiven Sockelgeschoss und dem leichten, filigranen Glaskonstrukt als Aufsatz, bezeichnet der Architekt Wolfgang Lorch als „Konkurrenz der Körper“. Öffnung und Geschlossenheit bestimmten das Kompositionsprinzip. Stabile und instabile Komponenten definieren das Bauwerk und verweisen damit auch auf das Verhalten im deutsch-jüdischen Verhältnis.

Durchgehende,
fünfreihige Gestaltung


Die Gedenkstätte Börneplatz in Frankfurt am Main, benannt nach dem Schriftsteller Ludwig Börne, war einst Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Frankfurt. Um 1860 verlief durch dieses Stadtviertel die Judengasse, daran grenzten der jüdische Friedhof und der Judenmarkt. Nach Zerstörung und Vertreibung zwischen 1933 und 1945 blieb lediglich der Friedhof zurück. Doch 1996 mit der Eröffnung der Gedenkstätte Neuer Börneplatz schufen Wandel Hoefer Lorch & Hirsch eine ganz besondere architektonische Gestaltung für die zwischen 1933 und 1945 ermordeten und deportierten Frankfurter Juden.
Über 11 000 Einzelblöcke, eingelassen an der Außenseite der Friedhofsmauer, erinnern an die Toten, die nicht begraben werden konnten. „Hier wurde kein Platz besetzt“, sagt Nikolaus Hirsch, „sondern in der Frankfurter Innenstadt ein Raum geschaffen, der sowohl Erinnerung ermöglicht, als auch Zukunft aufzeigt.“
Auf die um vier Zentimeter hervorstehenden Stahlblöcke mit den ganz individuellen Inschriften passt auch noch ein Erinnerungsstein, der nach jüdischer Sitte dort traditionell abgelegt wird. Von der Ferne fällt die durchgehende, fünfreihige Gestaltung der Friedhofsmauer kaum auf. Erst bei näherer Betrachtung liest man die Namen und beginnt zu verstehen. Nikolaus Hirsch nennt es „Zusammenwirken von Konzentration und Flüchtigen“.
Mithilfe des Materials wird der Ort und seine Geschichte wahrgenommen und ein Bezug dazu entsteht. Wie auch bei Projekten wie der Synagoge in Dresden, Gleis 17/Bahnhof Berlin-Grunewald oder das NS-Dokumentationszentrum München gilt für Wandel Hoefer Lorch & Hirsch: „Für uns ist es dabei essenziell, die Frage nach der politisch-kulturellen Rolle von Architektur mit einer Praxis des Machens und des Detaillierens zu verbinden. Es geht um die Materialisierung von Politik und Diskurs.“ (Eva-Maria Mayring)
Die Ausstellung ist noch bis 6. März 2011 zu sehen.

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