Bauen

Nur die Fassade der früheren Residenzpost zur Maximilianstraße hin bleibt erhalten. (Foto: Hettler)

17.09.2010

Ein Edelbau für die Edelmeile

Vom früheren so genannten Postpalais am Max-Joseph-Platz in München bleibt nur die Fassade stehen

Bis 2012 soll der Umbau des so genannten Postpalais am Max-Joseph-Platz, eines der bedeutendsten Münchner Bauwerke Leo von Klenzes, abgeschlossen sein. Als die Residenzstadt um 1830 auf 80 000 Einwohner angewachsen war, häuften sich Briefe und „Fahrpost“ (Pakete) bei Thurn & Taxis und auch die Unfälle mit Postkutschen in den Toreinfahrten. Da traf es sich gut, dass König Ludwig I. ein Auge auf die Nordfassade des Törring’schen Palais geworfen hatte, zu dem er von seinen Wohn- und Schlafgemächern in der Residenz hinüberschauen konnte. Längst wollte er es kaufen und verschönern, nach seinem Gusto natürlich, denn alles Barocke war ihm zuwider.
Ein „Postpalais“ stellte er sich an diesem Schnittpunkt zwischen der Altstadt und seiner Neustadt vor. Doch erst einmal begann, wie schon in der Ludwigstraße, ein wenig vornehmes Gefeilsche. Damit Graf Törring nicht gleich einen „königlichen“ Preis forderte, schob Ludwigs Advokat Ritter von Sedelmaier einen „reichen Schweizer“ als Strohmann vor. „In patriotischer Mäßigung“ musste sich der Palastherr schließlich mit 180 000 Gulden (heute etwa 1,25 Millionen Euro) zufriedengeben.
1834 konnte Klenze mit der Umbauplanung beginnen. Die schöne Hauptfront zur Residenzstraße mit Freitreppe und Barocktor sowie das von den Brüdern Gunetzrhainer und dem Stuckateur Zimmermann geschaffene Interieur beließ er im Original. Vor die breite Nordfront indes setzte er, wie gewünscht, eine Loggia nach Vorbild des Findelhauses in Florenz: eine offene, erhöhte Bogenhalle mit zwölf toskanischen Säulen.
Wieder kam es zu zähen Verhandlungen um Form, Nutzen und Geldmittel, die zeitweise den Charakter eines „Politikums“ annahmen. Der König verlangte, wie auch schon in „seiner“ Straße, öffentliche Mittel für die neue Post, die ja schließlich eine dem Gemeinwohl dienende Einrichtung sei. Doch die Ständevertretung, Vorgänger des Landtags, hatte in dieser Frage „wenig Meinung“. Schließlich erkühnten sich der für die Post zuständige Außenminister und der Finanzminister zu der gemeinsamen Bitte, Majestät möge in Erwägung ziehen, „die Fassade zwar im veredelten Stil, aber doch in gleicher einfacher Form wie die Hauptfassade fortzusetzen“. Im Übrigen wäre eine finanzielle Beteiligung seiner Majestät in diesem Fall wohl angebracht.
Der König reagierte entrüstet auf die Anmaßung der Stände, über Gebäudefassaden zu urteilen, und auch seine Minister wies er in die Schranken: Spätestens in drei Tagen sei ihm Anzeige über den Vollzug seiner Wünsche zu erstatten. Ohne Änderung musste Klenze die Säulenhalle erstellen, auch wenn diese bloße Zierde war und keinerlei postalischen oder sonstigen Zweck erkennen ließ. Den Kostenvoranschlag von 85 000 Gulden bezeichnete der König als „unüberschreitbar“, doch verschlangen dann „höchst nöthige und diensttaugliche Bauaufwendungen“ immer mehr Staatsgeld, sodass den Arbeitern keine Löhne mehr gezahlt wurden; eine Zeitung wagte gar die damals noch unübliche Schlagzeile „Bauskandal“.
Mitten in der Misere meldete der bayerische Gesandte in Hannover, ein dortiger Hotelier, zuvor englischer Schiffskapitän, wolle die strittige Immobilie zu einem in Deutschland einzigartigen „Gasthof der ersten Größe“ umgestalten. Die Verhandlungen scheiterten an König Ludwigs unverrückbaren Auflagen. Trotz aller Schwierigkeiten setzte er auch noch durch, dass die Rückwand der Loggia in seinem geliebten pompejanischen Rot bemalt wurde. Auf die gewünschten Bilder aus der Mythologie verzichtete er, dafür musste der Maler Georg Hiltensperger sechs Rossebändiger hinzupinseln. Staatsminister von Giese hatte darauf zu achten, dass dies „nicht zur Kenntnis des Publikums und der Stände kömmt“.
Erst nach vier Jahren Bauzeit konnte am 24. August 1838, das „Kgl. General-Postamts-Bureau“ für die Allgemeinheit geöffnet werden. Die Gesamtkosten waren inzwischen auf 369 000 Gulden gestiegen. Zum ersten Mal in seiner Karriere musste Klenze deshalb ein offizielles, wenn auch einfaches „Missfallen“ seines Königs einstecken, Bauführer Daniel Ohlmüller sogar ein „ernstliches Missfallen“.


Nützlichen
Platz verschwendet


In der Öffentlichkeit wurden konkretere Beschwerden laut; die Säulenhalle verschwende nützlichen Platz und sei für den Postbetrieb eher hinderlich, hieß es. Die Amtsräume würden dadurch schlecht belichtet. Erst ein halbes Jahrhundert später, 1889, wurde eine lichtdurchflutete, neubarocke Schalterhalle von Heilmann & Littmann eingebaut. Immerhin kam eine Menge Geld herein durch den Verkauf von Briefmarken, die erste in Bayern war der am 1 November 1849 freigegebene „Schwarze Einser“.
Das Amt firmierte in späteren Zeiten als Residenzpost oder Hauptpost – und blieb dies noch sehr lange. Zwar hatte der Krieg das „schönste Münchner Treppenhaus des Spätrokoko“ zerstört, doch konnte das erhalten gebliebene Barockportal beim Wiederaufbau in die neue Schalterhalle versetzt werden. Die Schokoladenseite mit der Kolonnade konnte nach Klenzes Plänen relativ preiswert restauriert werden.
Ende 2004 wurde die Münchner Hauptpost geschlossen und von der Telekom verkauft. Die weitere Geschichte ist ein Musterbeispiel für den globalen Spätkapitalismus, der zunehmend auch in die Stadtentwicklung eingreift. Eine internationale Finanzgruppe hätte hier am liebsten ein Hotel „Fünf Sterne plus“ etabliert. Doch die entsprechenden Verhandlungen zerschlugen sich. Dann kaufte ein reicher Mann aus Kasachstan – angeblich für 300 Millionen Euro – den historischen Komplex. Dann ging das Objekt weiter an die Landesbank Baden-Württemberg, die aber mit ihren Münchner Projekten in Verzug geriet.
So gelangte schließlich Bernard Arnault, der als der reichste Franzose gilt, in den Besitz des Münchner Filetstücks. Er will dort auf 3000 Quadratmetern sein deutsches Hauptgeschäft für Modeartikel einrichten, samt angeschlossener Kunstausstellung. Ein anderes Stück des Klenzebaus ging an einen Münchner Gastronomen. Nach dem Umbau wird das alte „Postpalais“ unter dem Namen „Palais an der Oper“ firmieren. Von der guten alten Post ist nicht mehr die Rede. Vom ursprünglichen Bauwerk bleibt nur die Fassade zum Max-Joseph-Platz erhalten. (Karl Stankiewitz)

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