Bauen

Das neue Press- und Kelterhaus des Weinguts Brennfleck. (Foto: Bayerntourismus)

30.03.2012

Hotelburgen - von wegen!

Sightsleeping-Architektur in Franken

Wenn die Nacht hereinbricht über Schloss Burgellern, gehen viele der Besucher schlafen – einige von ihnen tun das an Ort und Stelle, im alten Kreissaal mit Blick auf 40 Meter hohe Buchen oder in einem der anderen Zimmer, wo Steinwände und antike Möbel den staunenden Gast vom Schlafen abhalten. Das ist vielleicht der einzige Nachteil, wenn man in einem Hotel nächtigt, das zugleich Sehenswürdigkeit ist, wie die 1249 urkundlich erwähnte und seit wenigen Jahren komplett restaurierte fränkische Burg 15 Kilometer von Bamberg entfernt.
Normalerweise fahren Touristen nach dem Schlossbesuch nach Hause, bei inzwischen 35 Ausflugszielen in Bayern gehört die Übernachtung zum Kunstgenuss dazu. Nach „Sightseeing“ kommt „Sightsleeping“. So heißt die fünf Jahre alte Hotelmarke, die kunst- und architekturbegeisterte Besucher anlocken soll und Übernachtungsmöglichkeiten in Denkmälern ermöglicht. Die Häuser wollen keine Luxusherbergen sein, keine Design-Häuser. Ihr Anspruch: klein, aber oho. Es sind allesamt Häuser mit Charakter, mit Ästhetik und geschmackvoller Architektur. Wlan und Rittersaal, Sauna und Gewölbekeller sind in diesen Häusern kein Gegensatz.
So wie Schloss Burgellern. Es war herrschaftlicher Landsitz, Mütterheim und Frauenklinik. Heute ist das um 1720 erbaute Schloss ein behagliches Hotel mit Restaurant, Festsaal, Tagungsräumen und Biergarten. Eine umfassende Renovierung der Familie Kastner rettete das ehemals domkapitelsche Gebäude vor dem Verfall und läßt es seit 2005 in neuer Pracht erstrahlen.
„Als wir das Haus übernahmen war es eine komplette Ruine“, erzählt Schlossherr Joachim Kastner. „Es war klar, warum der Freistaat die Immobilie loswerden wollte. Wir hatten einen langen Weg vor uns.“ Inzwischen sind die Kastners angekommen. Sie haben das Dornröschenschloss, das lange leer stand und in Vergessenheit geriet, wachgeküsst. Die 23 eleganten Zimmer sind individuell mit exklusiven italienischen Stilmöbeln und modernen Bädern ausgestattet. Historische Architektur trifft auf moderne Inneneinrichtung.
Wo es möglich war, haben die neuen Besitzer Altes freigelegt: Decken- und Wandmalereien aus dem 19. Jahrhundert, barocke Böden, eine prunkvolle Schlosstreppe aus Holz. Sie entfernten Fliesen, rissen alte Linoleumböden hinaus, weil sich darunter Originalböden aus Eiche und Nussbaum mit Diamantenmotiv fanden – ein typisches Muster aus dem Barock. Im ehemaligen Kreissaal, heute Zimmer 26, kamen rund 1500 Bamberger und Forchheimer zur Welt. „Viele Menschen kommen her, weil sie hier geboren sind“, sagt Kastner, „denn das Schloss war in den letzten beiden Kriegsjahren eine Außenstelle der Geburtsklinik.“

Konsequent
modern


Sulzfeld liegt ebenso verwunschen wie Burgellern. Der 400 Einwohner große Ort gehört nicht unbedingt zu den allerersten Adressen Weinfrankens. In den letzten fünf, sechs Jahren aber hat sich in dem mittelalterlichen, von einer Stadtmauer umgebenen Maindorf zwischen Würzburg und Volkach einiges getan. Das beweist das wunderschön gelegene Weingut Brennfleck, das sich mit seinen Weißweinen einen Namen gemacht hat. Inzwischen auch für seinen modernen Umbau, den das Architekturbüro Dold+Versbach aus Giebelstadt verantwortet hat.
Im Hof des Weinguts steht ein Lounge-Bereich mit Sitzgruppen vor Altbaufassaden. Im Inneren erwartet den Besucher ein liebevoll restauriertes Biedermeierzimmer mit dem anschließenden großen Verkostungsraum ganz in Weiß. Das Zusammenspiel von Alt und Neu zeigt auch das Natursteingewölbe des Barrique-Kellers. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des alten Weinguts liegt die neue Kellerei: konsequent modern.
Der 1479 erbaute Gutshof mit Gewölbekeller hat im eng bebauten Weindorf nicht viel Platz – er steht gedrängt zwischen putzigen alten Winzerhäuschen mitten im Ort. Susanne und Hugo Brenn-fleck, die das Weingut in der 16. Generation führen, hätten die Kellerei auch aus der engen Altstadt hinaus verlegen können, waren aber davon überzeugt, dass ein Betrieb im Innenbereich bleiben müsse. An der Stelle eines abgerissenen Lagerschuppens bauten Dold + Versbach Architekten ein neues Press- und Kelterhaus.
Der Bau sollte nicht in Konkurrenz zum historischen Haupthaus treten, sondern in einer zurückhaltenden Architektursprache dieses ergänzen. Klar und geradlinig erscheint das Press- und Kelterhaus; auch die Materialwahl ist reduziert: fränkischer Muschelkalk an den Fassaden, Sichtbeton im Inneren. Der Zugang zum Keller erfolgt spektakulär über einen langen Tunnel aus Sichtbeton und leitet die Besucher zu den verschiedenen Stationen der Weinproduktion. Der Winzer hat bereits neue Umbaupläne: Bis 2013 will er einen modernen Verkostungsraum bauen, „aus Glas und Stahl, damit alles heller ist“.
„Tolle Winzerarchitektur wie es sie mit dem Loisium in der Steiermark gibt, gefällt mir gut. Warum ist so etwas nicht auch bei uns möglich – mit regionalen Materialen und einem Architekten aus der Gegend“, hat sich Brennfleck gefragt. „Trotz aller Auflagen der Denkmalpfleger und Proteste der Anwohner konnten wir unsere Vorstellungen zu 100 Prozent umsetzen. Für die Sulzfelder war es anfangs schwierig zu verstehen, warum jemand ein Pultdach in der Altstadt zwischen lauter Giebeln hinbauen darf, wo sie selber höchstens auf ihrer Garage ein Flachdach bewilligt bekommen. Das ist eben ein Kellerhaus, habe ich dann gesagt. Außerdem bekomme ich keine Zuschüsse, also lasst mich doch machen.“ Für Umbau und Erweiterung des Kelterhauses mit Vorplatz, Gartenanlage und Hof hat Brennfleck von der Architektenkammer Rheinland-Pfalz den Architektenpreis „Wein 2010“ bekommen. Außerdem war das Kellerhaus Ende 2011 für den „artouro“ nominiert, den jüngst geschaffenen Architekturpreis, der herausragende bauliche Leistungen im bayerischen Tourismus würdigt.
Schlosshotel Steinburg – genau wie das Weingut von Stein ein Sightsleeping-Haus – liegt einen Steinwurf vom Weingut am Stein entfernt. Noch etwas höher gelegen, ist es mit Sicherheit die höchste Herberge Würzburgs. Das Schlosshotel thront auf Deutschlands größter zusammenhängender Weinlage. Das heutige 4-Sterne-Hotel ist der Traum der Familie Bezold, die das Hotel nun schon in der dritten Generation führt. Die Burg selber ist nicht wirklich alt, sie wurde vor gut 100 Jahren auf den Ruinen einer im 13. Jahrhundert errichteten hohenlohischen Burg erbaut und war von Beginn an als Restaurant geplant.
1897 entstand der älteste Trakt im englischen Tudor-Stil als Ausflugslokal. 1937 erwarb die Familie Bezold das Anwesen. Über die Jahre wurde das Haus immer wieder behutsam renoviert, modernisiert und erweitert. Die 52 Zimmer des Hotels verteilen sich auf mehrere miteinander verbundene Burggebäude. Jedes Zimmer ist anders eingerichtet.

Kein Schloss
neben dem Schloss


Der im Bau befindliche Neubau soll Ende Mai 2012 fertiggestellt sein, sagt Bezold. Ein „Refugium“ soll es werden, ein Rückzugsort, hoch über der Stadt zum Erholen und Tagen. 23 neue Zimmer erhält die Steinburg im oberen Geschoss des Flachdach-Neubaus – zum Teil mit Blick auf die Stadt, den Fluss und die Würzburger Festung. Im Erdgeschoss entstehen sechs helle und barrierefreie Tagungsräume mit Loggia und Terrassen, eine Bankettküche, der Innenhof mit Steinbar und der Weingarten. Verantwortlich für Planung und Umsetzung des Gebäudes sind die Architekten des „Team Sonny May“.
Nach zähen Verhandlungen und einem Architektenwettbewerb stimmte der Stadtrat Anfang Juli 2008 dem Projekt zu. Geschätzte Kosten: Sieben Millionen Euro. „Wir wollten kein Schloss neben dem Schloss“, sagt Kerstin Betzold. „Um die Walt Disney-Struktur aufzubrechen, wollten wir etwas ganz Neues.“
Ob Rittersaal, Schlossgewölbe oder Kaminzimmer – überall begeistert die Steinburg durch ihre Architektur, die Einrichtung und Behaglichkeit. Das ehemalige Burgverlies war in den 1970ern eine sehr bekannte Bar. Heute hat Familie Bezold tief unten ihr „Steinreich“ verwirklicht – so heißt der Weinkeller, in dem Flaschen gut gelagert und zugleich toll präsentiert werden.
Die Beispiele der Sightsleeping-Häuser und modernen Winzerarchitekten in Franken zeigen: Gute Architektur muss nicht anstrengend sein, man kann darin wunderbar entspannen. Nur die Augen, die sollte man besser offen behalten. Sonst verpasst man was. (Claudia Schuh)+

(Der Neubau des Press- und Kelterhauses des Weinguts Brennfleck von innen sowie das Schlosshotel Steinburg mit dem Weinkeller "Steinreich" - Fotos. Bayerntourismus)

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