Bauen

Die neue Apostelin-Junia-Kirche in Augsburg. (Foto: Eckhart Matthäus)

07.09.2012

Mit dem Herzen himmelwärts

Die Augsburger Alt-Katholiken bauen eine bemerkenswerte Kirche

Die alt-katholische Gemeinde in Augsburg hatte 118 Jahre lang keine eigene Kirche. Seit über 50 Jahren war sie zu Gast in der evangelischen Heilig-Geist-Kapelle in der Innenstadt. In diesem Sommer konnte nach dreijähriger Planungs- und Bauphase endlich ein eigenes Gotteshaus, die Apostelin-Junia-Kirche mit einem Gemeindezentrum und drei Wohneinheiten eingeweiht werden. Das neue Zentrum der Augsburger Alt-Katholiken kostete 2,3 Millionen Euro und ist in vorgefertigter Holztafelbauweise errichtet. Es steht im Herzen des Sheridan-Parks, einem neuen Wohnviertel, das zentrumsnah auf einem ehemaligen Kasernengelände entstand.
Der Gemeindesaal im Erdgeschoss und der Kirchenraum im ersten Stock bilden einen zwölf Meter hohen, schlichten Lärchenholzquader, der durch ein offenes Treppenhaus mit dem Pfarrbüro und drei Wohnungen verbunden ist. Das 1500 Quadratmeter große Grundstück öffnet sich nach Süden, zu einem weiten Park.

Ein heller, beinahe quadratischer Holzraum


Das Projekt ist das Ergebnis eines intensiven dreijährigen Dialoges, den die alt-katholische Gemeinde mit dem Augsburger Architekten Frank Lattke geführt hat. Im Mittelpunkt stand die Frage der Christen: Was bedeutet Kirche für uns – und wie lässt sich diese Idee in Architektur umsetzen? „Für uns ist die Sammlung und Kontemplation während der Gottesdienste wichtig – unsere Kirche bedeutet Konzentration auf die Mitte“, berichtet die alt-katholische Pfarrerin Alexandra Caspari. Nach zwei Gemeindebautagen, zu denen die Pfarrerin und das Büro „lattkearchitekten“ alle 271 Mitglieder der basisdemokratisch organisierten Kirche einluden, stand fest: Die neue Kirche soll im Gottesdienstbereich keine Ablenkung erfahren, nach oben jedoch frei und licht sein.
Die architektonische Konsequenz aus diesen theoretischen Gedanken erforderte von der kleinen Gemeinde viel Mut. Entstanden ist eine Kirche, die ihresgleichen sucht: Ein heller, beinahe quadratischer Holzraum mit einer Grundfläche von 13 mal 16 Metern, in dem 80 Menschen Platz finden. Kein Fenster lenkt den Blick nach außen. Keine Wanddekoration stört die Konzentration.
Der neun Meter hohe Sakralraum ist mit horizontalen Profilleisten verschalt und öffnet sich ausschließlich nach oben, zum Himmel. Die einem Sheddach ähnliche Dachkonstruktion mit vier verglasten Fachwerkträgern spendet reichlich sanftes Licht. Architekt Lattke beschreibt sein Konzept so: „Die Gemeinde steht mit den Füßen auf dem Boden und blickt mit dem Herzen himmelwärts.“ Nach der kirchlichen Andacht strömt die Gemeinde auf den offenen, weltzugewandten Vorplatz. Der Blick ist wieder frei, schweift über den Park bis zur Silhouette der Stadt am Horizont.
„Unsere neue Kirche bildet die Nahtstelle zwischen Alltag und Freizeit, Arbeit und Ruhe, Fröhlichkeit und Stille. Kirche ist dann dort, wo sie ihren eigentlichen Platz hat: mitten im Leben“, so Pfarrerin Caspari.

Aktiver Beitrag
zum Klimaschutz


In den quadratischen Sakralraum sind eine kleine Kapelle als Rückzugsmöglichkeit und eine Empore für die Musiker integriert. Eine einfache Nische dient als Tabernakel. Durch eine Mittelachse auf dem schlichten, schwarz polierten Estrich sind der bewegliche Altar, Ambo, Tragekreuz und Tabernakel miteinander verbunden. „Unsere Kirche ist ein hierarchieloser Raum, wir haben beispielsweise keine Stufen hoch zum Altar“, sagt Pfarrerin Caspari.
Für die Kirche wurden 260 Kubikmeter Holz verbaut. Damit wurde dem Wunsch der Bauherren entsprochen, einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Die Gebäudehülle und das Dach sind hochwärmegedämmt. Sichtbare Brettstapeldecken im Wohngebäude und eine Betondecke zwischen Gemeindesaal und Kirchenraum erhöhen die Speichermasse des Gebäudes. Wohngebäude und Kirche sind mit einer Flächenheizung im Fußboden ausgestattet. Alle Räume lassen sich individuell durch Raumthermostaten regeln. Die Heizlastberechnungen nach EN12831 ergaben einen Wert von 27 Watt pro Kubikmeter. Das ergibt ein rechnerischen Heizwärmebedarf von 48,6 KWh/m²a was etwa 4,6 l (Öl) /m²a Energieverbrauch für die Alt-Katholische Kirche entspricht.
Dank der guten Wärmedämmung und Luftdichtheit der Gebäudehülle erleidet das Niedrigstenergiehaus kaum noch Transmissionsverluste. Deshalb konnte im Kirchenraum eine zentrale Be- und Entlüftungsanlage installiert werden. Die Wohngebäude erhielten eine dezentrale Be- und Entlüftungsanlage. Das Pfarrhaus wurde mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet. Die 24 Module erbringen eine Gesamtleistung von 5,64 KWp.
Die Einnahmen aus der Anlage und die Mieteinnahmen für die gemeindeeigenen Wohnungen sind Teil des Finanzierungskonzepts. Sie dienen der Refinanzierung und werden zum Bauerhalt eingesetzt. Das nötige Eigenkapital für den Bau der Kirche wurde mit Hilfe befreundeter alt-katholischer Gemeinden in Frankfurt, Bonn und München aufgebracht sowie durch zahlreiche Spenden. Die Elektrizitätswerke Schönau im Schwarzwald versprachen zum Beispiel, jeden Cent zu verdoppeln, der für die Photovoltaikanlage gespendet wurde. Die Augsburger Alt-Katholiken sammelten 9000 Euro und bekamen eine Anlage für 18 000 Euro aufs Dach.
Auch Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) unterstützte die Gemeinde: Die Stadt Augsburg stellte Pflastersteine für den Vorplatz der Kirche zur Verfügung und ebnete den Weg zur Stadtsparkasse Augsburg, die schließlich 20 000 Euro für eine Orgel spendete.
Nicht zuletzt legten die Gemeindemitglieder selbst Hand an: In rund 1000 Arbeitsstunden erledigten sie alle Malerarbeiten selbst und verbrauchten 25 Eimer weißer Farbe. Das Engagement aller hat sich gelohnt: Bei der Kirchweihe im Juli sagte der alt-katholische Bischof Matthias Ring: „Diese Kirche hat das Potenzial, ein Sehnsuchtsraum für die Menschen zu werden.“ 
(Cynthia Matuszewski)

(260 Kubikmeter Holz wurden verbaut; Blick in den nahezu quadratischen Kircheninnenraum; die Gebäudehülle ist hoch wärmegedämmt - Fotos: Eckhart Matthäus)

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