Bauen

Das neue Straßlacher Bürgerhaus. (Foto: Gemeinde Straßlach-Dingharting)

23.01.2015

Ohne staatliche Zuschüsse gebaut

Das Bürgerhaus in Straßlach wurde eröffnet

Mitten in Straßlach steht das neue gesellschaftliche Zentrum der Gemeinde. Es ist das neue Bürgerhaus. Ein Gebäudekomplex nach neuesten Energie-Standards, der eine Vielzahl an gesellschaftlichen, sportlichen, kulturellen und sozialen Nutzungsmöglichkeiten bietet. Die Bauweise, das ausgeklügelte Energiekonzept aus zentraler und dezentraler Wärmeversorgung zusammen mit einem zeitgemäßen Beleuchtungssystem sorgen für einen unschlagbar niedrigen Energieverbrauch. Der eigentliche Clou ist jedoch, wie die Gemeinde Straßlach-Dingharting es geschafft hat, wirtschaftlich zu bauen, den Kosten- und Zeitrahmen einzuhalten und dabei ganz auf staatliche Zuschüsse zu verzichten.
Es war ein schreckliches Ereignis, das die Aufmerksamkeit auf die alte, 1976 gebaute Mehrzweckhalle lenkte: der Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall im Jahr 2006. Analysen ergaben, dass die Leimbinder des Mehrzweckhallendachs exakt die gleichen waren wie in Bad Reichenhall. Ihre Tragfähigkeit betrug damals nur noch rund 50 kg/m². Dabei müssen Dächer im Isartal Schneelasten von bis zu 150 kg/m² verkraften. Das Heizungs- und Leitungsnetz war marode und die Dämmschicht lediglich einen Zentimeter dick. Die notwendigen Sanierungsarbeiten wurden auf rund 3,7 Millionen Euro prognostiziert. Der Gemeinderat beschloss deshalb 2008 den Neubau.
Den Raumbedarf ermittelte die Gemeinde zusammen mit Vereinsvertretern, der Schule und interessierten Bürgern in offenen Workshops. Der Entscheidungsprozess dauerte zwei Jahre und umfasste ein Dutzend Treffen und etliche Besichtigungsfahrten. Die Sitzungen wurden vom Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München moderiert und von Facharchitekten für Sporthallenbau, Kommunal-Finanzberatern und Bauingenieuren begleitet. Die Kosten dieser ausführlichen Vorplanung lagen bei rund 30 000 Euro. Im Nachhinein steht fest, dass das Geld gut angelegt ist.
Das Ergebnis dieses Prozesses war ein aussagefähiges Nutzungs- und Raumbuch, das eine klare und bedarfsgerechte Grundlage für einen Architektenwettbewerb und schließlich die künftige Planung bildete. Parallel dazu gründete die Gemeinde ein Kommunalunternehmen mit der Rechtsform einer Anstalt des öffentlichen Rechts, die Infrastrukturgesellschaft Straßlach-Dingharting, kurz ISD. Diese Gesellschaft wickelt seit 2010 im Auftrag der Gemeinde Hoch- und Tiefbauprojekte ab. Sie wurde auch mit dem Bau des Bürgerhauses beauftragt.
Das besondere an diesem Kommunalunternehmen sind vier herausragende Merkmale. Die Abrechnung erfolgt nach den Regeln der Doppik und sorgt damit für Kostentransparenz; Kommunalunternehmen sind bis zu einer Grenze von 5,186 Millionen Euro Bausumme netto ohne Nebenkosten von den Zwängen der VOB/A befreit; durch Nachverhandlungen und den fehlenden Zwang, stets den wirtschaftlichsten oder billigsten Bieter zu nehmen, kommen regionale Firmen zum Zug; abhängig von der künftigen Nutzung und in Abstimmung mit dem Finanzamt kann die Vorsteuer einbehalten werden, ein willkommener Liquiditätseffekt.
Die Entscheidung für die Vorteile des Kommunalunternehmens bedeutet gleichzeitig den bewussten Verzicht auf staatliche Fördermittel. Denn eine unerlässliche Bedingung für staatliche Förderungen ist bekanntlich die Ausschreibung nach VOB/A, auch wenn die Investition unter dem EU-Schwellenwert von 5,186 Millionen Euro liegt. Die Landesmittel wären ohnehin beschaulich ausgefallen. Der Freistaat hätte in diesem Fall nur die Kinderbetreuungseinrichtung und die Turnhalle gefördert. Die Höhe der Fördermittel richtet sich grob gesagt nach der Anzahl der Schulklassen, der Größe der Einrichtung und der gemeindlichen Steuerkraft. Demnach hätte Straßlach-Dingharting Fördermittel lediglich in Höhe von rund 250 000 Euro zu erwarten gehabt. Im Gegenzug hätte die Gemeinde jedoch sämtliche Nachteile der VOB/A und damit des „kommunalen Bauens“ in Kauf nehmen müssen, das die Allgemeinheit in seiner negativsten Form mit erheblichen Zeitüberschreitungen und Kostenexplosionen verbindet.
Die Einspareffekte durch Nachverhandlungen und der Vereinbarung von Pauschalpreisen, die Einbindung regionaler Firmen und die Einbehaltung der Vorsteuer sind in der Rückschau deutlich höher ausgefallen, als die in Aussicht gestellten Fördermittel. Wie ist es also gelungen, den prognostizierten Kostenrahmen von brutto rund 5,5 Millionen Euro einzuhalten und den Bau innerhalb eines Jahres fertigzustellen?
Im Wesentlichen sind vier Faktoren ausschlaggebend: die wegen des Kommunalunternehmens mögliche Auswahl leistungsstarker Firmen, ein aktives Architekturbüro, eine entscheidungsfreudige Projektkoordinatorin in der Verwaltung und ein Projektsteuerer.
Der Architekt, die Mitarbeiterin der Verwaltung und der Projektsteuerer hatten jenseits ihrer persönlichen und fachlichen Kompetenz eine entscheidende Gemeinsamkeit, sie zeigten ständig erhöhte Präsenz auf der Baustelle und waren laufend auf der Höhe des Geschehens. Verzögerungen oder nachteilige Entwicklungen haben sie dabei frühzeitig erkannt, sodass stets genügend Zeit zum Eingreifen oder Gegensteuern war.
Entstanden ist ein Bauwerk, das mit 14 500 Kubikmetern doppelt so groß ist wie alte Turnhalle. Es befriedigt eine Vielzahl gesellschaftlicher, sozialer und sportlicher Bedürfnisse. Es ist behindertengerecht gebaut. Formgebung und Materialauswahl geben ihm ein klassisches Design und es erfüllt die neuesten Kommunikationsstandards.
Die Turnhalle im Bürgerhaus bietet Raum für alle denkbaren Sportarten auf Trainingsniveau. Außerdem gibt es einen abgetrennten Gymnastikraum für Kleingruppen. Die Umkleideräume sind alle barrierefrei erreichbar, unter anderem mit einem Aufzug. Ausreichend dimensionierte Umkleideräume, die für den Schul- und den Vereinssport getrennt sind, ermöglichen eine störungsfreie Mehrfachnutzung der Sportbereiche.
Das integrierte Haus für Kinder ermöglicht eine altersgeöffnete Betreuung für Kinder ab einem Jahr bis hin zur vierten Klasse. Die Räume sind sowohl für eine Krippen- und Kindergartenbetreuung, als auch für eine Hortbetreuung geeignet. Für den Fall der Einführung der Ganztagsklassen ergänzen die Horträume das Raumprogramm der Schule. Eine schöne Freifläche im Westen rundet das Raumangebot ab. Das bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebte neue Jugendzentrum besteht aus einem Hauptraum, einem DJ-Raum, einer Küche und Toiletten. Es hat eine eigene Freifläche.
Im Obergeschoss des Bürgerhauses ist das Vereinsheim des Sportvereins untergebracht. Dort befindet sich auch ein Mehrzweckkomplex, der für alle erdenklichen Zwecke nutzbar ist. Derzeit findet dort die Mittagsspeisung der Schulkinder statt. Dies ist der Anfang eines Projekts, das etwa Kinder und Senioren zusammen bringen soll.
Im Bürgerhaus können Veranstaltungen für bis zu 400 Personen stattfinden. Der Besucher wird in einem großzügigen Foyer empfangen und direkt in die große Halle geleitet. An der Südseite des Foyers befindet sich ein Cateringbereich, der von außen beliefert werden kann und eine unkomplizierte Bewirtung möglich macht.
Die Auswahl der Wandverkleidung und der Einbau der Sportgeräte sind so konzipiert, dass eine zu aufdringliche Sporthallenoptik mit einfachen Mitteln kaschiert werden kann. Konzerte, Jahreshauptversammlungen, Vereinsfeste, Rosenmontagsbälle und Bürgerversammlungen können nun im Bürgerhaus der Gemeinde Straßlach-Dingharting ohne höheren Organisations- oder Bewirtungsaufwand stattfinden. (BSZ)

(Blick in die Sporthalle; der Cateringbereich und ein Raum des integrierten Hauses für Kinder - Fotos: Gemeinde Straßlach-Dingharting)

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