Bauen

Die ehemalige jüdische Schule in Hirschaid. (Foto: Bergmann)

22.06.2012

Ortsgedächtnis - Gedächtnisort

Pläne für die ehemalige jüdische Schule im oberfränkischen Hirschaid

Die Synagoge an der Nürnberger Straße in Hirschaid wurde 1938 angezündet. Die Baulücke und darauf ein Gedenkstein erinnern daran. Schräg gegenüber überlebte als einziges Zeugnis der Jahrhunderte alten jüdischen Gemeinde die ehemalige Schule mit Nebengebäude über einer Mikwe.
Das Schulhaus entstand 1805, mit dem Unterrichtsraum unten, darüber die Lehrerwohnung, bestehend aus Zimmer, Kammer und Küche. Das Anwesen wurde 1938 ohne Entschädigung enteignet und von der Gemeinde bis Anfang der 1980er Jahre als Wohnhaus vermietet. Mit Verabschiedung des bayerischen Denkmalschutzgesetzes im Jahr 1973 stellte man das zweigeschossige Walmdachhaus unter Schutz. Allerdings wurde es 1982 von der Denkmalliste wieder gestrichen; im Nachhinein vermutete die Behörde eine Verwechslung.

Gemeinde kauft das Haus


Nach der Publikation eines Handbuchs der jüdischen Landgemeinden in Oberfranken im Jahr 1988 maß die Denkmalpflege dem Schulhaus plötzlich „höhere Bedeutung“ bei. Es dauerte allerdings bis 1994, dass der Gemeinderat mit beschämend knapper Mehrheit für die Einstufung als Denkmal stimmte. Die Gemeinde hatte das Anwesen 1983 veräußert. Nachdem ein Abbruchantrag des neuen Eigentümers für die Schule abgelehnt worden war, verwahrloste und verfiel sie über die Jahre.
Als er vor Kurzem einen Antrag auf Streichung aus der Denkmalliste und Abbruch stellte, kam es zur Einigung mit der Gemeinde. Sie wird das Gebäude als ein wichtiges Zeugnis der reichen jüdischen Vergangenheit Oberfrankens und der Ortsgeschichte erwerben und instandsetzen.
Oberfranken gehörte einmal zu den Siedlungsschwerpunkten des Landjudentums. Als Geschichtsdokument hat das Gebäude viel zu erzählen: Schon der Umgang damit nach 1945 ist ein Beleg für die Einstellung von Politik, Verwaltung und Bevölkerung. In der architektonischen Biografie des Orts lässt die Lage unmittelbar an der Hauptstraße wiederum Rückschlüsse zu auf die gesellschaftliche Stellung der Juden: Andere jüdische Landgemeinden mussten sich mit unauffälligen Gebäuden in Hinterhofgassen begnügen.
Wegen der zukünftigen Nutzung dachte Bürgermeister Andreas Schlund (CSU) an das Gemeindearchiv. Ein schöner Gedanke: Das Gedächtnis des Orts untergebracht in einem Gebäude, das selbst als Baudenkmal Teil der Historie ist. Das hätte seine Bedeutung nur noch unterstrichen und es wieder in die Gegenwart geholt. Und man hätte ein Zeichen gesetzt für einen entspannteren Umgang mit Baudenkmalen des Landjudentums. Wo nicht abgerissen, werden sie ja in der Regel umfunktioniert zu „Orten der Toleranz und Versöhnung“ und „Begegnungsstätten“, wobei aber niemand zu sagen vermag, wem da noch zu begegnen sei.

Als Archiv nicht geeignet


Die obligatorischen Ausstellungen über die jüdischen Gemeinden reduzieren die „jüdische Kultur“ meist auf die Religion und grenzen damit Juden aus als exotische, kulturell isolierte Gruppe mit über Jahrhunderte konstanten Merkmalen. Dem vielschichtigen Landjudentum als wesentlichem Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes wird man damit nicht gerecht. Die Baudenkmäler werden ausschließlich für „angemessene“ Veranstaltungen genutzt, möglichst untermalt von Klezmer, obwohl das lediglich die Musik der jidischsprachigen Juden Osteuropas war. Als wären nicht auch Gustav Mahler, Arnold Schönberg oder Bob Dylan jüdische Komponisten.
Umso bedauerlicher ist, dass es in Hirschaid mit der Archivnutzung nun doch nichts wird, weil sich das Gebäude, obwohl nahe dem Rathaus gelegen, dafür angeblich nicht eignet. Stattdessen soll eine Ausstellung „die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit (...) demonstrieren“. Noch eine Gedenkstätte braucht allerdings niemand. Man wäre gut beraten, eine Empfehlung des großartigen Georg Stefan Troller in der „Jewish Voice From Germany“ zu überdenken: „I think Germans would do well to relax a little.“
(Rudolf Maria Bergmann)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.