Bauen

Das Schülerheim Fürstenburg. (Foto: Wiegand)

15.09.2017

Puristisches aus Beton, Holz und Stahl

Südtirol: Bauen zu Füßen des Ortlers

Ein Riese beherrscht den oberen Vinschgau – der 3905 Meter hohe Ortler, der höchste Berg Südtirols. Winzig wirkt dagegen das auf 1900 Meter gelegene Sulden im Tal. Zu seinen Füßen zu bauen, ist eine Herausforderung für Architekten, die neue Wege beschreiten wollen. Auch an Romanik und Gotik müssen die sich messen lassen. Vor rund 30 Jahren wagten Vinschgauer Architekten die Moderne, insbesondere Walter Dietl, Arnold Gapp und Werner Tscholl. Sie wurden die Vorreiter zeitgenössischen Bauens für ganz Südtirol und fanden auch internationale Beachtung.

Funktionalismus und Bauhaus-Architektur hatten und haben sie im Hinterkopf, Heimat verbunden sind sie geblieben. Seit Jahren planen sie Kindergärten und Schulen, Kapellen und Kirchen, Hotels und Sportstätten, Altenheime und „Regierungsbauten“, sanieren Vorhandenes und integrieren Seilbahnen in die Landschaft. Puristisches aus Beton, Holz und Stahl, gerne mit großen Fenstern, erhalten die Auftraggeber. Kritik blieb anfangs nicht aus, von Ostblock-Architektur war die Rede. Inzwischen sind die Vinschgauer stolz auf ihre wagemutigen Architekten und nicht wenige lassen sich von ihnen das eigene Heim gestalten.

Trotz der neuen Formsprache haben die Drei (und andere) ihre Sensibilität für den genius loci und Bestehendes bewahrt. So der 1951 geborene Arnold Gapp. Keines seiner Geschwister wollte Vaters Häuschen am Hang in Sulden haben. Also hat er es übernommen und durch Um- und Anbauten zum Hotel Marlet verwandelt, nun ein Viersternehaus mit großer Glasveranda und Ortlerblick. Gen Oste zeigt sich die Königsspitze.

Für Fassadenteile aus Holz bevorzugt er Gebirgslärche, bietet drinnen statt Schnickschnack gekonnte Schlichtheit. Ein Haus mit Stil und zeitgemäßem Komfort. Er selbst wohnt mit Frau und Söhnen in dem mit Natursteinen verkleideten Anbau. In diesem freundlich-unprätentiösen Ambiente verbringt Angela Merkel mit ihrem Gatten schon seit Jahren ihren sommerlichen Wanderurlaub.

Aus Sulden ein richtiges Dorf zu machen, ist Gapps weiteres Anliegen. Sulden war jahrhundertelang total abgelegen. Auf einer Karte von 1774 trägt der Ortler-Gletscher den Namen „Im-End-der-Welt-Ferner“. Erst 1892 erhielt der Bergort eine Fahrstraße. „Sulden ist eine Streusiedlung, die Bauern haben ihre Häuser auf die Almwiesen gebaut“, erklärt Arnold Gapp. Um die alte Pfarrkirche aus dem 14. Jahrhundert bildete sich kein Zentrum, auch nicht um die große Pfarrkirche St. Gertraud von 1902.
„In einem Dorfzentrum muss was los sein“, sagt Gapp und hat unweit der Kirche das Hotel Nives gebaut. Neuer als das 2013 fertiggestellte Haus ist jedoch sein für Sulden ungewohntes Konzept. Die Untergeschosse dienen als Jugendherberge mit Stockbetten. Die beiden obersten Etagen bieten Hotelzimmer mit Balkonen. Die Gäste zahlen nur die Übernachtung und können selbst entscheiden, ob sie im Haus auch essen wollen. Diese Freizügigkeit kommt gut an. Überdies stehen Restaurant und Bar allen Besuchern offen und beleben so die Dorfmitte. Das Interieur hat Gapp ebenfalls gestaltet und dabei ist ihm auch die Funktion wichtig, nicht der schöne Schein. Also „praktische Sachlichkeit“? „Ja, das ist richtig“, sagt er zu diesem frisch erfundenen Begriff.

Das Nives steht in steilem Gelände. Daher hat die Südfassade nur vier Stockwerke, die von hohen Bäumen geschützte Nordseite jedoch acht. Wie gut das Nives den Dorfkern auffüllt, zeigt sich von ferne. Ein schöner Rücken kann nämlich auch entzücken.

Internationales Renommee erntete Gapp durch das von ihm geplante „Ortles Messner Mountain Museum“ von 2004 am Fuße des Ortler. Es ist dem Thema Eis gewidmet. Vorbei an einem weißen Wohngebäude, einem nach einer Tibet-Reise originalgetreu nachgebauten Sherpa-Haus, gelangen die Besucher ins unterirdisch angelegte Museum, das die Kellerräume unter dem Sherpa-Haus nutzt. „Im-End-der-Welt-Ferner“ heißt passenderweise die von Reinhold Messner konzipierte Dauerausstellung.

Tageslicht fällt durch entsprechende Bodenspalten auf die unbehandelten Sichtbetonwände, auf denen die zahlreichen „Eis-Bilder“ gut zur Geltung kommen. Gapp zeigt auf eines. Aus einem Fenster ist die echte Ortler-Spitze zu sehen, in einem weiteren Raum die weltgrößte Sammlung historischer Ortler-Bilder. Das überzeugendste Exponat ist jedoch das Ortles-Museum selbst. Zur Zeit denkt Gapp über Häuser und Wohnungen nach, in denen Menschen auf Dauer generationsübergreifend zusammenleben könnten.

Auch im weiter nördlich gelegenen Dorf Burgeis (1216 Meter) ist der Ortler noch präsent. Dort hat der Architekt Werner Tscholl (geboren 1955) gerade alle Hände voll zu tun, genauer gesagt im Benediktinerkloster Marienberg. Das schöne, weiße Bauwerk auf 1340 Meter Höhe ist die höchstgelegene Benediktinerabtei Europas. Von Mönchen aus dem bayerischen Kloster Ottobeuren wurde sie 1147 besiedelt. Auch der 2011 zum Abt gewählte Markus Spanier kommt aus Ottobeuren und führt das Kloster mit Tscholls Hilfe tatkräftig ins Heute.

Als nächstes geplant:
eine Bibliothek

Den ehemaligen, nach einer Schlammlawine nur halbwegs erhaltenen Wirtschaftstrakt hat Tscholl bereits zwischen 2005 und 2007 mit schwarzen Stahlelementen verstärkt und durch eine zweite Ebene erweitert. Im Erdgeschoss befindet sich nun ein Museum. Das alte, gereinigte Mauerwerk und der dunkle unbehandelte Stahl sind Kontrast und Symbiose zugleich. Mit seiner Architektur hat er sich bewusst, so sagt Tscholl, vom Vorhandenen abgesetzt. „Man muss unsere Zeit darstellen und eine Sprache sprechen, die sich mit dem Vorhandenen versteht.“ Ist das schwierig? „Nein. Das ist eine fantastische Arbeit und macht nur Freude“, betont er.
Besonders gelungen ist die Verbindung von Stahl, Gestein und Geschichte in einem dunklen, speziell beleuchteten Gang, an dessen Mauerseite weiße Stäbe kerzenartig aufgereiht sind. Umspielt von Lichteffekten stehen sie für die Anzahl der Mönche von einst bis jetzt. 46 war der Höchststand, elf sind es momentan.

Ein weiteres großes Bauprojekt, begonnen 2014, ist schon auf der Zielgeraden, die Bibliothek. Erstmals werden die rund 135 000 Bücher des Klosters der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und auf schwarzen Stahlregalen aufgereiht. Anfang Juli wurde noch heftig gewerkelt, doch Tscholl ist sich sicher: „2017 wird die Bibliothek fertig.“

Die größte Kostbarkeit wurde schon 1980 beim Umbau der Krypta entdeckt, die seit 1643 als Grablege der Mönche diente. Als man die Grufteinbauten entfernte und den Deckenputz beseitigte, kamen die zwischen 1175 und 1180 geschaffenen Fresken zum Vorschein, farbstarke Zeugnisse der Romanik von unschätzbarem Wert. Um sie zu schützen, ist die Krypta für Besucher nur zur Feier der Vesper um 17.30 Uhr geöffnet, das heißt montags bis samstags von Anfang Mai bis Ende Oktober. Ein Film im Museum zeigt ebenfalls ihre Schönheit.

Strahlendes Weiß statt stumpfes Schwarz war Tscholls Wahl für das 2016 fertiggestellte Schülerheim Fürstenburg, die jetzige Fachschule für Land- und Forstwirtschaft Fürstenburg. Als Nachbar dieser Trutzburg aus dem 13. Jahrhundert wollte er sein Bauwerk fast unsichtbar machen, doch das ist ihm glücklicherweise nicht gelungen. Dass es auch einen versteckten unterirdischen Teil gibt, zeigt sich von der Straße her.

Ein gewollter Blickfang ist sicherlich die von ihm entworfene Whisky-Destillerie Puni, die erste Whisky-Brennerei Italiens am Stadtrand von Glurns. Der 13 Meter hohe rostrote Kubus, gefertigt aus 5500 Betonziegeln, erheischt Aufmerksamkeit. Durch die Lochfassade fällt das Licht ins Gebäude und entfacht fabelhafte Farbspiele. Insgesamt wirkt der Puni-Bau wie ein Kontra zum mittelalterlichen, denkmalgeschützten Glurns, Südtirols kleinster Stadt, bekannt wegen ihrer charmanten Laubengassen.
Wie kommt Tscholl in dieser Nachbarschaft auf die rote „Riesenkiste“? „Ich mache Architektur intuitiv, im Kopf muss ein Blitz einschlagen. Die Idee darf niemals Arbeit sein“, betont er. Lebenserfahrung und internationale Einflüsse kämen hinzu. „Man lernt auch von anderen Ländern, von Romanik und Gotik“, fügt er an. Weit brauchte er eigentlich nicht zu schauen. Die roten Lochfenster eines alten Landwirtschaftsgebäudes in Glurns sind Ähnliches in klein und waren womöglich eine Inspiration. Tscholls moderne Interpretation ist die Fortsetzung ins Heute. (Ursula Wiegand)

(Der rostrote Kubus der Whisky-Destillerie Puni; Blick ins "Ortlers Messner Mountain Museum"; das Denediktinerkloster Marienberg und das Hotel Marlet - Fotos: Ursula Wiegand)

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