Bauen

Backsteinbauten prägen das Ortsbild von Eisenheim. (Foto: Neumann)

21.01.2011

Saniert statt platt gemacht

Eine Arbeiterinitiative verhinderte den Abriss der Siedlung Eisenheim im Ruhrgebiet

Eisenheim, ein kleiner Stadtteil von Oberhausen, ist auch ein Stück Ruhrgebietsgeschichte. Diese Siedlung, die vor 160 Jahren gebaut wurde, sollte eigentlich 1970 komplett abgerissen werden. Die Bewohner blieben aber standhaft, kämpften und gewannen: Eisenheim – ein starker Stadtteil – lebt und steht heute komplett unter Denkmalschutz.
Der erste Spatenstich erfolgte 1848 auf einem rund sieben Hektar großen Areal. Für die Hüttenarbeiter der Gutehoffnungshütte entstanden hier – in mehreren Bauphasen – ein- bis zweigeschossige Backsteinbauten. Erst Jahre später, in der zweiten Ausbaustufe ab 1865, zogen auch Bergleute nach Eisenheim, so dass bald über 1200 Menschen in 51 anderthalb-und zweigeschossigen Häusern wohnten.
Durch die fast 60-jährige Bauzeit (1846 bis 1903) waren die Haustypen ganz unterschiedlich: So verlegte man zum Beispiel während der dritten Ausbauphase ab 1872 die Wohnungen und Eingänge an die jeweiligen Hausseiten, so dass vier Familien im Außenbereich einen eigenen Eingang hatten. Wohnen wie in einem Eigenheim – ein Luxus für alle. Allerdings hatte dieses Leben auch kleine Einschränkungen: Es gab in den Wohnungen weder Badezimmer noch Toiletten und Heizungen. Kohleöfen verströmten eine angenehme Wärme; die tägliche Körperpflege fand am Wasserhahn in der Küche statt. Wer auf die Toilette musste, ging zum Plumpsklo auf dem Hof.
Zusammen mit dem Dung aus den angebauten Stallungen, in dem die Eisenheimer Hühner, Gänse, Ziegen oder auch Schweine zur Eigenversorgung hielten, wurden diese Rückstände meistens als Dünger in den Siedlungsgärten verwendet. Viele Häuser erhielten erst in den 1970er Jahren einen Anschluss an das städtische Kanalisationsnetz und konnten dann auch endlich – zur Freude der Bewohner – renoviert werden. Das war auch mittlerweile dringend notwendig geworden, denn während des Zweiten Weltkriegs wurden einige Häuser durch Bombenangriffe teilweise zerstört.
Eisenheim wirkte jahrzehntelang mausgrau und hässlich. Diese unansehnlichen Altbauten sollten abgerissen werden. Das ließen sich die Bewohner aber nicht gefallen und protestierten mit Erfolg: Nach vielen Diskussionen und Gesprächen konnten die verbliebenen 38 Häuser vor dem Abriss gerettet und 1991 komplett unter Denkmalschutz gestellt werden. Der erfolgreiche Widerstand der Eisenheimer führte zur Gründung einer der ersten Arbeiterinitiativen im Ruhrgebiet, die auch 1978 einen Kulturpreis der kulturpolitischen Gesellschaft erhielt.
Die Besitzer von Eisenheim wechselten im Laufe der Jahre: Nach der August Thyssen Hütte AG wird diese Siedlung jetzt von der TreuHandStelle für Bergmannswohnstätten verwaltet. Aus einer ehemaligen Eisenhüttensiedlung ist eine vorzeigbare Siedlung mit Geschichte und Charakter geworden: Sie ist auch ein Teil der Route der Industriekultur geworden, die sich quer durch das Ruhrgebiet zieht.
Im ehemaligen Waschhaus der Siedlung finden interessierte Besucher auch die ereignisreiche Geschichte der Siedlung in Wort und Bild dokumentiert.
(Sabine Neumann)

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