Bauen

Schwimmende Schule in Makoko. (Foto: Iwan Baan)

22.11.2013

Schwimmende Schulen und Häuser aus Sandsäcken

Die Ausstellung "Afritecture" zeigt, wie Architektur das Leben in Afrika verbessern kann

Sie erinnert an die Arche Noah, besitzt das Filigrane einer Bohrinsel, ist der größte öffentliche Platz der Gegend und erhebt sich als dreigeschossige Holzkonstruktion über einem Ponton aus 256 recycelten Plastiktonnen. Auf der Plattform des nigerianischen Architekten Kunlé Adeyemi, inspiriert von den einfachen Strukturen der Pfahlbauten der Umgebung, wird statt Rohöl Wissen gefördert. Die als Prototyp entwickelte Architektur, ausgestattet mit innovativen Komposttoiletten und Fotovoltaikanlage zur Stromgewinnung, ist eine Investition in die Bildung: die reale Vision einer schwimmenden Schule mit vier Klassenzimmern für 100 Schüler.
Ein Modell, das Schule machen und die Lebensbedingungen im nigerianischen Fischerdorf Makoko im Stadtgebiet von Lagos nachhaltig verbessern könnte. Weil es auf dem von Flutkatastrophen bedrohten Festland für die vom Fischfang und der Holzverarbeitung lebenden Bewohner zu eng war, hat sich das Siedlungsgebiet bereits vor Jahrzehnten in das Brackwasser der seichten Lagune hinausgewagt.
Während der Westen generell den Rückgang der Bevölkerung und das Aussterben ganzer Regionen beklagt, verzeichnen die durch Armut und Analphabetisierung gekennzeichneten Länder Afrikas stabile Bevölkerungszuwächse und einen rasanten Aufwärtstrend der Urbanisierung, was die Probleme vor allem derjenigen verschärft, die in illegalen, slumartigen Unterkünften, so genannten informellen Strukturen am Rande der Megacitys wohnen.
Eine Alternative dazu könnte lauten: Bauen gemeinsam mit den späteren Nutzern, durch einheimische Architekten und unter Berücksichtigung der eigenen Bautradition. Was bereits vor einem halben Jahrhundert als Neubeginn afrikanischer Architektur vom Architekturhistoriker Udo Kultermann angedacht wurde, scheint erst jetzt Wirklichkeit zu werden. Zumindest in ganz vereinzelten und bescheiden Ansätzen, wie die aktuelle Ausstellung Afritecture – Bauen mit der Gemeinschaft im Architekturmuseum der Technischen Universität München (TUM) in der Pinakothek der Moderne zeigt.
Anhand von 26 Beispielen aus zehn Ländern Subsahara-Afrikas wird deutlich gemacht, wie Architektur die Welt zum Besseren wenden kann. Die leise Hoffnungen weckende Schau, ist zugleich Auftakt der Ära des neuen Leiters des Architekturmuseums Andreas Lepik, der verstärkt die zeitgenössische internationale Architektur ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken will.
Lepiks Interesse für Afrika wurde maßgeblich angeregt im Jahr 2002 durch die Documenta 11 unter Leitung von Okwui Enwezor (heute Direktor des Hauses der Kunst in München), der erstmals den Fokus auf die hierzulande beinahe unbekannte Architektur Afrikas lenkte. Auch der Werkstattcharakter des damaligen Kasseler Kunstevents scheint auf die Münchner Schau abgefärbt zu haben.
Das beginnt bereits am Eingang der mit Modellen, Videos, Fotos, und Architekturplänen zu Wohnsiedlungen, Bildungsbauten, Krankenhäusern reich bestückten und mit Pappkarton ausgelegten Ausstellung, wo es heißt: bitte Schuhe ausziehen! Die Geste des Respekts macht dem Besucher auch klar, dass viele Afrikaner sich gar keine Schuhe leisten können. Unter ihren Fußsohlen spüren sie Sand und Lehm, den heimischen Baustoff, der verdrängt wurde in der Ära kolonialer Bevormundung durch die Moderne.


Berücksichtigung der eigenen Bautradition

Wie zukunftsfähig die Lehmarchitektur in Afrika ist, zeigt unter anderen Peter Richs Museum im Nationalpark Mapungubwe in Limpopo an der Grenze zu Botswana und Simbabwe. Mit flachen Lehmziegeln, die, in mehreren Schichten verbaut, zur Überkuppelung seiner Räume dienen, holt der Johannesburger Architekt eine vergessene Baukultur wieder in die Erinnerung zurück.
Bauen für die Zukunft im Rückgriff auf alte Bauerfahrungen, das lernen auch Studenten in Kigali in Ruanda, wo 2008 der erste Lehrstuhl für Architektur eingerichtet wurde. Im kenianischen Malaa bei Nairobi entstand in Zusammenarbeit mit Studenten der TU München eine Schule für Handwerker, gebaut in Kombination von Naturstein mit Bambusrohr und zugleich ein Musterbau für regenerative Energiequellen.
In Südafrikas Hauptstadt Kapstadt wurde für wenig Geld, aber mit viel Eigeninitiative Wohnraum geschaffen. Übereinander geschichtete Sandsäcke, die von Maschendrahtzaun gehalten werden, bilden Wände mit hervorragenden Isolationseigenschaften.
Um klimagerechtes und menschenwürdiges Bauen geht es auch dem Architekten Francis Kéré. Der Sohn eines Stammesfürsten war in seinem Geburtsort Gando in Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, das erste Kind, das eine Schule besucht hat. Kéré hat es geschafft, eine Lehre als Schreiner zu machen und sich anschließend über Stipendium und Abendstudium bis zum Architekten mit eigenem Büro in Berlin heraufzuarbeiten. Für sein Heimatdorf baute er bereits als Student 2001 eine Schule aus Lehmziegeln und mit einem Doppeldach, das wie eine Klimaanlage funktioniert. Dafür bekam er 2004 den begehrten „Aga Khan Award for Arcitecture“ überreicht. Der Erlös kam weiteren sozialen Projekten zugute.
Mithilfe lokaler Arbeitskräfte, überlieferter Bauweise und ressourcenschonender Technologie entstanden architektonisch ansprechende Gebäude wie eine Bibliothek und ein Frauenzentrum. Dabei sind Kérés funktionale Lösungen bisweilen erstaunlich simpel wie genial: Neben Lehmziegeln kommen traditionelle Tonkrüge zum Einsatz, die von den Frauen hergestellt werden. Sie dienen entweder als Getreidespeicher in den Zwischenräumen der Wände oder als natürliche Oberlichter und Belüftungskörper an der Decke.
Zum Gelingen seiner Bauten gehörte anfangs auch viel Überzeugungsarbeit, berichtet der charismatische Kéré. Erwarteten die Dorfbewohner von ihm anfangs schlüsselfertige, edle und moderne Konstruktionen in Glas und Stahl, beteiligte der Architekt aus Deutschland sie stattdessen am Entwurfs- und Bauprozess identitätstiftender Architektur, anknüpfend an ihre eigenen vergessenen Traditionen. Drängt sich da nicht die Frage auf: Könnte in punkto Bürgerbeteiligung beim Bauen nicht der Westen von Afrika lernen?
(Angelika Irgens-Defregger)
Die Ausstellung „Afritecture – Bauen mit der Gemeinschaft“ in der Pinakothek der Moderne ist noch bis zum 12. Januar 2014 zu sehen.

(Mapungubwe Interpretation Center, Limpopo/Südarfrika und eine Handwerksschule in Malaa bei Nairobi - Fotos: Robert Rich/Matthias Kestel)

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